KURIER: Fühlen Sie sich da nicht schuldig, wenn sie selbst Diesel fahren?
Lundt: Nein. Warum sollte ich das? Mein Auto erfüllt die Euro-5-Norm und ist für den Straßenverkehr zugelassen. Ich darf es benutzen, auch in der Berliner Innenstadt.
Dieselfahrzeuge gelten als Gesundheitsgefahr, weil sie zu viele Stickoxide und Feinstaub ausstoßen.
Mag ja alles sein. Aber ich brauche ein kräftiges Auto. Außerdem halte ich dieses Thema für überbewertet. Die Mengen, um die es geht, sind gering.
Der Senat will erreichen, dass künftig nur noch Dieselautos mit niedrigen Abgaswerten in die Innenstadt fahren dürfen. Um solche Fahrzeuge zu kennzeichnen, soll bundesweit eine Blaue Plakette eingeführt werden. Müssen Sie nicht fürchten, dass Sie mit Ihrem Dieselauto künftig aus dem Zentrum ausgesperrt werden?
Im Moment nicht. Ich gehe aber davon aus, dass die Blaue Plakette irgendwann in naher Zukunft kommen wird. Dann können Sie 95 Prozent der Dieselfahrzeuge vergessen. Die dürfen dann nicht mehr in die Innenstädte fahren.
Lassen Sie mich kurz nachrechnen: Von den fast 300.000 Dieselfahrzeugen, die in Berlin zugelassen sind, dürften nur noch rund 15 000 innerhalb des S-Bahn-Rings fahren?
Gut möglich. Allerdings kämen dann noch die Kommunalfahrzeuge hinzu, also die Fahrzeuge der BSR, der Polizei und so weiter. Die sind ja schon von den Regelungen der Umweltzone ausgenommen.
Bislang sind die Pläne noch nicht konkret. Werden die Betriebe der Kfz-Innung trotzdem schon von Autofahrern mit Fragen konfrontiert?
Es gibt Fragen, ja. Aber eine Panik stellen wir noch nicht fest. Die Autofahrer wissen noch nicht, was auf sie zukommt. Im Moment sieht alles noch so aus, als ob wieder einmal eine Ideologie durchs Dorf getrieben wird, und dass das alles weit weg ist von vernünftigen, nachvollziehbaren Rechnungen.
Werden jetzt in Berlin überhaupt noch Dieselfahrzeuge gekauft?
Mein Schwiegersohn in spe ist Mercedes-Verkäufer. Er wird mehrmals pro Woche mit Umbestellungen konfrontiert. Wer einen Diesel geordert hat, will nun lieber einen Benziner.
Fragen Autofahrer in den Innungsbetrieben nach, ob sie ihren Diesel umrüsten können?
Noch nicht. Aber es wird so kommen, so war es schließlich auch vor der Einführung der Berliner Umweltzone 2008. Technisch wird es solche Möglichkeiten mit Sicherheit geben, aber ob sie auch sinnvoll, praktikabel und zu vertretbaren Kosten umsetzbar sind, müssen wir sehen. Ich habe da meine Zweifel.
Bei Lkw gibt es inzwischen Module zur Abgasreinigung, die man nachrüsten kann. Für Pkw haben wir solche Lösungen bislang noch nicht. Neue Euro-6-Fahrzeuge sind ab Werk mit einer Harnstoffeinspritzung ausgestattet, die Stickoxide wirksam reduziert. Eine Nachrüstung anderer Fahrzeuge ist nach jetzigem Stand nicht möglich, da müsste man die gesamte Motorsteuerung austauschen.
Wird die Blaue Plakette nicht ein schönes Konjunkturprogramm für die KfZ-Betriebe?
Auf der einen Seite geht es um zusätzliche Nachfrage und Aufträge, das stimmt. Als vor einigen Jahren die Umweltzone eingeführt wurde, haben wir gern viele Kraftfahrzeuge mit Filtertechnik nachgerüstet und dafür gesorgt, dass der Autoverkehr noch sauberer wird.
Auf der anderen Seite fühlen wir uns aber auch als Anwälte der Verbraucher – und stellen fest, dass deren Vertrauensschutz verletzt wird. Viele Autofahrer haben ihr Fahrzeug mit Partikelfiltern nachgerüstet. Jetzt macht die Politik ihnen schon wieder Vorwürfe – diesmal, weil solche Filter den Stickoxidausstoß erhöht haben.
Bekommen ältere Dieselfahrzeuge wie in Stuttgart bald auch in Berlin ein Innenstadtverbot?
© dpa
Stickoxide und Feinstaub schaden der Gesundheit. Muss dagegen nicht etwas getan werden?
Im Sommer war ich in Peking und habe dort richtigen Smog erlebt. Wenn jemand wissen will, was Smog ist, dann sollte er dorthin fahren. Früher konnte ich schon in Leipzig die Dunstglocke riechen, die über Berlin hing. Was wir heute in Berlin haben, ist damit nicht zu vergleichen, das ist lächerlich, ein Witz.
Seit der Einführung der Abgasreinigung beim Diesel 1985 haben wir 99 Prozent der Schadstoffe aus den Abgasen herausgeholt. Wir haben saubere Luft, und trotzdem wird jeder Giftstoff gejagt, werden die Grenzwerte immer weiter gesenkt, damit sich Politiker profilieren können.
Das ist es, was ich an diesem Thema so hasse. Es geht nicht mehr um Fakten. Es geht nur noch gegen das Auto, gegen das Privatauto. Deutschland will die Welt retten.
Aber ist es nicht wirklich so: In Berlin werden die Grenzwerte für Stickoxide vielerorts überschritten.
Ich bemängele schon seit langem, dass die Standorte der Berliner Luftgütemessstationen nicht repräsentativ sind. Sie befinden sich vor allem an Hotspots mit großer Belastung, zum Beispiel an der Frankfurter Allee oder der Schildhornstraße. Kein Wunder, dass wir mit den Werten nicht klarkommen.
Ich meine, dass Messstationen auch an Straßen gehören, die etwas breiter sind und Bäume haben. Ich habe noch einen anderen Vorschlag: Wenn die Grenzwerte auf der Frankfurter Allee überschritten werden, sollte der Senat testweise die Straße für Dieselfahrzeuge sperren – und messen, was das wirklich bringt. Ich wette, dass da ein erstaunliches Ergebnis herauskommen würde. Dass ein Fahrverbot kaum nützt.
Der Senat denkt über etwas anderes nach: Tempo 30 auf weiteren Hauptverkehrsstraßen in Berlin.
Darüber kann ich nur lachen. Wenn mir jemand versprechen würde, dass ich mit Tempo 30 durch die Stadt käme, würde ich sofort zusagen. Heute sind wir im Durchschnitt meist langsamer unterwegs. Ich beobachte oft, dass Baustellen einfach stehen gelassen werden, obwohl die Bauarbeiter fertig geworden sind.
Ich unterstelle der Senatsverwaltung einen Vorsatz darin, dass sie den Verkehr behindern will. Sie müssen nur mal vormittags probieren, den Hohenzollerndamm in Wilmersdorf entlang zu fahren. Dort müssen sie an jeder Ampel halten.
Bürger haben gegen Umweltzonen geklagt. Werden Autofahrer auch gegen die Blaue Plakette klagen?
Wir werden uns als Branche dazu noch abstimmen. Aber ich persönlich glaube nicht daran, dass viele Autofahrer klagen werden. Wir sind zu bequem. Viele sagen: Dann wechseln wir eben das Auto. Das hat schon die Umweltzone gezeigt: Als die ersten Ausnahmegenehmigungen kamen, um Spitzen zu brechen, kehrte Ruhe ein.
Was ist Ihre Forderung?
Bei der Plakette muss es Übergangsregelungen geben – mit einer Laufzeit von zehn, vielleicht sogar 15 Jahren. Ich will allerdings keinen falschen Eindruck entstehen lassen. Für uns als Innung ist der Umweltschutz von größter Wichtigkeit.
Wir haben eine große Werkstatt und Ausbildungsstätte zur Elektromobilität, wir überwachen die Abgasuntersuchungen in Berlin und achten darauf, dass sie korrekt ausgeführt werden. Wir tun alles, was getan werden kann, damit die Emissionen des Kraftfahrzeugverkehrs gesenkt werden. Für Schwachsinn sind wir allerdings nicht zu haben.
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