Ich war böse. Ich habe wirklich etwas Dummes angestellt. Und ich sehe auch ein, dass ich bezahlen muss. Aber trotzdem frage ich mich – nein: Ich frage Sie, ob eine Dreifach-Strafe gerecht ist. Eine Abkanzlung, wie sie jeden Tag bestimmt Dutzenden treuen Kunden der BVG passiert.
Ja, ich habe es getan: Ich bin ohne gültigen Fahrschein in meinem direkten Besitz mit der Straßenbahn gefahren.
In meinem direkten Besitz … Dieser Zusatz ist mir wichtig. Bin ich doch seit elf Jahren Abonnent der BVG-Fahrscheine. Elf Jahre. Rund 100 000 Stunden sind das. Doch am 2. Juni um 10.35 Uhr war ich zehn Stunden und 35 Minuten über der Kulanz. 0,01 Prozent des bestehenden Kundenverhältnisses.
„Kontrolle, die Fahrscheine bitte.“ In der M1 am Rosenthaler Platz standen plötzlich viele, viele BVG-Mitarbeiter. Schwerpunktkontrolle wie sich später herausstellte. Mein Sohn und ich waren unterwegs nach Tegel, Gymnasium anschauen. Er hatte seine Fahrkarte natürlich dabei. Ich die Trägerkarte für das Job-Ticket, schön alt aber immer noch schön, und den Abschnitt für Mai.
„Aussteigen und dort rübergehen“, der kahlgeschorene Kontrolleur war jetzt nicht unbedingt freundlich. Aber egal. Ein Wort noch: Kahlgeschoren ist mir piepe. Genauso wie Größe, Geschlecht, Hautfarbe oder Antennen auf dem Kopf. Cool ist cool. Uncool ist uncool.
Der Typ war nun definitiv uncool. Als ich ihn fragte, ob er aufgrund meiner Trägerkarte und des Schultickets meines Sohnes nicht eine Ableitung auf unsere Moral in Sachen Tickets ziehen könne, verzog er nur das Gesicht. „Kulanz ist abgelaufen.“ Ich so: „Ja, um zehn Stunden.“ Er: „Ne Extrawurst gibt’s nicht.“ Ich so: „Wir haben es ein bisschen eilig und ehrlich, ich empfinde das gerade als Schikane.“
Saublöd von mir. Jetzt wurde die Polizei dazugerufen, verzichtete aber trotz meines bösen Wortes „Schikane“ auf den Einsatz von Pfefferspray oder Schusswaffen. Doch jede Tätigkeit musste ich für den Kontrolleur jetzt drei Mal ausführen. Dreimal Ausweis zeigen. Dreimal den Mai-Abschnitt rausholen, bis endlich die Nummer übertragen werden konnte. Es dauerte und dauerte …
In diesem Moment war es dann auch schon egal. Seinen Namen wollte mir der Kontrolleur natürlich nicht nennen. Foto oder Foto von Ausweis mit Bild verbot er sich ebenfalls. Ups, hab ich wohl überhört …
Irgendwann fuhren wir dann weiter Richtung Tegel. Mit drei weißen Zetteln – in Zahlen: 3 – und der Auskunft: Wenn ich innerhalb einer Woche an der Jannowitzbrücke mein Job-Ticket nachweise, muss ich statt 40 Euro Strafe nur sieben Euro Bearbeitungsgebühr zahlen. Siebenkommanullnull Euro.
Dazu wurden natürlich die zweimal 2,70 Euro für die Fahrt nach Tegel und zurück fällig. Alles obendrauf auf mein wie gesagt seit elf Jahren lückenlos und pünktlich bezahltes Job-Ticket.
Jetzt stelle ich mich dem Tribunal der Bürger:
Ach ja. Ein einziger BVG-Mitarbeiter stieg kurioserweise mit uns in den nächsten Zug, während die anderen am Rosenthaler Platz blieben. Er kam zu mir und sagte: „Ich hätte sie ‘nen Fahrschein lösen und weiterfahren lassen. Man darf ja auch mal hinschauen und sieht dann, was los ist. Aber Glatze ist einer der ganz Scharfen und heute waren auch Aufpasser mit dabei. Pech gehabt.“
Tja. Pech, weil ich gegenüber der BVG 0,01 Prozent böse war.
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