KURIER: Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, warum Sie zu DB Cargo gehen – einem Unternehmen mit wachsendem Defizit, Qualitätsproblemen und wechselndem Chefpersonal. Warum tun Sie sich das an?
Sigrid Nikutta: Das sind 1:1 dieselben Formulierungen, die ich mir anhören musste, kurz bevor ich 2010 zur BVG kam. Chefin von DB Cargo zu sein, ist eine der größten Herausforderungen, die es in Deutschland gibt, und das reizt mich. Außerdem kenne ich das Unternehmen bereits. Ich war zehn Jahre dort, bevor ich zur BVG kam und hier weitere wichtige Erfahrungen sammeln konnte.
Soll in ganz Berlin fahren: der Berlkönig, Konkurrenz fürs Taxi.
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Der Zustand der U-Bahn ist bei Ihrem Abschied nicht der beste. Die Flotte ist zu klein und zu alt.
Es stimmt nicht, dass die BVG nicht rechtzeitig reagiert hat. Noch vor meiner Zeit wurde entschieden, für das Großprofil, die Linien U5 bis U9, keine neuen Züge zu kaufen, sondern die alten zu sanieren. Damals ging die U-Bahn-Mannschaft noch davon aus, dass das bei allen älteren Fahrzeugen möglich ist. Später stellte sich aber heraus, dass das viel anspruchsvoller war als erwartet – und bei vielen Wagen nicht möglich. Inzwischen haben wir viele neue Züge angeschafft und den Kauf weiterer Wagen vorbereitet. Die Werkstätten wurden personell massiv aufgestockt. Die Situation ist herausfordernd, aber wir gehen gut damit um. Es gibt aber auch Themen, die wir nicht beeinflussen können. Das Thema Graffiti ist echt ein Ärgernis.
2018 fielen 21.000 Kilometer aus, weil U-Bahnen von Schmierereien befreit werden mussten, in diesem Jahr waren es allein bis Ende September rund 50.000. Wie wollen Sie diesen Trend stoppen?
Wir rüsten jetzt massiv hoch, was die Überwachung der Abstellanlagen bei der U-Bahn angeht. Zum einen hat die BVG damit begonnen, auch dort die Videotechnik auszubauen. Zum anderen haben wir dafür gesorgt, dass bestimmte Abstellbereiche dauerhaft von Sicherheitskräften bewacht werden. Wir überlegen außerdem, ob wir in einer weiteren U-Bahn-Werkstatt eine Anlage einrichten, in der Schmierereien beseitigt werden können – was übrigens extrem umweltschädliche Chemikalien erfordert. Eine solche Anlage haben wir nur in Grunewald. Wir planen eine weitere in Britz.
Sigrid Nikutta und Verkehrssenatorin Regine Günther.
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Finden Sie, dass die Berliner zu viel über die BVG meckern?
Meckern gehört zum Berliner Charme. Allerdings können die Berliner auch vergleichen. Wer mal woanders gelebt hat oder im Urlaub war, der sagt: Eigentlich ist unser System doch schon sehr gut. In China habe ich viele neue U-Bahnhöfe und -Züge gesehen, doch meist stellt die U-Bahn dort ihren Betrieb gegen 22.30 Uhr ein und beginnt erst um 6 Uhr. Den Anspruch, dass die Fahrgäste rund um die Uhr überall hinkommen, haben die meisten anderen Städte nicht. Weltweit kann sich die BVG in allem sehen lassen.
Ab Januar 2020 darf die BVG Falschparker von Busspuren abschleppen. Wo werden sich Ihre Leute auf die Lauer legen?
Unsere Leute kennen natürlich die Straßen, auf denen uns Falschparker permanent Ärger bereiten – zum Beispiel die Hauptstraße in Schöneberg oder die Schloßstraße in Steglitz. Bei unserer Abschleppflotte sind wir übrigens unkonventionelle Wege gegangen und haben gebrauchte Fahrzeuge gekauft. Insgesamt fünf solcher Wagen haben wir bereits, zwei kommen noch bis zum Jahresende, ein weiterer zum Start Anfang Januar. 80 Mitarbeiter sind bei uns für das Abschleppen zuständig. Für die Umsetzung eines Fahrzeugs unter 3,5 Tonnen berechnen wir 208,33 Euro, womit wir aber keinen Cent Gewinn machen. Die Kosten für die Knöllchen der Polizei kommen dann noch hinzu. Ich hoffe, dass das eine maximal abschreckende Wirkung hat.
Mach’ uns das Herz! „Weil wir Dich lieben“ heißt der Slogan der BVG. Viele Berliner fühlen sich allerdings von der BVG nicht zurückgeliebt.
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Egal, wie gut der Nahverkehr ist – viele Menschen werden weiter Auto fahren.
Wir sind schon dabei, in der Innenstadt den Nahverkehr weiter auszuweiten und die Zahl der Autos zu verringern. Doch für viele Berliner wird das Auto eine Option bleiben, und das ist auch in Ordnung. Eine unserer großen Errungenschaften in Deutschland ist, dass die Menschen ihre Art der Fortbewegung frei wählen können.
Sie wünschen sich eine Nachfolgerin. Sind Frauen in Ihrem Metier nicht schwer zu finden?
Das glaube ich nicht, es gibt genug gute Frauen in der Branche. Was ich meiner Nachfolgerin wirklich wünsche: Dass sie das System mit den Verkehrspolitikern weiter entwickelt, visionär arbeitet: In diesem Jahr wird die Fahrgastzahl, die 2018 bei 1,102 Milliarden lag, erneut steigen – wir rechnen mit einem Zuwachs von 20 bis 30 Millionen. Irgendwann wird die BVG pro Jahr zwei Milliarden Fahrgäste befördern. Weichen für die weitere Entwicklung nach vorn sind gestellt, und wir haben hier wirklich ein tolles Team. Es macht richtig Spaß, hier zu arbeiten.
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