Bruno Ganz

„Meine Grundeinstellung ist immer noch links“

Der Schauspieler über seine Rolle als SED-Funktionär und seine DDR-Erfahrungen.

Marco Schmidt
Lesezeit 6 Min
„Ich habe Glück gehabt: Das Leben war gut zu mir.“ Bruno Ganz ist mit sich und der Welt im Reinen.

„Ich habe Glück gehabt: Das Leben war gut zu mir.“ Bruno Ganz ist mit sich und der Welt im Reinen.

© Christian Schulz

Als greiser DDR-Funktionär ist Bruno Ganz jetzt im Kino zu sehen – in der Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Im Hotel Grand Hyatt Berlin treffen wir den medienscheuen 76-jährigen Star zu einem seiner seltenen Interviews. Schüchtern reicht er zur Begrüßung die Hand, höflich stellt er sich vor: „Ganz, Bruno, angenehm!“

KURIER: Herr Ganz, auf dem roten Teppich vermitteln Sie stets den Eindruck, dass Sie sich im Blitzlichtgewitter extrem unwohl fühlen.

Bruno Ganz: Ja, das stimmt. Sobald ich an einen roten Teppich komme, denke ich: Hoffentlich bin ich ganz schnell im Saal! Ich hasse es, wenn ich mich so in der Öffentlichkeit präsentieren soll. Ich denke mir: Du bist ja doof! Kannst du das nicht einfach ein bisschen genießen? Aber ich kann’s nicht. Es bereitet mir ein derart starkes physisches und psychisches Unbehagen, dass ich mir tatsächlich überlege, ob ich jemals wieder einen roten Teppich betrete.

Bei „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ sieht man Sie minutenlang Essiggurken essen. Mögen Sie die Dinger? Oder hängen sie Ihnen inzwischen zum Hals heraus?

Ach, das war gar nicht so arg am Set. Ich habe nicht gezählt, wie viele Essiggurken ich vor der Kamera essen musste, aber das war bloß an einem einzigen Drehtag, vielleicht eine Stunde lang. Und ich mag Gurken, nicht nur die Spreewälder.

Sie spielen einen verknöcherten SED-Funktionär. Haben Sie mal so einen Altstalinisten kennengelernt?

Nein, so einer ist mir nie begegnet, aber ich habe viel über solche Leute gelesen. Mein Wissen über die DDR speist sich hauptsächlich aus der Literatur. Das Thema hat mich immer sehr stark interessiert. Zudem war ich in den 70er-Jahren an der Berliner Schaubühne engagiert, die sich als linkes Theater verstand – und dort haben wir eine Zeit lang einmal pro Woche eine marxistisch-leninistische Schulung bekommen.

Waren Sie selbst je Marxist?

Ich war immer, wie man in der DDR gesagt hätte, ein bürgerlicher Künstler – mit linken Tendenzen. Die Moskau-Fraktion mochte ich damals nicht so gern. Ich glaube, die Leute in der DDR haben zu Recht über uns gelacht, über die Studenten, die im Westen für den Sozialismus gekämpft haben.

Und heute? Beteiligen Sie sich in der Schweiz, wo Sie wohnen, regelmäßig an den Abstimmungen?

Ja. Und meine Grundeinstellung ist immer noch links, aber ich bin kein Parteisoldat: Ich erlaube mir durchaus, auch mal für die Rechten zu stimmen, wenn mir ihre Argumente vernünftig vorkommen.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ spiegelt die Geschichte der DDR im Schicksal einer Familie. Filmszene mit Bruno Ganz als Wilhelm Powileit.   

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ spiegelt die Geschichte der DDR im Schicksal einer Familie. Filmszene mit Bruno Ganz als Wilhelm Powileit.   

© dpa

Sind Sie öfters mal in die DDR gereist?

Ja, ich war häufig in Ostberlin und bin dort gern ins Theater gegangen. Im Gegensatz zu den Westberlinern kam ich als Schweizer ja ziemlich leicht über die Grenze. Später war ich auch einige Male in Dresden, in Meißen und zum Wandern im Elbsandsteingebirge.

Und wie haben Sie die DDR bei Ihren Besuchen empfunden?

Anfangs hatte ich als kleiner Schweizer eine furchtbare Angst, wenn ich in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße über die Grenze wollte und dort erst einmal in einen Keller geschickt wurde, wo ich irgendwelche willkürlichen Befehle ausführen musste: „Zeigen Sie mal dies!“ und „Machen Sie mal das!“ und so weiter. Ich kam aus einem sehr behüteten Land – da kannte man so was nicht. Und ich dachte: Mich, den unbedeutenden Schweizer, beschützt hier keiner. Die können mit mir machen, was sie wollen. Später wurde dieses Unbehagen dann abgelöst durch ein Interesse an der politischen Situation: Ich fing an, mich mit Begriffen wie „leninistische Kaderpartei“ oder „Bitterfelder Weg“ zu beschäftigen.

Hätten Sie sich vorstellen können, in der DDR zu leben?

Nein. Ich fand den Aspekt der Gängelei und Unterdrückung immer so unangenehm, dass ich damit nichts zu tun haben wollte. Allerdings merkte ich, dass viele Leute, die ich dort kennenlernte, damit offenbar kein Problem hatten. Sie erzählten mir, die Freundschaften in der DDR seien stärker gewesen, und die Menschen hätten sich besser aufeinander verlassen können. Und das mag schon sein: Der Kapitalismus hat ja nun wirklich nichts Warmes an sich – wir leben hier in einem sehr kühlen System.

Der Film serviert schwere Themen mit einer schönen Portion Humor. War es Ihnen wichtig, die Komik in den tragischen Ereignissen zu zeigen?

Ja, ich habe mich durchaus darum bemüht. Das war natürlich in Wolfgang Kohlhaases Drehbuch angelegt – schon beim Lesen fand ich einige Sachen ziemlich lustig. Aber es war mir auch sehr wichtig, nicht bloß einen senilen, doofen Witzbold zu spielen. Ich dachte: Die Figur muss zumindest ihre Würde behalten, sonst kapiert man ja gar nicht, was die DDR mal gewesen ist.

Sie haben den Ruf, bei der Arbeit kompromisslos zu sein.

Nun, ohne Kompromisse kann man ja nicht leben. Wenn ich allerdings von einer Sache überzeugt bin und man mir keine vernünftigen Gegenargumente bringt, dann beharre ich manchmal schon auf meinem Standpunkt. Aber ich glaube nicht, dass ich schwierig im Umgang bin. Ich lasse mich nur nicht gern gängeln. Da kann es durchaus mal passieren, dass ich resolut werde. Oder vielleicht etwas schroff.

Könnten Sie sich auch vorstellen, jemanden wie Donald Trump zu spielen?

Nein. Ich sehe da keine Möglichkeiten für mich als Schauspieler, und es reizt mich auch nicht besonders. Trump ist doch nichts weiter als ein Kindskopf. Er verhält sich ständig wie ein beleidigtes Kind, das quengelt: „Du hast mir meinen Teddy weggenommen, ich hau“ dich gleich!“ Das finde ich ziemlich uninteressant.

Bei „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ spielen Sie einen 90-Jährigen, im wahren Leben sind Sie erst 76. Denken Sie manchmal übers Älterwerden nach?

Sicher. In meinem Alter ist das Ende nicht mehr fern. Ich habe aber keine Angst davor. Manchmal, wenn ich einen jungen Mann sehe, der nur so strotzt vor lauter Kraft, dann werde ich schon ein bisschen wehmütig. Aber ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen. Ich habe Glück gehabt: Das Leben war gut zu mir.

Ist die Schauspielerei für Sie eine Art Lebenselixier?

Ich glaube schon. Ich habe einfach das Bedürfnis zu spielen. Es beschäftigt mich auf eine tolle Art und Weise. Ich habe noch nichts Anderes gefunden, das mich so sehr erfüllen würde wie die Schauspielerei. Darum mache ich weiter, so lange ich kann – so lange es Körper und Geist erlauben. Also hoffentlich bis zum Schluss! (Lacht.)

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