Bruchlandung?

Der letzte Aufruf für Air Berlin

Um den Rettungsflieger zu bekommen, soll der Staat bürgen.

Gerhard Lehrke
Lesezeit 4 Min
Air Berlin sucht in Berlin und Nordrhein-Westfalen nach Bürgschaften.

Air Berlin sucht in Berlin und Nordrhein-Westfalen nach Bürgschaften.

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Die Rechtsreferentin Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Berlin-Brandenburg erklärt: Individualreisende sind bei einer Insolvenz einer Airline nicht gesetzlich abgesichert. Sie könnten nur darauf hoffen, dass ein guter Insolvenzverwalter den Flugbetrieb so lange wie möglich aufrecht erhält, so dass der gebuchte Flug auch stattfindet oder eine andere Fluggesellschaft einspringt.

Eine Stornierung sei ungünstig, weil der gezahlte Flugpreise in die Insolvenzmasse einfließt – und da stehen einzelne Kunden mit ihren Ansprüchen weit hinter Gläubigern, zum Beispiel Banken, und den Beschäftigten. Das gilt auch für Entschädigungen nach der EU-Fluggastrechte-Verordnung, die bei Annullierung oder Nichtbeförderung fällig würden, je nach Streckenlänge zwischen 250 und 600 Euro liegen.

Thomas Winkelmann, seit sechs Monaten am Air-Berlin-Ruder.

Thomas Winkelmann, seit sechs Monaten am Air-Berlin-Ruder.

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Pauschalreisende haben es besser: Sie erhalten vom Veranstalter vor der Bezahlung einer Reise einen „Sicherungsschein“, auf dem steht, welcher Versicherer bei einer Pleite einspringt. Sie zahlt für die selbst organisierte Rückreise, wenn der Flug ausfällt – einschließlich Zusatzkosten zum Beispiel für eine weitere Übernachtung, sagt KURIER-Rechtsexperte Wolfgang Büser. Ansprüche aufgrund der EU-Verordnung muss der Kunde gegenüber dem Insolvenzverwalter geltend machen.

Unterdessen hat der Bund sich in das Bürgschaftsverfahren eingeschaltet, das Air Berlin in die Wege geleitet hat. Er will die „Voranfrage“ zur Gewährung von Finanzhilfen bei einer Insolvenz gemeinsam mit Berlin und Nordrhein-Westfalen prüfen, bei deren Landesregierungen die Anfragen landen. Als Bedingung formulierte das Bundeswirtschaftsministerium ein „tragfähiges Zukunftskonzept“, bei dem es aber seitens der Air Berlin-Mutter Etihad mangelt.

Seit März hat Air Berlin mit Ausfällen und der Gepäckabfertigung zu kämpfen.

Seit März hat Air Berlin mit Ausfällen und der Gepäckabfertigung zu kämpfen.

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Die Lage des Unternehmens hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert. Der Umsatz brach im ersten Quartal auf 650 Millionen Euro ein – nach 737 Millionen im Vergleichszeitraum 2016.

Der Verlust aus der betrieblichen Tätigkeit machte 272 Millionen Euro aus, 100 Millionen mehr als in den ersten drei Monaten 2016. Schulden in Höhe von 1,2 Milliarden Euro lasten schwer. Das Unternehmen wird gerade überstürzt umgebaut, dadurch hat es sich in Not gebracht.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr will keine Schulden übernehmen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr will keine Schulden übernehmen.

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Wegen Personal- und Flugzeugmangel müssen immer wieder Flüge gestrichen werden. Allein über Pfingsten 26. Die Spirale nach unten dreht sich durch die geplatzte Fusion der österreichischen Tochter Niki mit Tuifly noch schneller. Die arabische Airline Etihad ist einerseits mit einem 29,2 Prozent starken Aktienpaket Großaktionär bei Air Berlin. Zugleich haben die Araber für 300 Millionen Euro Niki von Air Berlin übernommen.

Sie wollten Niki in das neue Gemeinschaftsunternehmen mit dem Ferienflieger Tuifly des Reisekonzerns Tui einbringen. Die Verhandlungen wurden abgebrochen – jetzt übernimmt Niki die Ferienflüge, während Air Berlin die Linien bedient.

Etihad teilte mit, dass man an einer Lösung für das Gesamtunternehmen arbeite. Wobei das Zurückholen von Niki bedeuten könnte, dass Air Berlin die 300 Millionen Euro an Etihad zurückzahlen müsste.

Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) will mitprüfen.

Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) will mitprüfen.

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Experten gehen davon aus, dass dies die Zahlungsunfähigkeit von Air Berlin bedeuten würde. Allerdings hatte Etihad im April weitere Hilfe für 18 Monate zugesagt. In jedem Fall sind die Bürgschaftsanträge als eine Absicherung zu sehen. Der Staat würde dann Risiken aus Krediten übernehmen.

So oder so stehen komplizierte Verhandlungen zwischen Berlin, Nordrhein-Westfalen, Bund, Etihad, Air Berlin und Lufthansa bevor. Lufthansa ist im Spiel, weil Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann sie als möglichen Partner ins Gespräch brachte, Lufthansa-Chef Carsten Spohr über eine Übernahme sprach. Allerdings ohne die Schulden, die Etihad schultern müsse, und zu geringeren Betriebskosten.

In der Branche kursiert das Gerücht, dass eine Insolvenz bewusst als „Brachialsanierung“ herbeigeführt werden könnte. Dann könnte Lufthansa Air Berlin leicht übernehmen. Aber die allermeisten der noch rund 8000 Beschäftigten könnten ihren Job verlieren oder unter ungünstigeren Bedingungen in neuen Gesellschaften weiterbeschäftigt werden.

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