Brieffreundschaften

Berliner Rentner schreibt an "schwere Jungs" im Knast

Er ist einer von etwa 120 Ehrenamtlichen, die Briefe ins Gefängnis schreiben.

BK
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Rudolf Rüßmann schreibt zwei Gefangenen in Niedersachsen und der Pfalz.

Rudolf Rüßmann schreibt zwei Gefangenen in Niedersachsen und der Pfalz.

© dpa

Er wolle helfen, sagt der Mann mit dem grauen Haar und der randlosen Brille. Schon in seinem Beruf als Arzt habe er immer wieder Inhaftierte behandelt. „Dabei ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie normal Verbrecher sind“, sagt er. In Deutschland saßen laut Statistischem Bundesamt im November 2017 mehr als 48.000 Menschen eine Freiheitsstrafe im Gefängnis ab, davon etwa 3000 in Berlin – mehr als die Hälfte der Insassen länger als ein Jahr.

Rüßmann ist einer von etwa 120 Ehrenamtlichen, die Briefe ins Gefängnis schreiben.

Rüßmann ist einer von etwa 120 Ehrenamtlichen, die Briefe ins Gefängnis schreiben.

© dpa

Als Rüßmann in Rente geht, findet er in der Straffälligen-Hilfe eine neue Aufgabe. Über die Organisation Schwarzes Kreuz und den Verein Freie Hilfe Berlin betreut er vier Gefangene, zwei persönlich in der JVA Tegel, zwei per Brief. Rüßmann ist einer von etwa 120 Ehrenamtlichen, die Briefe ins Gefängnis schreiben, sagt Irmtraud Meifert vom Schwarzen Kreuz. Insgesamt engagieren sich etwa 550 Ehrenamtliche über den Verein für Inhaftierte.

Autoritätsperson und Vaterfigur

Zu Rüßmanns Prinzipien gehört der gegenseitige Respekt. Das verstehe jeder, sagt der Rentner, auch wer kein Deutsch spreche. Tabu sind geschäftliche Beziehungen und sexuelle Kontakte. Darum schreibt Rüßmann auch vorwiegend mit Männern, er nennt sie seine Klienten.

Der eine Klient sitzt in Niedersachsen, der andere in der Pfalz. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Den Gefangenen aus Niedersachsen nennt Rüßmann seinen Ziehsohn. Ein Endzwanziger, der seit seiner Jugend fast ununterbrochen hinter Gittern ist. Für den Häftling ist Rüßmann Autoritätsperson und Vaterfigur zugleich. Er nennt ihn Opa, malt ihm Bilder mit Herzen, Ankern und Kreuzen. Manchmal, sagt Rüßmann, sei ihm zum Heulen zumute, wenn er die Briefe liest.

Der Gefängnisinsasse in der Pfalz, 38, Akademiker, stellt Rüßmann vor andere Herausforderungen. „Er schreibt witzige, brillante Briefe. Sechs Seiten lang, eng beschrieben mit gestochen schöner Handschrift“, sagt der Rentner. „Bis jetzt weiß ich nicht, was er verbrochen hat.“ Also forscht der 67-Jährige nicht nach – das sei eine weitere wichtige Regel: Der Klient gibt die Themen vor. „Viele schreiben gerne über Politiker, Prominente, Mitgefangene, über andere Verbrechen oder Skandale“, sagt Rüßmann. „Man kann das Tratsch nennen, aber der ist wichtig – besonders im Knast. Denn die Norm, die man für andere setzt, gilt ja auch immer für einen selbst.“

Zukunfts-Themen sind tabu

Immer wieder muss Rüßmann darauf hinweisen, dass der Staat ein Gewaltmonopol hat. „Das ist mein Lieblingspunkt“, sagt Rüßmann. „Ich sage den Gefangenen, dass der Staat eifersüchtig wird, wenn sein Gewaltmonopol unterlaufen wird. Dann schlägt er zurück, also sperrt die Leute ein.“ Eifersucht sei ein Gefühl, das jeder versteht.

Beide Klienten von Rüßmann sitzen noch für mindestens fünf Jahre. Sollten sie wieder auf freien Fuß kommen, wird der Kontakt zu ihm sehr wahrscheinlich abbrechen. Diese Erfahrung hat Irmtraud Meifert vom Schwarzen Kreuz gemacht. „Der Kontakt wird von den Entlassenen in aller Regel kommentarlos beendet, trotz oftmals gegenteiliger Beteuerungen“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin. „Eine unbefriedigende Situation für die Ehrenamtlichen.“ Nur in einigen wenigen Fällen blieb der Kontakt auch nach dem Knast bestehen.

Am Thema Zukunft ist auch Rudolf Rüßmann bisher in seinen Briefen gescheitert. Mit Menschen im Gefängnis über Perspektiven zu diskutieren, sei nicht nur schwierig, sondern ein Tabu. Wenn das Thema aufkommt, werden viele Insassen wütend, ignorieren ihren Brieffreund. Es kam auch schon vor, dass ein Gefangener den Kontakt für vier Monate unterbrochen hatte, weil er sauer war auf Rüßmann. „Ich habe trotzdem nie aufgehört, dem Gefangenen zu schreiben. Und wenn es nur eine Karte aus dem Urlaub war.“ Doch irgendwann, sagt Rüßmann, habe sich sein Brieffreund wieder gemeldet. (Verena Kensbock, dpa)

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