Bombenentschärfer Horst Reinhardt

Memoiren eines Teufelskerls

Horst Reinhardt hat beinahe täglich sein Leben riskiert. Mehr als vier Jahrzehnte diente er bei der Polizei, 28 Jahre davon entschärfte er Bomben. Jetzt geht der 63-Jährige in Rente.

LISA STEINER
Lesezeit 4 Min
Der Rest einer Wurfgranate. Mehr als 500 Tonnen Munition wie diese werden pro Jahr immer noch in Brandenburg gefunden.

Der Rest einer Wurfgranate. Mehr als 500 Tonnen Munition wie diese werden pro Jahr immer noch in Brandenburg gefunden.

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Reinhardt 1992 in Oranienburg: Erleichterung nach einem dreistündigen Nervenkrieg bei der Entschärfung dieser US-Bombe.

Reinhardt 1992 in Oranienburg: Erleichterung nach einem dreistündigen Nervenkrieg bei der Entschärfung dieser US-Bombe.

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Technischer Fortschritt: Wasserschneidegeräte wie dieses werden erst seit wenigen Jahren eingesetzt, zum Herausschneiden der Zünder.

Technischer Fortschritt: Wasserschneidegeräte wie dieses werden erst seit wenigen Jahren eingesetzt, zum Herausschneiden der Zünder.

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November 2013: Blumen für Reinhardt (re.) und seine Kollegen von Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (2.v.li.) nach erfolgreicher Sprengung einer 500-kg-Fliegerbombe. Sie war nicht entschärfbar gewesen. 3500 Menschen wurden vor der Sprengung in Sicherheit gebracht.

November 2013: Blumen für Reinhardt (re.) und seine Kollegen von Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (2.v.li.) nach erfolgreicher Sprengung einer 500-kg-Fliegerbombe. Sie war nicht entschärfbar gewesen. 3500 Menschen wurden vor der Sprengung in Sicherheit gebracht.

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Vorbereitungsarbeiten für eine Entschärfung.

Vorbereitungsarbeiten für eine Entschärfung.

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Horst Reinhardt war Leiter des KMBD, des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Brandenburg. Insgesamt hat er 160 der ganz großen Sprengsätze entschärft, allesamt Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wie gefährlich und allgegenwärtig die Fliegerbomben auch 70 Jahre nach Kriegsende noch sind, zeigen jüngste Funde wie jener von Mitte voriger Woche in Potsdam. Bauarbeiten nahe des Hauptbahnhofs hatten eine 250-Kilo-Fliegerbombe zutage gebracht. Die zweite dieser Größe binnen nicht einmal vier Wochen.

Für die Entschärfung musste vergangenen Mittwoch die gesamte südliche Innenstadt evakuiert werden, 10 000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, ehe die (nunmehr ehemaligen) Kollegen von Reinhardt ihre Arbeit aufnehmen konnten. Zu Mittag gab’s dann Entwarnung: Bombe entschärft.

Der Rest einer Wurfgranate. Mehr als 500 Tonnen Munition wie diese werden pro Jahr immer noch in Brandenburg gefunden.

Der Rest einer Wurfgranate. Mehr als 500 Tonnen Munition wie diese werden pro Jahr immer noch in Brandenburg gefunden.

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Reinhardt 1992 in Oranienburg: Erleichterung nach einem dreistündigen Nervenkrieg bei der Entschärfung dieser US-Bombe.

Reinhardt 1992 in Oranienburg: Erleichterung nach einem dreistündigen Nervenkrieg bei der Entschärfung dieser US-Bombe.

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Technischer Fortschritt: Wasserschneidegeräte wie dieses werden erst seit wenigen Jahren eingesetzt, zum Herausschneiden der Zünder.

Technischer Fortschritt: Wasserschneidegeräte wie dieses werden erst seit wenigen Jahren eingesetzt, zum Herausschneiden der Zünder.

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November 2013: Blumen für Reinhardt (re.) und seine Kollegen von Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (2.v.li.) nach erfolgreicher Sprengung einer 500-kg-Fliegerbombe. Sie war nicht entschärfbar gewesen. 3500 Menschen wurden vor der Sprengung in Sicherheit gebracht.

November 2013: Blumen für Reinhardt (re.) und seine Kollegen von Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (2.v.li.) nach erfolgreicher Sprengung einer 500-kg-Fliegerbombe. Sie war nicht entschärfbar gewesen. 3500 Menschen wurden vor der Sprengung in Sicherheit gebracht.

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Vorbereitungsarbeiten für eine Entschärfung.

Vorbereitungsarbeiten für eine Entschärfung.

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„Das ist jener Zeitpunkt, wo dann alles von dir abfällt. Jener Zeitpunkt, wo du merkst, wie angespannt du warst“, sagt Reinhardt. Er ist auch jener Mann, der die gefährlichsten aller bislang in Brandenburg gefundenen Kriegsrelikte entschärft hat. Das sind jene mit chemischem Langzeitzünder. Fliegerbomben mit 250 oder 500 Kilogramm, deren Explosion einen ganzen Straßenzug dem Erdboden gleichmachen kann. Die meisten davon wurden laut Reinhardt in Oranienburg gefunden. Im Gegensatz zu „herkömmlichen“ Fliegerbomben können diese Sprengsätze jederzeit hochgehen, ohne jegliche Einwirkung von außen.

60 dieser unberechenbaren Bomben hat der Munitionsexperte entschärft. Alleine. „Zuerst geht man ganz systematisch vor. Wie ist das Umfeld, was kann alles weg, was muss alles weg, wie groß muss die Sicherheitszone sein. Ständig will jemand was von dir. Feuerwehr, Polizei, Koordination vor Ort. Aber das ist alles nur Vorbereitung“, so Reinhardt. Wenn diese Vorbereitung abgeschlossen ist, alle in Sicherheit sind, dann wird es ganz still. „Dann bist du mit der Bombe allein.“ Und: Dann ist da nur eine Chance. Meist muss der Zünder händisch aus dem Kopf der Bombe gedreht werden. Eine Umdrehung zu viel – Exitus.

Angst hatte Reinhardt trotzdem nie, sagt er: „Wenn man Angst bekommt, macht man Fehler.“ Fehler darf man sich leisten, in jedem anderen Job.

Zwei Mitarbeiter hat der nunmehr ehemalige KMBD-Leiter während seiner Laufbahn verloren. Beide wurden von Granaten in den Tod gerissen, beide im sogenannten Werksbetrieb – das ist das Endlager der Polizei für Munition. Dort werden alte Kriegsmittel zerlegt, entschärft, unschädlich gemacht oder kontrolliert gesprengt. Trotz der Todesfälle ist Horst Reinhardt stolz auf seine „Dienstbilanz“. Zu Recht – angesichts von 560 Tonnen (!) Munition, die seine Einheit in Brandenburg pro Jahr birgt. „Die großen Bomben sind nur der geringste Teil. Der Rest sind Pistolen, Handgranaten, Artilleriegranaten.“ Wie viel genau davon noch in oder unmittelbar um Berlin in Boden, Wald und Wiese „schlummern“, ist unklar. Klar ist: Die geplanten, großen Bauprojekte werden in Berlin in den kommenden Jahren noch viele Bombeneinsätze mit sich bringen.

Dass dabei in der Regel„so wenig“ passiere, sei tückisch. „Man muss immer wieder aufrütteln. Die Routine ist unser größter Feind“, so Reinhardt.

In seiner neuen Alltags-Routine ist der Kampfmittelexperte auch noch nicht ganz angelangt. Er habe die jüngsten Funde in Potsdam aufmerksam verfolgt, gibt Reinhardt zu. In der Rente sei er noch nicht ganz angekommen. Was er jetzt mit seiner ungewohnt vielen, adrenalinfreien Zeit macht? „Ich werde mich um die Pflanzen im Garten kümmern, um die Familie, vielleicht ein wenig reisen.“ Außerdem sammelt Reinhardt Briefmarken. Viele davon sind einzigartig. Wie jede Bombe.

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