Böse Krähe, süßes Amselbaby

Städter zwischen Tierliebe und Hass

Der Frühsommer sorgt für Konflikte zwischen Städtern und Natur.

BK
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Schnabel auf: Junge Rotkehlchen im Nest warten auf ihre Mutter.

Schnabel auf: Junge Rotkehlchen im Nest warten auf ihre Mutter.

© dpa

Für manche Städter seien die Abläufe in der Natur heute nicht mehr selbstverständlich, sagt Koch. Aktuell ist wieder Hochzeit für Konflikte, denn viele Jungvögel sind in der sogenannten Ästlingsphase. So wird das Stadium genannt, in der die Vogeljungen noch nicht richtig fliegen können, aber schon das Nest verlassen.

Ästlinge haben noch kurze Federn und hopsen oftmals etwas ungeschickt herum. Sie erkunden die Umgebung, werden von den Eltern angeleitet und gefüttert. Während der Suche nach Nahrung lassen diese ihre Kleinen auch mal alleine. „Hilfe bräuchten aber nur noch ungefiederte und verletzte Jungvögel“, betont die Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes, Lea Schmitz.

Die menschliche Hilfsbereitschaft kann zur gleichen Jahreszeit auch ins Gegenteil umschlagen - der Vogel wird zum Gegner. Denn Krähen-Eltern haben im Frühsommer ein besonderes Auge auf potenzielle Feinde ihres Nachwuchses. In Berlin häufen sich derzeit Erzählungen geschockter Passanten, die aus dem Hinterhalt angeflogen wurden.

Zwar seien Angriffe auf Spaziergänger oder Radler „im Verhältnis eher selten“ und meistens harmlos, sie kämen aber jedes Jahr vor, erklärt Schmitz. Das Phänomen ist demnach „sicherlich häufiger in Städten zu beobachten“, weil sich Tier und Mensch dort zwangsläufig näherkommen. Zudem seien in den vergangenen Jahren vermehrt Krähen vom Land in Städte gezogen, wo sie leichter Nahrung finden.

Wie Jens Scharon von der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft einmal der Deutschen Presse-Agentur sagte, haben aber auch Krähen eigene Charaktere. Nicht jede sei auf Tiefflüge in Richtung Menschenkopf aus - manche würden nur zetern oder Warnrufe ausstoßen.

Katrin Koch vom Nabu hält den Schreck der Betroffenen und Gedanken an Alfred Hitchcocks Filmklassiker „Die Vögel“ bei Kontakt mit solchen „Draufgängern“ unter den Krähen für verständlich: „Da erschreckt man sich zu Tode. Das sind ja große Vögel mit Mordsschnäbeln. Aber das ist ja auch Sinn der Sache“, sagt die Expertin. Gegen Füchse oder Katzen würden Krähen genauso vorgehen.

Laut Tierschutzbund wollen auch andere Vogelarten mit ihrem Verhalten vom Nachwuchs ablenken - „bei Krähen spielt aber ihr schlechter Ruf wohl eine Rolle, dass hierüber häufiger berichtet wird“, so Schmitz.

Werden in Berlin die zuständigen Unteren Naturschutzbehörden über angriffslustige Exemplare informiert, kann es sein, dass Flatterband oder Schilder angebracht werden. „Manche Menschen sehen die Krähe als fürchterliches Problem“, sagt Koch. Sie wirbt aber um Verständnis während der kurzen Phase, in der es zum Nahkontakt kommen kann. Wer Angst habe, könne sich etwa mit einem Schirm schützen.

Die von Menschen umsorgten Jungvögel haben dagegen keine Möglichkeit zur Selbstverteidigung. Dabei wertet der Nabu die Aufzucht durch Menschen als „Katastrophe“. Das Junge lerne seine überlebenswichtigen Lektionen so nicht: wie es Nahrung findet oder sich gegenüber Feinden verhält. Falsches Futter könne zu Gefiederschäden führen, was den Vogel flugunfähig mache. Das lasse sich nicht immer kurieren - ein längerer, teurer Prozess -, und der Vogel sterbe womöglich, warnen die Naturschützer.

Selbst wenn die Tiere die Aufzucht überleben, seien die Vögel „meist fehlgeprägt“. Das erschwert die Wiederauswilderung, macht sie teils sogar unmöglich. Koch betont, dass eine hohe Sterblichkeit bei Jungtieren in der Natur dazugehört. Anders als bei streng geschützten seltenen Arten komme es etwa bei Amseln nicht auf ein einzelnes Individuum an. Sie betont: „Jungvögel dürfen auch mal umkommen.“

(dpa)

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