Blub, blub, Berlin

Wehe, wenn der Regen kommt!

Schon wieder suchte ein Sommer-Sturm die Stadt heim.

Mike Wilms
Lesezeit 4 Min
Kommt ein Schild angeschwommen: Der Regen überflutet den Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding.

Kommt ein Schild angeschwommen: Der Regen überflutet den Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding.

© RubyImages/F. Boillot

Die Zimmerwände sind vom Wasser gezeichnet.

Die Zimmerwände sind vom Wasser gezeichnet.

© Berliner KURIER

In dem Moment, als Tief Vincent die Berliner City erreicht, steht Heinz B. mit den KURIER-Reportern auf der Alten Jakobstraße. Regen peitscht von einer Sekunde auf die andere durch Kreuzberg. Es ist nur Zufall, dass Starkregen-Opfer B. genau an dem Tag in die Redaktion kommt, an dem der nächste Sommer-Sturm aufzieht. Aber es passt, denn im Regen hat die Familie von Heinz B. alles verloren. Er sagt: „Die Unwetter am 6. und in der Nacht zum 12. Juni zerstörten unsere Mietwohnung und alle Möbel“.

Ein Unwetter kann ausreichen – und man steht vor dem Nichts

Rückblick: Als Heinz B. am Nachmittag des 6. Juni um 15 Uhr in der Klemkestraße ankommt, bietet sich ihm ein merkwürdiger Anblick. Seine Ehefrau Bärbel (59) steht im Regen mit einen Schirm auf dem Balkon. Was da wirklich los ist, erkennt Heinz B. erst, als er seine 79-Quadratmeter-Wohnung betritt. Es regnet ins Wohnzimmer, als gäbe es keine Zimmerdecke. Auch der Balkon, auf dem seine Frau steht, ist überflutet.

„Da sieht man, was ein einziger Sturm für die Menschen bedeutet, die ihm zum Opfer fallen“, sagt Heinz B. im KURIER-Gespräch, das wir wegen Tief Vincent bei einer heißen Tasse Milchkaffee im Lokal „Spitteleck“ fortsetzen. Ein Unwetter kann ausreichen – und man steht vor dem Nichts. „In meinem Fall waren es allerdings gleich zwei Unwetter“, sagt Heinz B. und holt ein Ereignisprotokoll hervor. In den Papier steht, dass es am 11. Juni ab 23.50 Uhr wieder durch seine Wohnungsdecke regnete – diesmal auch im Schlafzimmer und im Flur. Möbel, TV-Gerät, Videokonsole, amtliche Dokumente, alte Fotos: Alles, was den ersten Wassereinbruch noch überstanden hatte, war jetzt durchnässt.

Wie ist solch ein Starkregen-Schaden in einer Mietwohnung im ersten Obergeschoss überhaupt möglich? Diese Frage versucht Heinz B. zu beantworten, während in der KURIER-Redaktion die ersten Meldungen über Tief Vincent einlaufen: Starker Wind lässt im Norden der Stadt einen Baum auf die Gleise der Ringbahn stürzen. Die Linien S41 und S42 zwischen Gesundbrunnen und Wedding können nicht weiterfahren. In den Polizeiabschnitten 15 und 35 läuft Wasser in die Diensträume. Vielleicht gibt es ja auch dort Probleme mit der Regenrinne – wie im Haus von Heinz B. in Reinickendorf. Er sagt: „Es klingt unglaublich, aber eine verstopfte Regenrinne kann im Sturm den Ausschlag geben, ob alles gut geht oder ob die eigene Wohnung überflutet wird.“

Dachrinne mit mit Raketen-Müll von Silvester verstopft

Feuerwehr, Polizei, Dachdecker und auch Heinz B. selbst suchten nach der Ursache des zweifachen Wassereinbruchs in seiner Mietwohnung. „Die Vermutung, dass mit der Regenrinne etwas nicht stimmt, hatte die Feuerwehr schon nach dem ersten Unwetter geäußert“, sagt Heinz B. Doch bei der Hausverwaltung wurde ihm versichert, dass alles intakt sei und dass die Rinne gerade erst gereinigt wurde. „Das aber war offensichtlich Unsinn“, sagt Heinz B. wütend. Nach dem zweiten Schaden stellte ein Handwerker fest, dass die Rinne am Dach verstopft war – mit Raketen-Müll von Silvester. Erschwerend hinzu kam, dass die Nachbarin im Stockwerk über Heinz B. ihren Balkon so mit Hausrat und Abfällen zugestellt hatte, dass auch das dortige Abflussrohr versagte. „Das erklärt, warum das Wasser in die Zwischendecke lief und dann in meine Wohnung regnete“, sagt er.

Heinz B. will seine Geschichte erzählen, damit andere Berliner gewarnt sind. Damit in Zeiten der Sommerstürme nicht noch mehr Menschen wegen unnötiger Mängel am Haus ihre Wohnungen verlieren. „Ich will aber auch erreichen, dass in meinem Fall endlich Hilfe kommt“, sagt Heinz B., der seit etwa sechs Wochen mit seiner Frau und Sohn Nico (22) bei Bekannten in Britz wohnt. Nach dieser langen Zeit sei noch immer nicht geklärt, wessen Versicherung wie viel Geld bezahlt, wann es eine richtige Ersatzwohnung gibt und wann die Schadenswohnung renoviert wird. Heinz B. beziffert seinen Schaden auf fast 60.000 Euro. „Ich fühle mich im Stich gelassen, gerade auch von unserer Hausverwaltung“, sagt er.

Die Pfütze wird immer größer: Am Flughafen Tegel regnet es durch ein undichtes Dach.

Die Pfütze wird immer größer: Am Flughafen Tegel regnet es durch ein undichtes Dach.

© Philippe Debionne

An dem Abend, an dem sich Heinz B. mit dem KURIER trifft, bleibt seine Wohnung von Tief Vincent verschont. Aber es trifft andere Berliner: Starke Böen decken in der Gerichtstraße ein Dach ab. Im Flughafen Tegel tropft Regenwasser durch die Decke. Mehrere Straßen werden wegen Überflutung gesperrt. Der Gleimtunnel läuft voll.

Passieren kann es überall. Der nächste Heinz B. kann jeder sein. 

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