Erstes Alliierten-Baby

KURIER traf den Friedens-Engel von Berlin

Virginia Yang (72) besuchte 71 Jahre nach dem Wegzug ihre Geburtsstadt.

Gerhard Lehrke
Lesezeit 3 Min
US-Amerikanerin Virginia Yang (72) besuchte 71 Jahre nach dem Wegzug ihre Geburtsstadt. 

US-Amerikanerin Virginia Yang (72) besuchte 71 Jahre nach dem Wegzug ihre Geburtsstadt. 

© Sabine Gudath

Eine Geschichte, wie sie wohl nur in Berlin und verworrenen Kriegszeiten beginnen kann – mit einer Tochter chinesischer Eltern, die heute US-Amerikanerin ist. Bei einem Besuch in ihrer Geburtsstadt erzählte die 72-jährige dem KURIER aus ihrem Leben.

Berlins erstes Alliierten-Baby

Ihr Vater Tse-Yue „Thomas“ Yang hatte sich als Junge in seinem Dorf auf einen Esel geschwungen, war in die Hauptstadt der Provinz Yunnan geritten, um sein Glück zu machen. Er wurde Soldat und 1938/39 an der US-Militärakademie Sandhurst ausgebildet. 1943 heiratete er in den USA die Hongkong-Chinesin Lawreen.

1945 wurde der Oberstleutnant Chinas Militärattaché in London: Sein Land war Alliierter, weil es mit Briten, Amerikanern und am Ende Russen gegen Japan gekämpft hatte. 1946 wurde er nach Berlin versetzt, als Lawreen mit Virginia schwanger war. Die US-Militärzeitung „Stars and Stripes“ konnte so im Juli verkünden: „Das erste Kind, das einem Mitglied einer fremden Mission nach dem Krieg in Berlin geboren wurde, ist Virginia Yang.“

Virginia Yang mit ihrer Tochter Jessica: Vor der Erkundung der Stadt studierten sie Reiseführer und Karten.

Virginia Yang mit ihrer Tochter Jessica: Vor der Erkundung der Stadt studierten sie Reiseführer und Karten.

© Sabine Gudath

„Wir wohnten in einem Haus in Zehlendorf“, erzählte Virginia, „aber ich habe davon natürlich nichts in Erinnerung.“ Denn schon im Herbst 1947 ging es nach China. Für kurze Zeit, weil sich die Nationalchinesen Chiang Kai-sheks 1949 nach dem verlorenen Krieg gegen Maos Kommunisten nach Taiwan zurückzogen, Vater Yang nicht mitwollte.

„Wir sind dann ins britische Hongkong zur Familie meiner Mutter gezogen, wo mein Vater das von den USA unterstützte Free China Movement mitbegründete.“ Doch das hatte keinen Bestand: Die Briten wollten keinen Ärger mit Rot-China.

Von 1950 bis 1954 lernte Virginia verschiedene Pazifikinsel kennen, wo Chinesen neben US-Stützpunkten lebten: „Die Mütter haben uns Kinder unterrichtet.“ Zur Schule ging sie erst 1954, wieder in Hongkong,

Verbindung zu Europa riss nie ab

1956 zogen die Eltern mit inzwischen fünf Kindern ins kalifornische Stockton, wo der Vater seine Frau um fast zwei Jahrzehnte überlebte und 2017 mit 104 Jahren starb. Virginia studierte Architektur, zog nach New York, lebt jetzt mit ihrem Mann Walt in Oakland (Kalifornien), wo sie Sohn und Tochter aufzog. „Ich habe für ein Gesundheitsunternehmen die Planung von Krankenhäusern gemanagt.“

Die Verbindung nach Europa aber riss nicht ab: Tochter Jessica (34) ist mit einem Engländer verheiratet. Virginia: „Freunde erzählten mir dann, wie toll Berlin sei.“ Schließlich nahm das Ehepaar einen Flug nach England, reiste mit Jessica nach Berlin weiter.

Spaziergang durch die Stadt

„Die Stadt ist so lebendig“, befand Virginia. Es sei großartig, wie die Stadt sich von den Verwüstungen des 2. Weltkriegs erholt habe, „ohne ihre Vergangenheit zu begraben.“

Nach so viel Geschichte genoss die Familie Stadtspaziergänge und das Café am Neuen See. Virginia: „Ich bin glücklich, meine Geburtsstadt besucht zu haben und hoffe auf eine erneute Rückkehr.“

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