Psychologin Cyrielle

Das Tanzen ist ihre Freud

In ihrem Job heilt sie Trauma-Patienten. Abend räkelt sie sich an der Stange

Florian Thalmann
Lesezeit 5 Min
Die Show „Extasya“ läuft noch bis zum 17. August im Pfefferberg Theater, Tickets (34 Euro) und Infos gibt es im Netz unter www.extasya.de

Die Show „Extasya“ läuft noch bis zum 17. August im Pfefferberg Theater, Tickets (34 Euro) und Infos gibt es im Netz unter www.extasya.de

© Andreas Mayer

Berlins verruchteste Show ist zurück – und heizt den Besuchern des Pfefferberg Theater in Prenzlauer Berg derzeit so richtig ein. „Extasya“ heißt die wilde Sause, eine erotische Varieté-Revue mit viel nackter Haut, Humor und Verrenkungen, die es bisher nur auf den Zeichnungen im Kamasutra gab. Biegsame Schlangenfrauen, stramme Waschbrettbäuche – und was wäre eine solche Show ohne eine Frau, die sich an der Stange räkelt?

Vorhang auf für Cyrielle Mandana: Die Pankowerin, 22 Jahre jung, ist Poledancerin, zeigt in der Show ihre Kunst. Auch wenn sie fernab der Bühne in einem ganz anderen Bereich arbeitet ...

An die Stange kam sie eher durch Zufall, erzählt sie dem KURIER. „Ich war mit 17 Jahren im Fitnessstudio und traf dort auf eine Kontorsionistin“, erzählt Cyrielle. Also: eine Artistin, die sich besonders gut verbiegen konnte. „Ich fand es so schön, dass ich sie fragte, was das ist, was das soll.“
Cyrielle erfuhr, dass die Frau in einem Poledance-Studio arbeitet, dort sogar Kurse gibt.

Cyrielle liebt die Arbeit auf der Bühne – und findet, dass jeder mal Stangen-Tanz ausprobiert haben sollte. „Poledance bringt Selbstvertrauen, das kein Fitnessstudio geben kann.

Cyrielle liebt die Arbeit auf der Bühne – und findet, dass jeder mal Stangen-Tanz ausprobiert haben sollte. „Poledance bringt Selbstvertrauen, das kein Fitnessstudio geben kann.

© Thomas Uhlemann

„Ich wusste nichts darüber, aber ging hin. Und schon am ersten Abend habe ich mich komplett in den Sport und die Community verliebt.“ Sie ging mehrmals pro Woche zum Kurs, machte in der Schule ihr Abi. Eigentlich sollte es nur ein Hobby bleiben. „Poledance war für mich einfach ein spannender Sport.“

An den Weg auf die Bühne dachte sie nicht – bis Show-Agent Chris Kiliano, der selbst als Artist auf der Bühne steht, sie entdeckte. Sie trafen sich, er coachte sie. „Ich lernte, wie man sich auf der Bühne richtig bewegt, wie man Kontakt zu Zuschauern aufnimmt.“ Schon im vergangenen Jahr gab Cyrielle in der letzten Ausgabe der Extasya-Show ihr Bühnen-Debüt. „Ich hatte vorher mal Tanzjobs, aber das war etwas völlig anderes.

Schon bei den ersten Auftritten habe ich gemerkt, dass es das Richtige für mich ist.“ Am Anfang sei sie aufgeregt gewesen – und das Lampenfieber ist bis heute nicht verschwunden. „Ich versuche, tief durchzuatmen. Und dann klappt es. Ich habe immer etwas Angst, dass ich gegen etwas stoße oder die Stange umwerfe, weil ich manchmal ein kleines Trampeltier bin“, sagt sie und lächelt.

„Man erlebt sehr viele echte Emotionen, sehr traurige und wütende Gedanken“

Danach sieht es nicht aus, wenn Cyrielle auf die Bühne kommt: In der Show räkelt sie sich lasziv an der Stange, zeigt freizügig ihre akrobatischen Kunststücke. Dabei kommt sie eigentlich aus einer ganz anderen Richtung: Sie studiert derzeit Psychologie, arbeitet im Praxissemester in einem Berliner Krankenhaus. Derzeit betreut sie in der Psychotraumatologie Gespräche mit frisch traumatisierten Patienten. „Man erlebt in dem Therapieprozess sehr viele echte Emotionen, sehr traurige und wütende Gedanken“, sagt sie.

„Man hat dort mit Menschen zu tun, die Ereignisse erleben, die man sich nicht einmal vorstellen kann. Mitzuerleben, wie sie damit umgehen, wie sie wieder lernen, das Leben und sich selbst zu lieben, gibt mir sehr viel. Es ist schmerzhaft, aber es ist trotzdem ein wunderschöner Prozess, der mir viel bedeutet.“

Die Inspiration für den Job kommt aus der Familie: „Meine Mama ist Psychotraumatologin, ich bin damit aufgewachsen. Deshalb war mir immer klar, dass ich das mal studieren möchte. Und ich glaube, dass gerade der Spagat zum Poledance etwas Gesundes ist. Hier kann ich mich austoben, habe meinen künstlerischen Ausdruck, deshalb kann ich mich in anderen Situationen gut zurückziehen.“ Auch in Zukunft wolle sie beides parallel laufen lassen, in der Psychologie arbeiten, aber trotzdem an die Stange gehen.

Heute unterrichtet Cyrielle nebenbei im Poledance-Studio „Muse“ in der Alten Jakobstraße in Mitte, trainiert viermal pro Woche. Mit ihren Auftritten will sie auch aufklären. Wichtig sei es, dass die Zuschauer Stangen-Tanz als Kunst und Sport wahrnehmen. „Mittlerweile reagieren auch fast alle positiv, wenn ich erzähle, dass ich Poledance mache. Das hat sich über die Jahre extrem verändert.

Als ich mit 17 angefangen habe, kam als erste Frage immer: Ach, du bist Stripperin und ziehst dich für Geld aus? Machst du auch andere Dinge?“ Es sei schön, dass der Sport inzwischen ernst genommen wird. „Dafür sind Plattformen wie unsere Show wichtig. Denn es ist sexy, aber auch Zirkus.“ In welchem Krankenhaus sie arbeitet und wo sie studiert – das möchte Cyrielle trotzdem nicht verraten. „Wenn man einen Grund sucht, jemanden abwerten zu wollen, dann findet man einen. Die meisten meiner Kolleginnen sind aber zum Glück sehr offen.

Für mich hat es auch etwas Feministisches und Befreiendes, auf die Bühne zu gehen – man zeigt, dass man sich in seinem Körper wohlfühlt.“ Doch der Sport habe eben auch ein Stigma. Trotzdem sollte es jeder ausprobieren: „Denn es macht Spaß, wenn man den Körper nicht dafür liebt, wie er aussieht, sondern dafür, was er kann. Das bringt Selbstvertrauen, das kein Fitnessstudio geben kann.“

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