Berliner Hauptbahnhof

Glasdach heimlich verscherbelt

ICE-Reisende der ersten Klasse werden auch künftig im Regen stehen.

Katrin Bischoff Peter Neumann
Lesezeit 3 Min
Ein Zug steht an einem Gleis des Hauptbahnhofs.

Ein Zug steht an einem Gleis des Hauptbahnhofs.

© dpa

Wenn Erste-Klasse-Passagiere aus Köln oder München am Berliner Hauptbahnhof aus dem ICE steigen, dann stehen sie bei schlechtem Wetter im Regen. Denn diese Fahrgäste müssen immer dort den Zug verlassen, wo sie kein Dach über dem Kopf haben. Dieses Szenario wird sich nicht ändern. Das 321 Meter lange Glasdach des Hauptbahnhofs bleibt für die teils 375 Meter langen ICE-Züge kurz – zu kurz. Die Deutsche Bahn hat die jahrelang aufbewahrten Stahlträger und die maßgefertigten Glasscheiben für die Verlängerung des Daches mittlerweile weiterverkauft oder entsorgt.

Weil der Bahnhof zur Fußball-WM 2006 rechtzeitig fertig werden musste, wurde das Dach auf Geheiß des damaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn und zum Ärger des Architekten Meinhard von Gerkan nicht wie geplant 450 Meter lang gebaut. Die nicht benötigten Teile wurden eingelagert. Immer wieder gab es Forderungen, das Dach noch fertigzubauen.

„Im Jahr 2014 kamen wir nach langer Prüfung zu dem Ergebnis, dass eine Verlängerung des Bahnsteigdachs wirtschaftlich und betrieblich nicht tragbar wäre. Die Kostenschätzung belief sich auf rund 145 Millionen Euro“, sagt ein Bahnsprecher.

Verlängerung des Dachs am Berliner Hauptbahnhof nun unmöglich

Ende 2017 habe die Bahn damit begonnen, die eingelagerten Teile zu veräußern. Auch, weil die Verlängerung des Dachs bedeutet hätte, den gesamten Bahn- und S-Bahnbetrieb auf allen sechs Ost-West-Gleisen für neun Monate zu sperren.

„Es wäre durchaus besser gewesen, das Dach länger zu bauen“, sagt Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Nun aber müsse man nicht mehr darüber diskutieren. Eine solche Baumaßnahme würde eine Totalsperrung des Zugverkehrs über Monate bedeuten. „Das ist unmöglich.“ 300.000 Reisende nutzen den Hauptbahnhof täglich.

Dass das Dach nun für immer zu kurz, der Bahnhof damit unvollendet bleiben soll, findet Oliver Friederici, der Chef des Verkehrsausschusses des Abgeordnetenhauses, äußerst ärgerlich. Vor allem, weil die Teile „so sang- und klanglos verschwunden“ seien. Friederici fordert nun bei der Überdachung wenigstens eine Minimallösung – kleinere Dächer.

Berliner Politik ärgert sich über das fehlende Dach am Hauptbahnhof

Auch Harald Moritz, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, spricht von einem Ärgernis. Allerdings sei man nun so viele Jahre mit dem kurzen Dach klargekommen, da sollte man das Geld für eine Dachausbau lieber in andere Verkehrsprojekte stecken.

Der SPD-Verkehrsexperte Tino Schopf erwartet, dass die Bahn ihren Fahrgästen ein Angebot macht. „Damit sie nicht im Regen stehen gelassen werden.“ Der 44-Jährige, der vor seiner Zeit als Parlamentarier bei der Deutschen Bahn arbeitete, kann sich an die Zeit kurz nach der Fußball-WM erinnern. „Da holten Azubis mit Schirmen die Fahrgäste vom nichtüberdachten Teil des Bahnsteigs ab.“

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