Wie viele Menschen braucht es, um große Teile der S-Bahn lahmzulegen? Nicht viele! Oliver Kaufhold von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, die zu dem Warnstreik aufgerufen hatte, gibt die Antwort. Normalerweise arbeiten in der Berliner Betriebszentrale der S-Bahn 19 Fahrdienstleiter in einer Schicht, sagt er. „Davon legten 18 am Montag früh um 6 Uhr die Arbeit nieder.“
Besonders schlimm war es am Hauptbahnhof und am Alexanderplatz.
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Wieso streikten die Eisenbahner?
18 Menschen reichen aus, um Berlin und Brandenburg ins Chaos zu stürzen. In der Betriebszentrale in Halensee wird normalerweise der Verkehr auf rund 80 Prozent des Streckennetzes der S-Bahn gesteuert. Fällt sie aus, kann auf den meisten Routen keine S-Bahn mehr fahren – selbst wenn wie am Montag das Fahrpersonal, das nicht zum Ausstand aufgerufen war, zum Dienst erscheint.
Neben der Betriebszentrale gibt es noch andere Stellwerke. Sie bleiben zum Teil in Betrieb, weil nicht alle Fahrdienstleiter streiken. „So konnten wir zumindest auf einigen Strecken fahren“, so ein S-Bahner. Doch der Ring und die Stadtbahn, die wichtigsten Strecken in der Stadt, liegen brach. „Kein Zugverkehr“, leuchtet Weiß auf Blau auf den Anzeigern.
Am Sonntag hieß es: Berlin sei ausgeschlossen
Jörg Seja hat Verständnis für die Forderungen der Fahrdienstleiter und Werkstattleute. „Sie verdienen einen fairen Lohn“, sagt er. „Allerdings verstehe ich nicht, warum die Bahn nicht mehr Ersatzbusse zur Verfügung gestellt hat.“ Für den 26-Jährigen kam der Streik wie für die meisten Fahrgäste völlig überraschend.
Am Sonntagnachmittag hatte es in EVG-Kreisen noch geheißen, dass die S-Bahn verschont werden soll. „In der Nacht hat sich aber alles sehr schnell entwickelt“, erklärte ein EVG-Mitglied. Weil sich der Ausstand so besser organisieren ließ, wurde die S-Bahn einbezogen.
Der Bahn-Streik legt die Hauptstadt lahm
Was für ein seltenes Bild: Ein menschenleerer Hauptbahnhof.
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Stillleben am Bahnhof Zoo: Die S-Bahn fährt nicht mehr.
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Verlassene Bahnsteige am Ostkreuz. Man sollte es wie die Dame im roten Mantel machen und einfach das Fahrrad nehmen.
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In der Yorckstraße steht zwar eine S-Bahn, fahren darf sie allerdings nicht.
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Ausnahmezustand: U-Bahnen völlig überfüllt.
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Massive Verspätungen: Die Anzeigetafel am Hauptbahnhof spiegelt das Verkehrschaos wieder.
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Auch an der Bushaltestelle am Hauptbahnghof wird die wartende Menschenmenge immer größer.
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Die U5 am Alexanderplatz ist überfüllt: Anstatt der S-Bahn nutzen die Berliner die U-Bahn.
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Die Fahrgäste müssen auf Bus und U-Bahn umsteigen. Es wird eng.
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Peinlich für eine moderne Großstadt
Jörg Seja wartet immer noch. Er hat eine wahre Odyssee hinter sich. Mit der Straßenbahn fuhr er am frühen Morgen zur Schönhauser Allee, stieg dort in eine der letzten regulär verkehrenden S-Bahnen. Zum Streikbeginn um 6 Uhr stoppte der Zug an der Landsberger Allee. „Dort war niemand. Keine Auskunft und kein Bahnmitarbeiter, der mir hätte sagen können, wie ich weiterkomme“, sagt Seja. Zu allem Überfluss waren bei der S-Bahn am Morgen alle Lautsprecher ausgefallen.
Besonders schlimm war es am Hauptbahnhof und Alexanderplatz.
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Seja fuhr mit der Tram zum Hauptbahnhof, von dort stieg er erst in einen Bus zum Ostbahnhof, dann weiter in einen zum Ostkreuz. Mehr als 40 Kilometer Strecke hat der Auszubildende an diesem Morgen schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch Berlin zurückgelegt.
„Das ist peinlich für eine moderne Großstadt“, sagt Angelika Vogt, die um kurz vor 9 Uhr am Ostkreuz auf die Stadtbahn wartet. „Im Vergleich zu anderen Städten leben wir hier in Berlin wie Hinterwäldler.“
Keine rosige Zukunft in Sicht
Die Doktorandin von der Humboldt-Universität hat ein Jahr in Shanghai gewohnt. „Dort läuft an den Gleisen ein Countdown bis zum Halt der nächsten Bahn. Er sagt die Ankunft des Zuges auf die Sekunde genau voraus. In Berlin hingegen gilt eine S-Bahn überhaupt erst als verspätet, wenn sie mehr als vier Minuten nach Fahrplan einrollt.“ Der Service der Bahn sei schlecht, die Bahnhöfe dreckig, sagt Angelika Vogt. „Deshalb habe ich als Kunde wenig Verständnis dafür, auch noch Streiks ausbaden zu müssen, weil die Bahn ihre Mitarbeiter nicht gut genug bezahlt.“
Ein paar Dutzend Mitarbeiter haben es geschafft, die Region aus dem Takt zu bringen. „Künftig sollen nicht nur 80, sondern 100 Prozent des S-Bahn-Netzes von der Betriebszentrale in Halensee gesteuert werden“, sagt ein S-Bahn-Fahrer. „Was das bedeutet, kann man sich ausmalen.“
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