Bezirksbürgermeister im Interview

Lichtenberg will zweiten S-Bahn-Ring

Michael Grunst über Sehenswürdigkeiten, Klischees und Familienfreundlichkeit.

Mike Wilms
Lesezeit 8 Min
Michael Grunst (Linke) regiert seit Ende 2016 in Lichtenberg als Bürgermeister. Dort lebt der 49-Jährige seit 1980. 

Michael Grunst (Linke) regiert seit Ende 2016 in Lichtenberg als Bürgermeister. Dort lebt der 49-Jährige seit 1980. 

© Markus Wächter

Herr Grunst, Sie als Bürgermeister bewerben immer wieder die Familienfreundlichkeit Ihres Bezirks. Woran merkt man, dass Lichtenberg wirklich so familienfreundlich ist, wie Sie behaupten?

Wir haben einen Zuzug von Familien aus anderen Bezirken und so viele Geburten, dass sogar das Oskar-Ziethen-Krankenhaus anbauen muss. In dem Klinikum kommen pro Jahr inzwischen mehr als 3000 Kinder zur Welt. Politisch liegt unser Augenmerk auf einem hochwertigen Kita-Angebot und auf dem Schulneubau. Wir merken aber auch, dass Lichtenberg von seinem heutigen Ruf als lebenswerter Bezirk eingeholt wird. Auch bei uns wird es enger.

Wie meinen Sie das?

Das Wachstum Lichtenbergs bringt eine Menge mit sich. Eigentlich muss die soziale, kulturelle und verkehrliche Infrastruktur mitwachsen, aber das ist nicht immer leicht zu bewerkstelligen. Wir rennen der Entwicklung noch hinterher, als Folge der Sparzwänge der letzten Jahre. Nehmen wir beispielsweise die Kitas: Im Moment finden wir am Arbeitsmarkt weniger geeignete Erzieherinnen und Erzieher, als unser Eigenbetrieb oder die freien Träger gerne einstellen würden.

In Berlin steigen die Mieten. Bezahlbare Wohnungen fehlen. Sicher gibt es auch in Lichtenberg angesichts des Bevölkerungszuzugs eine verschärfte Konkurrenz um Wohnraum.

Wir sind in der guten Lage, dass in Lichtenberg vergleichsweise viele, auch bezahlbare, Wohnungen gebaut werden. Nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamts belegen Lichtenberg und Potsdam die Spitzenplätze beim Wohnungsneubau in Deutschland. Hinzu kommt, dass bei uns zwei Drittel des Wohnungsbestands in städtischer oder genossenschaftlicher Hand sind.

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) hat dies eine „Traumquote“ genannt. Die landeseigene Howoge besitzt in Lichtenberg mehr als 52.000 Wohnungen, bietet sie zu fairen Konditionen an und engagiert sich für das Gemeinwesen. Dafür bin ich dankbar.

Aber das Problem der Mietsteigerungen und der Gentrifizierung muss sich doch auch in Lichtenberg zeigen.

Natürlich. Bei einigen privaten Vermietern sehe ich besorgniserregende Tendenzen. Diese Wohnungsanbieter führen Luxussanierungen durch oder verlangen mehr Miete, als die Menschen in Lichtenberg bezahlen können. Konflikte gibt es zum Beispiel, wie auch andernorts in Berlin, mit der Deutschen Wohnen. Dem schwedischen Wohnungskonzern Akelius habe ich einen Brief geschrieben.

Ich kritisiere darin, dass sich die Unternehmenspolitik offensichtlich einseitig am Verwertungsinteresse ausrichtet. Anlass war ein Inserat, in dem eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Egmontstraße für etwa 20 Euro Warmmiete pro Quadratmeter angeboten wurde. So etwas macht mich wütend.

Aber besitzt ein Bezirksamt denn wirklich die Macht, die Mieter vor der Gentrifizierung zu beschützen?

Wir haben in Lichtenberg inzwischen zwei Milieuschutzgebiete ausgewiesen und darüber hinaus die Handhabe, gegen Zweckentfremdung von Wohnraum vorzugehen. Bei Bedarf können wir auch bauaufsichtliche Maßnahmen ergreifen. Aber es stimmt, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind.

Deshalb sehe ich bundespolitisch die Notwendigkeit, eine schärfere Mietpreisbremse einzuführen. Und ich begrüße die aktuellen Planungen von Frau Lompscher, einen „Mietendeckel“ einzuführen.

Zwei andere Themen, auf die Sie als Bezirksamt wahrscheinlich wenig Einfluss haben, sind Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum.

Das würde ich so zugespitzt nicht sagen. Auf jeden Fall arbeiten wir hart daran. In Lichtenberg gibt es jetzt die historisch niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1990. Dieser Erfolg ist nicht nur der allgemein guten Konjunktur zu verdanken, sondern ist auch hausgemacht.

So kommen Gewerbebetriebe aus der Innenstadt nach Lichtenberg, weil sie das investitionsfreundliche Klima schätzen. Zudem arbeiten der Bezirk und das Jobcenter gut zusammen. Mit einer engmaschigen, persönlichen Betreuung wollen wir jeden Einzelnen und jede Einzelne in Arbeit bringen. Das ist Verwaltung auf Augenhöhe.

Das Deutsch-Russisches Museum in Berlin Lichtenberg. 

Das Deutsch-Russisches Museum in Berlin Lichtenberg. 

© imago/Schöning

Wie darf man sich das vorstellen? Setzt sich der Bürgermeister mit den Arbeitslosen zusammen und ruft für sie bei Unternehmen an?

Solche Gesprächsrunden gibt es in Lichtenberg tatsächlich, und auch das Klinkenputzen bei Arbeitgebern im Bezirk gehört dazu. Unser Ziel ist es, insbesondere Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung und Arbeitssuchende im Alter ab 60 Jahren noch besser zu fördern. Gute Erfahrungen haben wir damit, dass Jugendliche schon in der Schule die Unternehmen im Bezirk kennenlernen. Der persönliche Kontakt hilft, Arbeitslosigkeit nicht erst entstehen zu lassen.

Über jeden Berliner Bezirk gibt es Vorurteile. Mit welchen Klischees hat Lichtenberg zu kämpfen?

Lange Zeit dachte man bei Lichtenberg an Stasi und Neo-Nazis. Diese Einschätzungen wurden Lichtenberg nie gerecht und sind zum Glück vorbei.

Wie würden Sie aus Ihrer Sicht das wahre Lichtenberg des Jahres 2019 beschreiben – jenseits der Klischees?

Ich behaupte, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, dass Lichtenberg der familienfreundlichste Bezirk in Berlin ist. Wir sind auf jeden Fall der erste und bisher einzige Bezirk, der das Zertifizierungsverfahren des Vereins „Familiengerechte Kommune“ erfolgreich durchlaufen hat. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Außerdem lassen wir uns derzeit rezertifizieren, um das Siegel weiterhin nutzen zu dürfen.

In Berlin wird über vieles scharf gestritten. Beteiligt sich Lichtenberg an City-Debatten, etwa zur Kritik am Massentourismus, wie sie in Friedrichshain-Kreuzberg populär ist?

In Lichtenberg sehen wir Tourismus als etwas Gutes an. Wir arbeiten derzeit an einem neuen Tourismuskonzept und fragen uns, wie wir die teils wenig bekannten Highlights im Bezirk in Zukunft besser präsentieren wollen.

Die zwei Säulen des Konzepts sollen Kultur und Geschichte sein. Wir haben das Kapitulationsmuseum, in dem der Zweite Weltkrieg ein Ende fand. Es gibt Stätten der Unterdrückung aus DDR-Zeiten, Stätten der Industriegeschichte, aber etwa auch das Mies-van-der-Rohe- Haus. Und natürlich den Tierpark!


Zur Person

Michael Grunst, 49 Jahre alt, wurde in Plauen geboren und zog 1977 nach Berlin. Er wohnt seit 1980 in Lichtenberg, derzeit im Weitlingkiez. Noch zu DDR-Zeiten absolvierte Grunst eine Ausbildung als Wirtschaftskaufmann der Industrie. Im August 1988 erfolgte seine Einberufung zur Offiziershochschule der Grenztruppen. Neben der Anrechnung als Grundwehrdienst sollte die Ausbildung der Erlangung der Hochschulreife dienen. Grunst wurde jedoch im März 1990 als politisch unzuverlässig eingestuft, zum Soldaten degradiert und aus den Grenztruppen entlassen. Nach der Wende arbeitete Grunst zunächst im Druckhaus Friedrichshain. Im Jahr 1995 begann er ein Studium, das er als Diplom-Verwaltungswirt (FH) abschloss.

Bezirksbürgermeister von Lichtenberg ist Michael Grunst seit dem 16. Dezember 2016. Im Bezirksamt leitet er die Abteilungen Personal, Finanzen, Immobilien und Kultur. Zuvor war Grunst unter anderem in der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales sowie im Bezirk Treptow-Köpenick tätig. Ende 2012 wurde er Leiter des Ordnungsamts in Treptow-Köpenick. Ab Januar 2015 bekleidete er dort das Amt des Stadtrats für Jugend und öffentliche Ordnung.


Man müsste als Tourist natürlich auch die Möglichkeit haben, all diese Ziele problemlos mit Bus und Bahn zu erreichen.

Berlin ist beim öffentlichen Personennahverkehr gut, aber nicht gut genug. Es gab lange einen starken Spardruck, der den großen S-Bahn-Notstand vor zehn Jahren erst möglich gemacht hat. Ich hoffe, man hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, bekennt sich zu einer S-Bahn und unterlässt den Unsinn mit der Teilausschreibung einzelner Strecken.

Für Lichtenberg wäre es kurzfristig sinnvoll, dass wichtige S-Bahn- und Buslinien im Bezirk häufiger und verlässlicher fahren und mehr Ziele ansteuern. Für die langfristige Planung muss man aber auch über größere Themen sprechen wie den Bau eines zweiten Berliner S-Bahn-Rings. Wie wir alle wissen, wächst die Stadt und dehnt sich aus.

Welche Rolle wird in Zukunft noch das private Auto spielen?

Wenn man es aus unterschiedlichen Gründen nicht gut findet, dass Menschen viel im Auto unterwegs sind, dann muss der öffentliche Personennahverkehr so leistungsfähig sein, dass das Auto gar nicht mehr so reizvoll erscheint. Davon sind wir aber noch weit entfernt.

Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass das Fahrrad zwar eine wichtige, aber nicht die alleinige Lösung aller Verkehrsprobleme sein wird. Entscheidend ist, dass die Mobilität aller Menschen sichergestellt wird. Und der Schlüssel hierzu ist ein leistungsfähiger ÖPNV.

Im Lichtenberg der Zukunft fährt man demnach im Idealfall mit Bus und Bahn. Welche Zukunftsvisionen haben Sie noch für Ihren Bezirk?

Ich komme aus dem Osten, da ist man mit Visionen etwas vorsichtiger. Aber im Ernst: Natürlich braucht man Ziele für die Zukunft. Ich will daran mitwirken, dass weniger Kinder in Lichtenberg von Transferleistungen leben müssen und dass sich die Bürger ihre Wohnungen dauerhaft leisten können.

Ich wünsche mir, dass Lichtenberg ein Ort sein wird, in dem die Leute nicht nur Einwohner, sondern Fans ihres Heimatbezirks sind. Und ich wünsche mir, dass die Menschen mit leuchtenden Augen über Lichtenberg erzählen.

Die kleine Eisbärin Hertha kuschelt mit ihrer Mutter Tonja im Tierpark Berlin. 

Die kleine Eisbärin Hertha kuschelt mit ihrer Mutter Tonja im Tierpark Berlin. 

© dpa/Jens Kalaene

Haben Sie als Bürgermeister eigentlich noch Zeit, Ihren Bezirk persönlich zu erkunden? Wie oft gehen Sie zum Beispiel in den Tierpark?

Ich habe eine Dauerkarte, aber leider schaffe ich es nicht so häufig in den Tierpark, wie ich gerne möchte. Als Kind war ich oft mit meinen Eltern dort und habe das immer sehr genossen. Heute als Bezirksbürgermeister übernehme ich wechselnde Tierpatenschaften. Im vergangenen Jahr wurde ich Pate eines Humboldtpinguins, momentan sucht mein Büro nach Vorschlägen für ein neues Tier.

Ich möchte noch hervorheben, dass der Tierpark aus meiner Sicht durch seinen neuen Direktor Andreas Knieriem sehr an Attraktivität gewonnen hat. Er ist sehr engagiert.

Der kleine, neue Eisbär im Tierpark trägt den Namen Hertha. Die Patenschaft hat Hertha BSC übernommen. Wie finden Sie das als Union-Fan?

Wenn die Namensgebung dazu führt, dass Hertha-Fans den Tierpark besuchen, finde ich das natürlich gut. Es stimmt, dass ich alteingesessener Union-Fan bin, aber ich erinnere gerne daran, dass es damals zu DDR-Zeiten eine große Solidarität zwischen Hertha und Union gab.

Ein Schlusswort, bitte.

Wem das alles, was ich über unseren Bezirk sage, zu schön vorkommt, um wahr zu sein, den lade ich herzlich nach Lichtenberg ein.

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