Das NKZ-Experiment

Zwei Zimmer, Küche, Brennpunkt

KURIER-Reporterin zieht für eine Woche in das berühmteste Wohnhaus von Kreuzberg.

BK
Lesezeit 4 Min
Matthias Kucht hofft, dass alles beim Alten bleibt.

Matthias Kucht hofft, dass alles beim Alten bleibt.

© Gerd Engelsmann

Auf jedem Flur gibt es für den Abfall Luken in der Wand: Klappe auf, Beutel rein, Klappe zu. Aus den Augen, aus dem Sinn, als verschwinde der Müll einfach so. Doch im Müllraum im Erdgeschoss, wo die Säcke ankommen, arbeitet an diesem Morgen Matthias Kucht.

Beim Betreten des Raums ein beißender Gestank – undefinierbar und bestialisch. Selbst die Fliegen hängen wie benommen in der Luft. Als er angefangen habe zu arbeiten, habe er jeden Abend zwei Stunden unter der Dusche gestanden, sagt Kucht und schiebt einen Container zur Abholung in den Hof.

In der Wohnung, in die sie für eine Woche gezogen ist.

In der Wohnung, in die sie für eine Woche gezogen ist.

© Gerd Engelsmann

Nicht selten übernachten Menschen im Treppenhaus

Kucht (58) ist Hausmeister, und eigentlich gehört der Müllraum nicht zu seinen Aufgaben, aber ein Kollege hat Urlaub. Es ist 7.30 Uhr. Wie jeden Morgen läuft Kucht seine Runde im Gebäude. 250 Meter an der Vorderseite, 250 an der Rückseite, dann durch die Etagen und Laubengänge. Er betreut 30.000 Quadratmeter Fläche und rund 1200 Mieter, neun bis elf Wohnetagen in einem Bau mit fünf Postanschriften. Jährlich fallen hier rund 3300 Kubikmeter Müll an.

„Du sollst nicht vor der Tür pennen, Kollege“, ruft Kucht einem Mann im Schlafsack zu, der auf Höhe der Bar Möbel Olfe auf dem Boden liegt. Nicht selten übernachten Menschen im Treppenhaus. Junkies, Trinker, Obdachlose. In den verwinkelten Gängen riecht es nach Urin. In den Fluren steht mal ein verlassener Einkaufswagen, liegen Kleidungsstücke oder Lumpen.

An der Adalbertstraße kommt aus dem arabischen Restaurant eine Frau auf Kucht zu, in der Hand ein rotes Stück Metall. „Die haben das zerstört“, sagt sie und zeigt auf den geknackten Flummi-Automaten. „Hast du das der Polizei gemeldet?“, fragt Kucht. „Ja“, sagt die Frau. Ihr gehört das Restaurant. „Melden ist wichtig wegen der Versicherung.“ – „Hab ich die?“ – „Weeß ick denn, ob du eine Versicherung hast! Bestimmt!“ Kucht lacht.

Beton und Satellitenschüsseln: Die Fassade des „NKZ“ ist unverkennbar.

Beton und Satellitenschüsseln: Die Fassade des „NKZ“ ist unverkennbar.

© Gerd Engelsmann

Das 1974 eröffnete Gebäude ist sanierungsbedürftig

Die Mehrheit der Bewohner im Haus lebt von Sozialhilfe, ungefähr die Hälfte stammt aus der Türkei. Der Hausmeister ist gleichzeitig Streetworker, Therapeut, Handwerker und Sachbearbeiter. Auch das Haus selbst ist eine kleine Behörde. Wer ein kaputtes Klo hat, füllt zunächst ein Mängelformular aus.

Das passiert nicht selten. Das 1974 eröffnete Gebäude ist sanierungsbedürftig. Wasser- und Heizungsrohre rosten, aus dem Hahn in der zehnten Etage kommt nur ein lauer Strahl. In der Wohnung eines Mannes bedeckt Schimmel eine Wand. Manch Mieter lüfte schlecht, sagt die Hausverwaltung, die in der dritten Etage ihre Büros hat.

Hier arbeitet man gegen den Sanierungsstau an. Einige Flachdächer erhielten in den letzten Jahren eine neue Haut. Zwei Gebäudeteile haben neue Fahrstühle, eine Künstlerin bemalte alle Aufgänge mit Figuren aus Ägypten oder der Antike. Ein Gerüst verkleidet einen Teil der Fassade. Es ist der letzte Schritt der mehrjährigen Sanierung der Front – auf der Rückseite des Hauses bröckelt der Putz noch. 

"Die periodische Instandhaltung ist durch die Mieteinnahmen gedeckt"

Kritiker sagen, die Gewobag werfe Geld in ein Fass ohne Boden. Nicht nur, dass der Kaufpreis fast den kompletten Gewinn der Gewobag von 2015 auffrisst, er wird auch für ein Haus bezahlt, in das bereits Dutzende Millionen an Fördergeldern geflossen sind – Steuergeld.

Matthias Kucht hofft, dass alles beim Alten bleibt.

Matthias Kucht hofft, dass alles beim Alten bleibt.

© Gerd Engelsmann

Der Sanierungsplan sieht zusätzlich über zehn Jahre acht Millionen Euro Reparaturkosten vor. Insider gehen davon aus, dass es zehn bis fünfzehn Millionen werden dürften. „Die periodische Instandhaltung ist durch die Mieteinnahmen gedeckt. Sanierungen werden wir im Rahmen unserer Mittelfristplanung berücksichtigen“, erklärt die Gewobag.

Matthias Kucht hofft, dass alles beim Alten bleibt

Man leite gerade Gespräche ein, um Bewirtschaftungsstrategie und Zeitplan festzulegen. Über die Mieten – fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter – wird die Gewobag kaum zusätzlich verdienen: Die landeseigenen Wohnungsunternehmen dürfen die Mieten jährlich nur noch um zwei Prozent erhöhen. Dennoch sagt Gewobag-Sprecherin Anne Grubert: „Wir können sagen, dass hier kein Defizit-Geschäft vorliegt.“

Matthias Kucht hofft, dass alles beim Alten bleibt mit dem neuen Eigentümer. Die Hausverwaltung im Gebäude, die Mietersprechstunden – „dit funktioniert nicht per Hotline“. Kucht steht auf dem Dach des Gebäudes. In 36 Metern Höhe guckt er über die Stadt.

Er ist gern hier, ein einzelner weißer Plastikstuhl steht immer bereit. Der Müllraum, die Urin-Lachen, der Trubel, all das liegt jetzt so weit unten, dass es für einen Augenblick zu existieren aufhört. Was er an seinem Job mag, sind die Kumpels, die er trifft, sagt Kucht – Kaffee mit dem Fischhändler, Plausch mit dem Reinigungsmann. Und der Rest? Er grinst. „Wat soll’s, einer muss ja.“  (sil.)

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