Nächster Halt Eiszeit

U5: Die Station, die aus der Kälte kommt

Die Bauarbeiten erforderten Temperaturen bis zu -20˚C.

Peter Neumann
Lesezeit 4 Min
Los geht’s: Um 11.08 Uhr setzte sich die Fräse in Bewegung. Eisschlieren zeigen: Hier ist es kalt. 

Los geht’s: Um 11.08 Uhr setzte sich die Fräse in Bewegung. Eisschlieren zeigen: Hier ist es kalt. 

© Gerd Engelsmann

Unter dem Spreekanal ist das Erdreich vereist worden, damit das Grundwasser den Bau des U-Bahnhofs Museumsinsel nicht stört. Mineure aus der Slowakei gehen daran, den Mittelteil der Station auszuschachten. Doch zuvor wurde am Dienstag fast 20 Meter unter der Oberfläche eine Statue der Heiligen Barbara aufgestellt, eine Kerze angezündet, gebetet. „So ein Brauch mitten in Berlin. Wie kann das sein?“ fragte Lavinia Frey.

Minus 37 Grad kalte Salzlösung fließt durch die Rohre

Auch heute ist Tunnelbau immer noch ein Abenteuer voller Unwägbarkeiten. Allein schon der Baugrund in Mitte: Sand, Wasser, Findlinge. Da sei es klar, dass man mit Ritualen wie der Tunnelsegnung Schutz erbittet, so Lavinia Frey. Das für Kultur zuständige Vorstandsmitglied der Stiftung Humboldt-Forum, die das Schloss betreiben wird, ist Patin für diesen Teil des neuen Tunnels – irdische Vertreterin der Schutzheiligen Barbara.

Und dann, es war 11.08 Uhr, kletterte Frey in die Kanzel des großen gelben Baggers mit der Nummer 944, um symbolisch mit den bergmännischen Arbeiten für den nach der Patin benannten Lavinia-Tunnel zu beginnen. Vorn setzte sich eine Fräse in Bewegung, um aus der mit Eisschlieren bedeckten Wand die ersten Batzen Erdreich zu kratzen.

Bald hatte Jörg Seegers, Technik-Chef der Projektrealisierungsgesellschaft U5, wieder seinen Arbeitsmodus erreicht. „Eine Etappe haben wir hinter uns, jetzt beginnt die nächste“– damit zwischen Alex und Brandenburger Tor die U-Bahn fahren kann.

20 Meter unter der Oberfläche wurde die Tunneltaufe gefeiert. Ende 2020 soll hier die U5 halten. 

20 Meter unter der Oberfläche wurde die Tunneltaufe gefeiert. Ende 2020 soll hier die U5 halten. 

© Gerd Engelsmann

Hinter ihm kündeten grün blinkende Lampen davon, dass die nun beendete Etappe erfolgreich war. Sie gehören zu dem Mess-System, das den unterirdischen Eisblock überwacht. 105 Bohrlöcher, 95 Meter lang, sind waagerecht in den Boden getrieben worden. Drinnen befinden sich jetzt Rohre, durch die eine minus 37 Grad Celsius kalte Salzlösung fließt.

Vor zwei Monaten hat die Vereisung begonnen, seit einigen Tagen ist der hohle Eiszylinder fertig. Eines der drei Kühlaggregate kam von der Bahnbaustelle im badischen Rastatt. Weil dort der Boden absackte und das Projekt unterbrochen wurde, war die Kältemaschine verfügbar.

Im Schutz des Eises wird nun damit begonnen, Platz für Bahnsteig und Halle zu schaffen – mit Hilfe von Fräsen, Sägen und anderem Gerät. Anders als zuletzt wird in diesem Bereich rund um die Uhr gearbeitet. Spezialisten aus der Slowakei werden die Aufgabe übernehmen, so Seegers. „Top-Leute“, die schwer zu kriegen waren, denn auch anderswo entstehen Tunnel.

U6, U7 und U8 könnten auch verlängert werden

Die Mineure handelten heraus, dass auf jeweils zehn Arbeitstage zehn freie Tage folgen. „Vorher waren sie in Düsseldorf“, sagt Hauke Kramm, Sprecher der Baufirma Implenia. Dort wurde für einen U-Bahn-Tunnel der „Kaufhof an der Kö“ knapp unterfahren.

Auch der U-Bahnhof Museumsinsel, der eine blaue Decke mit 7200 LED-Leuchten erhält, ist ein diffiziles Vorhaben. Er entsteht nur zehn Meter unter dem Kanal, eine Fernwärmeleitung ist nebenan. Gemessen an früheren Ankündigungen liegt das Projekt zurück. Doch Seegers ist sei weiterhin zuversichtlich, dass auf der 2,2 Kilometer langen Strecke (Kostenschätzung: 525 Millionen Euro) Ende 2020 die erste U-Bahn fährt.

Blick in eine der 1,6 Kilometer langen Röhren. Bald liegen hier Gleise.

Blick in eine der 1,6 Kilometer langen Röhren. Bald liegen hier Gleise.

© Gerd Engelsmann

„Es wäre schön, wenn unsere Leute in Berlin weiter arbeiten könnten“, sagt Stefan Roth, Deutschland-Chef von Implenia. Wie berichtet hält es der Senat für sinnvoll, die U6, U7 und U8 zu verlängern. „Schön, dass es frischen Wind in der Debatte gibt“, sagt BVG-Chefin Sigrid Nikutta. Paris, München, Hamburg – überall würden U-Bahnen gebaut. Warum nicht auch in Berlin?

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