Berlin City Futsal

Mit Herz in die Champions League

Der zweifache Stadtmeister im Hallenfußball hat große Ziele.

Steven Jahn
Lesezeit 5 Min
Die Futsal-Spieler in Aktion.

Die Futsal-Spieler in Aktion.

© Patrick Albertini Photography

„Hepp!“, schreit Roman Kassarnig. Und sein Team sprintet los. Kassarnig ist Coach von Berlin City Futsal, Erstligist und aktueller Berliner Meister im Hallenfußball. Es ist einer von vielen Titeln, die der Klub schon geholt hat. Soll aber noch lange nicht der letzte sein. Jetzt nehmen die Stadtkicker die UEFA Futsal Champions League ins Visier. Und das nur wenige Jahre, nachdem der große FC Arsenal den kleinen Berliner Klub fast kaputt gemacht hätte.

Im Jahr 2016 war das. Damals kickte Berlin City Futsal noch als Arsenal Berlin. So wurde der Klub vom 1. Vorsitzenden und Futsal-Pionier Jörg Meinhardt in Anlehnung an seinen Lieblingsverein aus England 2011 gegründet. Erst Jahre später drohten die Gunners mit Klage.

Das stolze Futsal-Team mit Coach Roman Kassarnig (vorne links). Die Sportart wird in Deutschland immer populärer. 

Das stolze Futsal-Team mit Coach Roman Kassarnig (vorne links). Die Sportart wird in Deutschland immer populärer. 

© Patrick Albertini Photography

Kapitän Dennis Vogler: „Wir dachten: Na klasse. Und nun? Sollen wir uns umbenennen oder aufhören?“ Sollten sie wirklich ihren Klub, den sie mit so viel Liebe aufgebaut hatten, einfach zumachen und aufgeben? „Nein, das ging nicht. Das ist doch unser Baby“, erzählt Ex-Herthaner Vogler, der mit kurzer Unterbrechung schon von Anfang an dabei ist. Also kämpften sie. Nicht gegen den übermächtigen Premier-League-Verein. Gegen den hatten sie eh keine Chance. Sie fingen neu an. Mit neuem Namen. Berlin City Futsal war geboren und lebt mittlerweile offiziell seit März 2017.

Alle der Jungs gehen arbeiten oder studieren

Die Vita der Stadtkicker liest sich gut: zwei Mal Berliner Meister, ein Mal Berliner Pokalsieger, Erstligist. Es gibt eine Frauen-Mannschaft und sogar eine 2. Herren. Eine U19-Nachwuchsmannschaft ist auch geplant. Die harte Arbeit hat sich gelohnt und trägt Früchte.

Alle der Jungs gehen arbeiten oder studieren, und fast alle kicken neben dem Futsal auch noch draußen auf dem grünen Rasen in Vereinen. Teilweise auf Landes- oder Oberliga-Ebene. Das hier, den Hallenfußball in Deutschlands höchster Liga, machen sie nebenbei. Nicht nur aus Spaß. Nicht wegen des Geldes, davon gibt’s hier nur ein paar Euro zu verdienen. Wenn überhaupt.

Nein, die Jungs wie Vogler, die Ex-Union-Profis Kilian Pruschke und Steven Jahn, Ex-Kassel-Drittliga-Spieler Kim Schwager, auch Preußen-Münster-Kapitän und Ex-Unioner Martin Kobylanski und sogar Herthas jüngster Bundesliga-Profi Lennard Hartmann waren mal dabei; sie und ihre Freunde machen oder machten das aus Leidenschaft. Aus Liebe zum Futsal. Und wegen der Chance, mal Deutscher Meister zu werden. Oder in der Champions League zu spielen.

Anders als beim Fußball ist das gar nicht so unrealistisch. Klar, auch im Futsal – der Name leitet sich vom portugiesischen Ausdruck futebol de salão und dem spanischen fútbol sala (Hallenfußball) ab – muss man verdammt gut zocken können. Der Weg zum Ruhm ist auch nicht unbedingt leichter. Aber er ist kürzer.

Überall lieben die Menschen den Futsal

Ein Beispiel dafür ist Berlin-City-Keeper Jean-Michel Göde. Johnny, wie er von seinen Kumpels genannt wird, spielt Fußball bei Fortuna Biesdorf. In der zweiten Herren-Mannschaft. Bezirksliga. Im Futsal gehört er zur Deutschen Nationalmannschaft.

Verrückt, aber in der Futsal-Szene möglich. Denn Futsal ist in Deutschland im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, in denen teilweise vor mehr als 15.000 Zuschauern gespielt wird, eher noch eine Randsportart. In Brasilien, Portugal, auch in Polen und eigentlich überall lieben die Menschen den Futsal. Das technische Hallenfußball-Spiel. Ohne Bande auf Handballtore, mit kleinerem und schwererem Ball, ohne Grätschen.

Roman Kassarnig, Coach von Berlin City Futsal, hat mit seinem Team hohe Ziele. 

Roman Kassarnig, Coach von Berlin City Futsal, hat mit seinem Team hohe Ziele. 

© Patrick Albertini Photography

Futsal-Spieler sind in anderen Ländern richtige Stars. So wie bei uns die Fußballer Messi, Ronaldo, Neymar. Aber auch sie alle haben als Knirpse mit Futsal angefangen zu kicken. Sie alle haben sich auf dem kleinen Feld ihre Technik und Grundlagen für ihre Ausnahme-Karrieren geholt.

„Aktuell ist die höchste Liga des Landes die Regionalliga.“

Und bei uns? Hierzulande entwickelt sich der Sport langsam, findet aber immer mehr Fans. Seit 2016 gibt es die Deutsche Nationalmannschaft. Aber trotzdem sind es noch meist nicht mehr als 50 Zuschauer, die sich zu einem Erstliga-Spiel verirren. Wenn überhaupt. Nur zu Topspielen und zum Meisterschaftsfinale sind es mal um die 1000. Dann überträgt auch das Fernsehen eine Partie.
Alltag ist aber das Gegenteil. „Eine Bundesliga gibt es noch nicht, wird erst 2020 eingeführt“, sagt Coach Kassarnig. „Aktuell ist die höchste Liga des Landes die Regionalliga.“

Davon gibt’s vier. Am Saisonende spielen die Regionalliga-Meister in Playoffs den Deutschen Meister aus. Der Vize-Champion spielt Champions-League-Quali, der Meister qualifiziert sich direkt für die Champions League. Und genau da will Berlin City Futsal hin. Kassarnig: „Dafür nehmen meine Jungs den dreifachen Spagat zwischen Arbeit, Vereinsfußball und Futsal auf sich. Davor habe ich großen Respekt.“

Berlin City Futsal will in die Champions League

Für Kassarnig, Meinhardt, Vogler und Co. ist ihr Berlin City Futsal nicht nur ein Hobby. Nach und nach werden die Strukturen im Verein mit seinen rund 60 Mitgliedern immer professioneller. Zum Trainerstab gehören mittlerweile auch ein Co-Trainer, ein Fitnesscoach und eine Physiotherapeutin. Mit Derbystar und Zoccer gibt es gleich zwei offizielle Ausrüster.

Mit den Fußballern der SG Großziethen gibt es ebenfalls eine Kooperation, die gemeinsame Trainingseinheiten beinhaltet und Berlin City Futsal eine eigene Heimat sichert. In Zeiten, in denen feste Hallenzeiten in Berlin zu bekommen, fast unmöglich ist, ist das wahrer Luxus. Auch wenn das heißt, dass die Jungs dafür ihre Spiele und Übungseinheiten ein paar Kilometer vor der Hauptstadt-Grenze durchführen müssen. „Für uns ist das kein Problem“, versichert Kassarnig, „eher eine Chance, neues Publikum und Fans zu gewinnen.“

An diesem Montagabend sind 14 Spieler in die Trainingshalle gekommen. Um 22 Uhr ist Schluss. Auf dem Programm standen hauptsächlich taktische Dinge. Eckball- und Einkick-Varianten. Sogar für den Abstoß haben sie mehrere feste Spielzüge. Wie der mehrmalige Deutsche Meister Hohenstein-Ernstthal.

Berlin City Futsal will genau da hin, wo Hohenstein schon ist. In die Futsal-Champions-League. Ein paar Jahre nachdem der große FC Arsenal fast alles kaputt gemacht hätte.

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