In diesen Nächten im März 1947 schlafen Berliner gefährlich. Wenn die Temperaturen weit unter null Grad liegen. Dann kriecht der Tod unter die Decken der Schwachen und versucht, ihrer habhaft zu werden: der Neugeborenen und der Alten, der vom Krieg Versehrten und der des Lebens Müden.
Der Winter, der nicht enden will
Auch die Nacht vom 4. auf den 5. ist lebensgefährlich. Das Quecksilber fällt auf minus 12,5 Grad. Der Krieg ist seit fast zwei Jahren zu Ende, das Sterben geht weiter. Wegen des Hungers. Und wegen dieses Winters, der nicht enden will.
Als dieses Foto Anfang Februar 1947 im Grunewald gemacht wird, ahnt niemand, dass der Winter noch weitere eineinhalb Monate andauern wird. Der Mangel an Kohlen treibt die Berliner in die Forste, wo sie sich Brennholz beschaffen. Im Frühjahr 1947 wird nur noch die Hälfte aller Bäume stehen.
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Berlin, heute vor 70 Jahren: Die Bevölkerung leidet unter Temperaturen, die seit Mitte Dezember fast ununterbrochen unter Null Grad liegen, in manchen Nächten bis minus 20 Grad fallen. Pulverschnee ruht auf den Dächern, Gehwegen und Straßen, in den Parks und Wäldern. Ein Leichentuch aus Eiskristallen.
Eine Zeitzeugin berichtet
Rolf D. stirbt 67-jährig in der Schönwalder Straße 6. Eine Nachbarin erzählt dem Reporter des Berliner KURIER, der Anfang März 1947 einen Artikel über die Kälteopfer veröffentlicht, dass sie mit D. oft das Wenige geteilt habe. „Neulich hat mir einer eine halb erfrorene Kohlrübe geschenkt, die habe ich noch für uns beide gekocht.“ Beide seien regelmäßig in den Wald gegangen, um Holz zu holen, „aber er wurde immer klappriger und seit vierzehn Tagen ging es dann gar nicht mehr“. Er habe „immer ein paar Grad Kälte in seinem Zimmer“ gehabt. „Morgens fanden wir ihn – er lag quer über seinem Bett. Wahrscheinlich hat er sich abends noch die Stiefel ausgezogen – und dann muss er umgefallen sein.“
Der Winter 1946/47 übertrifft die schlimmsten Befürchtungen, nicht nur in Berlin, in ganz Deutschland und in weiten Teilen Europas: Die Lebensmittel- und die Energieversorgung brechen zusammen.
Hungernde und Frierende
Die Lage in Großstädten wie Berlin, wo Überlebende in Ruinen, Bunkern und Wellblechbaracken (Nissenhütten) hausen, ist katastrophal. Die wenigen Vorräte an Kartoffeln oder Hackfrüchten, die man bei Hamsterfahrten aufs Land zusammengerafft hatte, sind in den Kellern erfroren. Die Hungernden und Frierenden versuchen verzweifelt, an Lebensmittel und an Kohlen heranzukommen:
Bis auf die Knochen abgemagert liegt dieser Mann im Februar 1947 in einem Krankenhaus in Berlin.
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Was von Lastwagen oder Zügen fällt, sammeln sie auf; bei Gelegenheit plündern sie ganze Lieferungen. Sie holen sich Holz aus den Berliner Forsten wie Tiergarten und Grunewald (und holzen in den ersten beiden Nachkriegswintern die Hälfte der drei Millionen Festmetern Wald ab); sie sammeln Tannenzapfen, um sie zu verheizen, und Kräuter, Gräser und Eicheln, um sie zu verkochen.
Etwa 400.000 Menschen sterben
Der „Schwarze Hunger“ und der „Weiße Tod“ gehen um, raunt der Volksmund. In diesem „Hungerwinter“, wie Geschichtsbücher ihn nennen, kommen Schätzungen zufolge deutschlandweit 400.000 Männer, Frauen und Kinder um.
Die damalige Berliner Sozialstadträtin spricht von 1142 Bürgern, die im Winter 46/47 in der Stadt verhungerten oder erfroren. Allein im Januar flohen 200 Menschen aus dem Leben. Der 9-jährige Bernd hat in jenen Wintertagen oft das Gefühl, dass es draußen wärmer ist als drinnen, in der Wohnung in der Heiligegeiststraße (die Straße verlief zwischen Sankt-Wolfgang-Straße und Rathausstraße). Mit seinen Eltern, seinen drei Brüdern und zwei Schwestern lebt er dort.
Fünf Zimmer hat ihre Wohnung im dritten Stock; die beiden zur Straße sind nicht bewohnbar, ihre Fenster haben keine Scheiben. „Ich habe solch einen langen und kalten Winter bis heute nicht mehr erlebt.“ Bernd Thalheim, heute 79, räuspert sich. „Es war so bitterkalt in unserer Wohnung, dass ein Glas Wasser binnen einer halben Stunde gefror.“
Dass in dieser Kälte Menschen umkommen, wusste er von seinen Eltern, die er oft sagen hörte: „Da ist jemand gestorben... Und da ist jemand gestorben...“
Der Kampf um Überleben
Die Thalheims müssen jeden Tag ums Überleben kämpfen. Mit Geschick und Glück gelingt es ihnen, über die Runden zu kommen. „Ich war ein großer Organisator“, sagt Bernd Thalheim. Der junge Bernd sammelt in Ruinen Brennmaterial. Und bei dem Gemüse- und dem Kohlenhändler, wo er als Aushilfe arbeitet, fällt immer etwas für ihn ab.
Hunger! Berliner Kinder warten im Februar 1947 auf die Schulspeisung. Jeder Schüler muss jeden Morgen eine Presskohle mitbringen, um das Klassenzimmer zu heizen. Das können sich nicht alle leisten. Die 13-jährige Evelyne und ihre 9-jährige Schwester bleiben deshalb zu Hause.
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Sein Vater, ein Schlosser, geht regelmäßig auf Hamsterfahrt: mit dem Zug ab Schlesischer Bahnhof (heute: Ostbahnhof) Richtung Genthin, Burg, Magdeburg. Für Nägel aller Art und Größe, Täckse, nagelähnliche Stifte zum Walken von Leder, Feuersteine und Tabakwaren gibt es Brot und Mehl, Kartoffeln und Speck, auch Leinsamen zur Ölgewinnung.
Es habe oft „Reibselsuppe“ gegeben, erzählt Bernd Thalheim, „aus dem Waschkessel“, schließlich wollte eine achtköpfige Familie satt werden: geriebene Kartoffeln, Zwiebeln, Fett, wenn vorhanden, Salz und Pfeffer und Wasser, das eine Pumpe auf der Straße spendete, weil die Leitungen im Haus zugefroren waren, alles aufkochen, fertig. „Das war grauenvoll!“
Der Hungerwinter hat Deutschland fest im Griff
Zu dritt in einem Bett trotzen sie dem Frost, aneinander gekuschelt, dick angezogen, mit Mütze und Schal, und jeder mit einem im Ofenrohr erwärmten Ziegelstein an den Füßen.
Deutschland darbt schon vor dem Hungerwinter. Durchschnittlich 1450 Kalorien pro Tag nehmen die Überlebenden 1946 zu sich, gut 50 Prozent weniger als vom Völkerbund empfohlen. Es gibt Regionen und Zeiten, da fallen die Rationen unter 800 Kalorien.
Ältere Menschen wie diese Berlinerin, die sich in eine Decke gehüllt vor der Kälte zu schützen versucht, sind im „Hungerwinter“ besonders lebensgefährdet.
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Experten fordern im Herbst 46 eine Mindestration von 2000 Kalorien, 800 Kalorien mehr als die Lebensmittelkarte V hergibt, die für Kinder und Rentner, Nichterwerbstätige, Schwerbehinderte und ehemalige Mitglieder der NSDAP gilt und die als „Friedhofskarte“ verhöhnt wird.
Stehlen zum Eigenbedarf
Wer in der Nachkriegszeit in einer Großstadt nicht verhungern oder erfrieren will, muss das Gesetz brechen. Der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings gibt an Silvester 1946 dem Stehlen zum Eigenbedarf seinen Segen: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“
Aus „stehlen“ wird „fringsen“. Die Ernährungskrise hat viele Ursachen. Die Nutzflächen der Landwirtschaft im Osten sind infolge des Krieges verloren gegangen; 25 Prozent des Getreides und 30 Prozent der Kartoffeln kamen aus den Provinzen östlich von Oder und Neiße. Der Sommer 1946 war heiß und trocken, der Dünger spärlich, die Ernte nur halb so ertragreich wie gewohnt.
Deutschland ohne alles
Millionen Flüchtlinge und Vertriebene suchen in den Besatzungszonen Zuflucht. Auch sie müssen essen. „Deutschland, Deutschland ohne alles. Ohne Butter, ohne Speck. Und das bisschen Marmelade frisst uns die Besatzung weg“, dichtet Volkes Mund. Die Kohlenkrise hat ebenfalls mehrere Ursachen. Die Reviere im Ruhrgebiet und in der Lausitz produzieren 30 Prozent weniger; die Anlagen sind veraltet, die Bergleute unterqualifiziert.
„Ich habe solch einen langen und kalten Winter bis heute nicht mehr erlebt.“ Bernd Thalheim (79), Zeitzeuge
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Die Sowjetunion und Frankreich bedienen sich an Rohstoffen und demontieren Industrieanlagen, um sich für ihre Kriegsverluste zu entschädigen. Die Verkehrsverbindungen sind noch zu rund 40 Prozent zerstört. Der Dauerfrost vereist Flüsse und Schienen; Binnenschiffe und Güterzüge können weder Nahrung noch Kohle transportieren.
„Die große Masse des deutschen Volkes ist, was Ernährung, Heizung und Wohnung anbelangt, auf den niedrigsten Stand gekommen, den man seit hundert Jahren in der westlichen Zivilisation kennt“, schreibt Herbert C. Hoover, US-Präsident 1929 bis 1933, nach zwei Deutschlandbesuchen im Frühjahr 46 und Februar 47.
Richard S., 76, stirbt in der Werrastraße 61. Erst kürzlich war er eingezogen, mit seiner Ehefrau, halbblind, sehr gebrechlich. „Sehen Sie“, erzählt die Frau des Hauswarts dem Reporter der Berliner Zeitung Anfang März 1947, „sie hatten jetzt gerade einen Zentner Kohlen gekriegt, dann legte er sich hin und ist an Erschöpfung gestorben. Wochenlang vorher hatten sie ganz im Kalten gehaust.“
Die 13-jährige Evelyne ist außer sich vor Freude, als sie mit ihrer Mutter eines frühen Morgens erstmals hamstern fahren darf. Bei einem Bauern verguckt sie sich in den Hofhund. Sie will ihn unbedingt haben. Nicht zum Spielen. Zum Essen. Ihre Mutter schimpft. Am Ende des Tages haben sie keinen Hund, dafür einen Sack Kartoffeln. Geklaut.
Hunger oder Kälte?
Evelyne Haase, heute 83, sitzt auf dem Sofa ihres Wohnzimmers. Auf dem Tisch, vor dem Reporter, stehen eine dampfende Tasse Bohnenkaffee und ein Teller mit zwei Stück selbst gebackenem Kuchen. Gestern habe sie eine halbe Stunde auf dem Balkon in der Sonne gesessen, erzählt sie. So schön sei das gewesen. Sie wohnt im 14. Stock. Von hier kann sie weit über Berlin blicken. Es ist 10 Uhr, das Außenthermometer zeigt 9,1 Grad.
„Es gab Tage, an denen wir gar nichts zu essen hatten.“ Evelyne Haase (83), Zeitzeugin
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Heute vor 70 Jahren beträgt die Höchsttemperatur minus 2,3 Grad. „Eine schlimme Zeit, möchte ich nie wieder erleben“, sagt Evelyne Haase. „Es gab Tage, die waren so eisig, dass meine Mutter nicht hamstern fahren konnte, und Tage, an denen wir gar nichts zu essen hatten.“ Manchmal drei Tage hintereinander. Evelyne wohnt 1947 mit ihrer Mutter und ihrer 9-jährigen Schwester in der Kochhannstraße. Ihr Vater befindet sich in russischer Kriegsgefangenschaft (er kommt im August 47 nach Hause). Die beiden Kachelöfen in der 1,5-Zimmer-Wohnung sind meist eiskalt. Was war schlimmer: Hunger oder Kälte?
„Alles beides!“, sagt sie sofort. „Wenn Sie einen leeren Magen haben und dann noch den Frost dazu – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!“ Es kommt vor, dass die Mutter drei Tage am Stück hamstern ist. Die Kinder, die dann allein sind, dürfen morgens und abends je zwei Scheiben Brot essen, mit Malzkaffee beträufelt und Zucker bestreut.
Ist die Mutter wieder zu Hause, gibt es mit Glück Mehlsuppe, aus Korn, das Evelyne in der Kaffeemühle mahlt. Oder Puffer oder Klöße aus Kartoffelschalen von einer Nachbarin, die bei den Russen als Küchenhilfe arbeitet – davon bekommen die Kinder Ausschlag. „Wenn meine Schwester zu sehr gehungert und gefroren hat, habe ich ihr vorgelesen“, sagt Evelyne Haase. „Am liebsten war ihr ,Andersens Märchen’. Dabei ist sie immer eingeschlafen.“
Das Buch hatte Evelyne von ihrer Mutter zur ersten Friedensweihnacht 1945 geschenkt bekommen. Mitte Februar 1947 sind 1000 Berliner Betriebe wetterbedingt stillgelegt, 150.000 Menschen arbeitslos. Strom fließt nur wenige Stunden am Tag, jeder Haushalt darf nur 300 Watt verbrauchen.
1000 Fälle von Lungenentzündung
Die Stadtverantwortlichen ordnen an, die Krankenhäuser „von allen chronisch Kranken zu räumen, um Platz für die akuten Lungenentzündungs- und Grippefälle zu schaffen“. Die Gesundheitsbehörde registriert täglich 1000 Fälle von Lungenentzündung. 60000 Menschen sind in ambulanter Behandlung.
Hilfe in der Not. Eine Krankenschwester und eine Begleiterin stützen eine alte Frau. Die Gesundheitsbehörde in Berlon registriert im Februar 1947 täglich 1000 Fälle von Lungenentzündung; 60000 Menschen sind in ambulanter Behandlung.
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In den Wartezimmern der Ärzte drängen sich die Patienten, auch in einer Praxis im Wedding, über die ein Reporter der Berliner Zeitung am 5. März 1947 schreibt: „Der große Kachelofen ist kalt. Ein davor gesetzter kleiner eiserner Ofen vermag die Zimmertemperatur gerade um Null Grad zu halten. (…) Frauen kommen, dick vermummt, mit Kapuzen, Tücher um den Hals gewunden, Männer mit Lumpen um die dürren Körper, andere, die anschließend zur Arbeitsstelle gehen wollen, mit Taschen unter dem Arm, Arbeiter, den Brotbeutel zur Seite, ein Greis, müde Augen hinter der Stahlbrille, auf den Stock gestützt, Kinder, allein, andere in Begleitung der Mutter, ein Invalide, auf einem Bein ungeschickt balancierend, schiebt sich ins Zimmer. (…) Eine einzige Schmerzzentrale ist dieses Wartezimmer. Leid hockt in jeder Ecke, Elend auf jedem Stuhl und mit jedem Patienten tritt neue Not in den Raum.“
„Pellkartoffeln in Specksoße!“
Die 20-jährige Helga hat es ganz gut getroffen. Jeden Montag in der Frühe fährt sie mit dem Zug von Berlin nach Wietstock (heute ein Ortsteil von Ludwigsfelde), wo sie als Lehrerin arbeitet; und jeden Sonnabendnachmittag fährt sie zurück in die Stadt zu ihren Eltern, mit denen sie sich in der Kluckstraße zwei Zimmer teilt. Sie wohnt und isst in der Woche abwechselnd bei Bauern, denen es im Vergleich zu den Städtern nicht an Lebensmitteln mangelt.
„Die Lebensmittelkarten waren zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.“ Helga Cent-Velden (90), Zeitzeugin
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„Pellkartoffeln in Specksoße!“, schwärmt Helga Cent-Velden, heute 90. „Wenn ich daran denke, habe ich sofort den Geschmack im Mund!“
Die Bauern stecken Helga oft etwas zu: Kartoffeln, Kohl, Rüben und Möhren, Brot, Milch und Quark. Ihr Vater, Werkzeugmacher, handelt mit Nägeln, Schrauben und Nieten sowie mit Türschlössern, die er in Ruinen findet und zu denen er passende Schlüssel fertigt, auf dem Schwarzen Markt am Potsdamer Platz oder bei den Bauern in Wietstock.
„Wer alleine war, der war böse dran.“
Ihr Onkel, der in einer Großfleischerei arbeitet, bringt ab und zu einen Rinderknochen vorbei, aus dem sich eine kräftige Suppe machen lässt.
„Die Lebensmittelkarten reichten hinten und vorne nicht: Sie waren zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“, sagt Helga Cent-Velden. „Wer alleine war, der war böse dran.“ Bekannte der Familie, zwei ältere Frauen und ein alleinstehender Mann, überlebten den Winter nicht.
Maria K., 61, stirbt in der Antonstraße 5. „Wo sie wohnte, war schwer festzustellen“, schreibt der Reporter der Berliner Zeitung im März 1947. Das ganze Vorderhaus ist eine Ruine. Nach dem Hof zu noch ein einziges Fenster im Erdgeschoss. Statt der Scheiben dünnes Ölpapier. Eine Ecke ist abgerissen, ein Stückchen Gardine flattert heraus. … Ja, da hat sie gewohnt, ganz allein zwischen zerfallenen Mauern mit Karte V und in einer Kälte, dass sie eigentlich im Freien wohnte. Das hatten alle Mieter des Seitenflügels gewusst. Nicht einer war auf den Gedanken gekommen, die alte, alleinstehende Frau vor dem sicheren Kältetod zu bewahren.“
„Kartoffeln waren bei den Berlinern auf Hamsterfahrt besonders beliebt.“ Norbert Kitschun (77), Zeitzeuge
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Oberbürgermeister Otto Ostrowski bittet am 13. Februar 1947 die Besatzungsmächte um Hilfe. Bürgermeisterin Louise Schroeder bildet am selben Tag ein Notkomitee. Die Alliierte Kommandantur verordnet am 28. Februar, dass Inhaber der Lebensmittelkarte V künftig Rationen der Karte III erhalten, die bislang Arbeitern vorbehalten war. Das betrifft 927.000 Berliner.
100000 besonders hilfsbedürftige Bürger erhalten täglich eine kostenlose Mahlzeit. Frierende können sich in extra eingerichteten Wärmehallen aufhalten. Auch Theater wie der Friedrichstadtpalast öffnen ihre Türen zum Aufwärmen.
Die Bevölkerung wird gebeten, Nachbarschaftshilfe zu organisieren. Das Observatorium Potsdam lässt am 4. März mitteilen, dass die Macht des Winters langsam schwinde. „Zwar ist zunächst nachts noch mit starkem Frost und Temperaturen von unter 15 Grad zu rechnen, doch wird tagsüber das Thermometer allmählich über Null Grad ansteigen.“
Kartoffeln waren heiß begehrt
Der 7-jährige Norbert lebt zu diesem Zeitpunkt in Schönerlinde (heute ein Ortsteil von Wandlitz); seine Familie ist in Berlin ausgebombt worden. Mit seinem Vater, Bürgermeister des Dorfes, seiner Mutter und seinem Großvater bewohnt er drei Zimmer des Bürgermeisterhauses, einer Sommervilla mit Wänden aus Holz, isoliert mit Stroh.
Weil viele Häuser in Berlin noch nicht bewohnbar und viele Flüchtlinge in die Stadt gekommen sind, hausen tausende Menschen in Notunterkünften wie Wellblechbaracken, auch dieses Kind, das sich am Ofen wärmt, und diese Frau, die etwas zu essen vorbereitet.
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Ihnen geht es vergleichsweise gut. Sie haben Vorräte: Kartoffeln, Rüben, Möhren und Lauch, Äpfel und Birnen. „Es reichte bei uns für drei Mahlzeiten am Tag“, sagt Norbert Kitschun, heute 77. „Es gab viele Eintöpfe, einfache Suppen. Und Kartoffeln: Kartoffelsuppe, Bratkartoffeln, Pellkartoffeln. Kartoffeln waren bei den Berlinern auf Hamsterfahrt besonders begehrt.“
Noch heute hat er einen Mann lebhaft vor Augen, der zwei Sack Kartoffeln ergattert hatte und sie bis zur S-Bahn-Station Buch schleppte, ohne Hilfsmittel, fünf Kilometer weit. Wie das? „So.“ Norbert Kitschun steht vom Sofa auf, geht um den Tisch herum, bückt sich, hebt einen unsichtbaren Sack, bleibt gebückt, trippelt, als ginge er ein paar Meter, setzt ihn ab, dreht sich um, trippelt zurück, bückt sich, hebt den zweiten unsichtbaren Sack, trägt ihn zum ersten, setzt ihn ab, nimmt den ersten, bewegt ihn weiter und so fort.
Ab Mitte März steigen die Temperaturen wieder
Dass sich in der Not jeder selbst der Nächste ist, muss auch der junge Norbert erfahren. Eines Tages trifft er zwei Frauen aus der Stadt, die ihn um Lebensmittel bitten. Für die beiden Lauchstangen, die er ihnen gibt, bekommt er ein Geldstück, neues Geld, wie sie ihm versichern: eine 200-Mark-Münze.
„Ich habe erst später gemerkt, dass es Inflationsgeld aus den zwanziger Jahren war. Nichts wert. Meinen Eltern habe ich davon nichts erzählt.“ Mitte März steigen die Temperaturen. Ab dem 13. liegen sie tagsüber konstant über Null Grad. Aber die Versorgungslage bleibt schwierig. Dem kalten Winter folgt ein heißer und trockener Sommer. Die Getreide- und Kartoffelernten sind unzureichend.
Notunterkünften wie Wellblechbaracken.
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Die deutsche Ärzteschaft stellt im Sommer 1947 in einer Denkschrift fest, dass regional bis zu 80 Prozent der Bevölkerung unterernährt seien. Das hat Folgen: Hautausschläge, Verdauungsstörungen und Hungerödeme, Leber- und Nierenschäden sowie Lungentuberkulose. Die körperliche Schwäche, verbunden mit schlechten hygienischen Bedingungen, begünstigt Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphtherie, Typhus und Ruhr.
1,5 Millionen Menschen starben an den Nachkriegsfolgen
Auch im Winter 1947/48 mangelt es in Deutschland an Fett und Fleisch, an Gemüse und Obst. Erst im Sommer 1948 stabilisiert sich die Lage. Es heißt, von 1945 bis 1948 starben in Deutschland an den Nachkriegsfolgen 1,5 Millionen Menschen. Bernd Thalheim hasst Kälte noch heute. Evelyne Haase hütet das Märchenbuch, mit dem sie ihre Schwester sättigte und wärmte, wie einen Schatz. Vom vielen Lesen ist der Einband abgegriffen und der Rücken zerfasert.
Helga Cent-Velden staunt immer wieder, wie Stadt und Land Krieg und Nachkriegszeit verkraftet haben. Norbert Kitschun mag keine Kohlrübensuppe mehr essen, noch nicht mal mehr riechen.
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