Ein Knall. Der achtjährige Hans hat ihn genau gehört. Der Mann im roten Hemd sackt zu Boden. Hans hat es genau beobachtet. Ein anderer Mann hält eine Pistole in einer Hand. Hans hat es genau gesehen.
Und keiner glaubt ihm.
Hans Brombosch (58) sitzt im Lesesaal des Landesarchivs Berlin. Er wartet auf Akten, auf seine Aussage zum Tod des Mannes im roten Hemd: des 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg, erschossen vom Polizisten Karl-Heinz Kurras an der Krummen Straße 66/67 am Rande einer Demonstration vor der Deutschen Oper gegen den Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967. Brombosch wird seine Aussage, die er vor 50 Jahren bei der Polizei machte, zum ersten Mal einsehen.
Manches von damals sei noch „sehr präsent“, sagt Hans Brombosch, manches sei „weg“.
Sicherheitsstufe I
Damals, vom 2. bis zum 3. Juni 1967, besuchte Schah Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Gattin Farah Diba West-Berlin. Auf dem Programm standen: Eintrag ins Goldene Buch der Stadt im Rathaus Schöneberg, Stadtrundfahrt, Teetrinken im Schloss Bellevue, Empfang im Schloss Charlottenburg, Besuch der Deutschen Oper.
Die Mehrheit der bundesdeutschen Öffentlichkeit sah in dem Mann auf dem Pfauenthron einen märchenhaften Kaiser; andere hielten ihn für einen willigen Statthalter der USA, einen folternden und mordenden Diktator.
Die Polizei hatte Sicherheitsstufe I ausgegeben. 5000 Polizisten waren im Einsatz, darunter 88 Kriminalbeamte der Abteilung I, der Politischen Polizei. Einer von ihnen war Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, damals 39 Jahre alt.
Die Ruhe vor der Tat
Der 2. Juni 67 war für Hans ein Freitag wie jeder andere: zur Schule gehen, zu Hause Mittag essen und Schulaufgaben machen, auf der großen Wiese an der Ecke Bismarckstraße und Krumme Straße bolzen (heute stehen dort Häuser, an der Ecke gegenüber liegt der Shakespeareplatz), auf dem Hof im Sandkasten spielen, vor den Fenstern der Erdgeschosswohnung der Eltern.
Die Wohnung der Bromboschs lag an der Ecke Krumme Straße 66/67 und Schillerstraße 29. Das Schlafzimmer der Eltern, das Bad, die Küche und das Kinderzimmer befanden sich am Innenhof; das Wohnzimmer befand sich auf der anderen Seite. Der Hof war zur Krummen Straße hin offen und mit einem Wohngebäude auf Betonpfeilern teilüberdacht. Auf dem vorderen Teil parkten Autos, auf dem hinteren wuchs Rasen.
Ein Katz- und Mausspiel
Hans saß am Abend des 2. Juni in seiner „Buddelkiste“, als Stimmengewirr von der Wiese, die ein Maschendrahtzaun vom Hof trennte, zu ihm drang.
„Ich stand auf und ging zum Zaun und sah ein Katz- und Mausspiel“, erinnert sich Hans Brombosch: „Polizisten gingen vor, Demonstranten zurück, Polizisten gingen zurück, Demonstranten vor... Es hörte sich so an, als würden sich alle gegenseitig anfeuern.“
Eine Weile beobachtete Hans das Treiben, dann setzte er sich wieder in den Sand. Plötzlich rief sein Vater: Hans, du musst reinkommen!
„Mein Vater hatte die Gefahr offenbar erkannt. Er ließ die Rollläden runter.“
Knüppel frei!
Die Polizei hatte die Demonstranten und Schaulustigen kurz nach 20 Uhr vor der Oper weggeknüppelt; sie jagte die meisten von ihnen auf die Wiese und spülte sie mit einem Wasserwerfer in die Krumme Straße.
Hans war im Kinderzimmer, als er Rufe von der Straße hörte. Neugierig lüpfte er die Rollläden, nur so hoch, dass er beobachten konnte, was draußen vor sich ging. Sein Vater saß im Wohnzimmer; seine Mutter war nicht Zuhause. Der Junge sah, wie sich die Straße mit Menschen füllte; er lief in die Küche, hob auch die Rollläden ein wenig. Plötzlich kamen Leute auf den Hof. Er rannte ins Schlafzimmer. In den Folgeminuten flitzte er hin und her, damit ihm ja nichts entging.
Zwei Tage später erzählte Hans einer Polizistin, was er erlebt hatte.
Eine entscheidende Aussage
Eine Archivarin rollt auf einem Wägelchen Aktenbände in den Lesesaal. Achtzehn sind es, gestopft mit Aussagen zum Strafverfahren gegen Kurras. Bromboschs Aussage ist in Band I. Er liest vor.
„Hansi, weißt du, warum du heute hierherkommen solltest zur Polizei?“
„Ich soll erzählen, was ich gesehen habe, vorgestern, am Freitag.“
„Was hast du denn da gesehen?“
„Wie der Polizist auf einen ,Denunstranten’ geschossen hat.“
Schläge und Tritte
Die Auswertung von Fotos und Filmaufnahmen – insbesondere 2009, nachdem bekannt geworden war, dass Kurras Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR war – sowie weiterer Zeugenaussagen ergaben: Ohnesorg wollte den Hof, auf dem Polizisten auf Demonstranten einschlugen und eintraten, verlassen, als ihm zwei Beamte den Weg versperrten. Ein dritter knüppelte ihm von hinten auf den Kopf. Ohnesorg sackte zu Boden. Zu dritt schlugen sie auf ihn ein. Der Polizist Kurras stand hinter Ohnesorg, mit gezogener und entsicherter Dienstwaffe.
Brombosch liest weiter.
„Hansi überleg nochmal genau, warum du meinst, daß es ein Polizist war, der geschossen hat.“
„Na, weil nur ein Polizist eine Pistole hat, andere Leute haben ja keine Pistole.“
„Weißt du, ob der Mann der geschossen hat, einen Hut oder eine Mütze aufhatte?“
„Nein, einen Hut nicht und eine Mütze auch nicht.“
„Kannst du dich vielleicht erinnern, ob er ein Hemd oder eine Jacke anhatte?“
„Nein, ich weiß nur, daß der Tote ein rotes Hemd anhatte und einen Schnurrbart hatte.“
"Einen Knall gehört"
Benno Ohnesorg hatte das rote Hemd von seiner Frau Christa geschenkt bekommen. Die beiden waren seit fünf Wochen verheiratet und erwarteten im November ein Baby.
Hans Brombosch liest weiter, aber er liest nicht alles vor.
„Hast du gesehen, ob jemand ein Messer hatte?“
„Nein (…)“
„Wie sah denn die Pistole aus, die du gesehen hast?“
„Schwarz, und weiter weiß ich nichts.“
„Woher weißt du denn, das geschossen worden ist?“
„Na, weil ich einen Knall gehört habe (…)“
„Was war denn das für ein Knall?“
„Das war nur einmal und gar nicht so laut, aber gleich wo der Schuß gefallen ist, ist der Mann umgefallen.“
Zweifel an der Polizei
Es geht aus dem Dokument nicht hervor, wo Hans seine Aussage machte, wie lange sie dauerte, ob sein Vater oder seine Mutter anwesend waren.
„Das würde heute so nicht mehr ablaufen.“ Da ist sich Hans Brombosch sicher. „Heute wäre ein Psychologe dabei.“ Noch etwas beschäftigt ihn: „Was tatsächlich aufgeschrieben wurde und was nicht, kann ich nicht mehr nachvollziehen.“
Das Protokoll unterschrieb nur die Polizistin. Am Ende vermerkte sie: „Hans Brombosch machte seine Angaben in recht kindlicher Form. (…) Es wurde der Eindruck gewonnen, dass er zwischenzeitlich aufgrund äußerer Einflüsse (Fernsehen, Zeitung, Unterhaltung mit Erwachsenen und Kindern) in keiner Weise in der Lage war, tatsächliches Geschehen wiederzugeben.“
Ein Hirnsteckschuss
Er war sehr wohl in der Lage. Längst ist bewiesen, dass Kurras entgegen eigener Aussagen unbedrängt und unbedroht war und nur einmal schoss – sehr wahrscheinlich gezielt. Die Kugel, die Ohnesorg tötete, drang hinter dem rechten Ohr von unten nach oben ins Gehirn.
Jede Hilfe kommt zu spät. Der Student Benno Ohnesorg (26), tödlich getroffen von einer Polizeikugel, wird im auf eine Trage gelegt und in ein Krankenhaus gefahren.
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Der Vermerk der Polizistin verhinderte, dass Hans seine Aussage vor Gericht machte.
Der Knall, der Mann im roten Hemd, die schwarze Pistole: Der Junge sprach ein einziges Mal mit seinem Vater darüber und unterhielt sich mit Freunden, dann verdrängte er das Gesehene und Gehörte.
"Keiner hat mir geglaubt"
„Ich habe mich nicht weiter damit beschäftigt, aber immer wenn ich etwas darüber las, kamen Erinnerungen“, sagt Hans Brombosch. Je mehr er las, desto größer wurde seine Überzeugung, „dass nicht alles mit rechten Dingen zuging“.
Der Polizist Kurras wurde in zwei Verfahren, 1967 und 1970, freigesprochen: Der Angeklagte habe sich bedroht gefühlt und daher unkontrolliert gehandelt (putative Notwehr).
„Ich habe etwas Entscheidendes gesehen, und keiner hat mir geglaubt“, bedauert Hans Brombosch. „Man wollte meine Aussage wohl nicht, weil sie nicht passte.“ Er klappt die Akte zu und verschränkt die Arme vor der Brust.
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