Beichtseiten gibt es vor allem auf Instagram
Beichtseiten gibt es mittlerweile an vielen Schulen. Die Veröffentlichungen werden vom Administrator, der selbst ein Mitschüler ist, anonymisiert. „M14“ steht dann für einen 14-jährigen Schüler, „W15“ für eine 15-jährige Schülerin. M14 beichte, dass er schon seit langem auf ein Mädchen stehe, aber sich nicht traue, sie anzusprechen, da er keinen Korb von ihr bekommen möchte, heißt es auf der Beichtseite des elitären Bertha-von-Suttner-Gymnasiums in Reinickendorf.
Ein noch harmloser Eintrag. Anderen Einträge bezeichnen Lehrer als fremdenfeindlich oder ungerecht, stellen Mitschüler schlecht dar. Zu finden sind die meisten dieser Seiten im sozialen Netzwerk Instagram, das anders als Facebook tatsächlich vornehmlich von Jugendlichen genutzt wird. Auch von Gymnasien in Mitte, Weißensee, Reinickendorf, Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf sind jeweils eigens erstellte Beichtseiten im Internet zu finden.
„Dieses Phänomen nimmt zu“, sagt Franz Kloth vom Landesschülerausschuss. Er besucht die 11. Jahrgangsstufe und hat sich bereits mehrere „Beichtseiten“ von anderen Schulen angeschaut. „Das ist hochproblematisch“, sagt Kloth. Viele Einträge seien sexuell aufgeladen bis unmoralisch, mitunter auch gewaltverherrlichend. Es würden zudem Leute bloßgestellt, auch wegen ihrer sexuellen Orientierung. „Als Landesschülervertretung sind wir für einen reflektierten Umgang mit sämtlichen Daten und Darstellungen im Internet.“ Was aber reizt die Schüler an solchen Beichtseiten? „Es muss offenbar der Unterhaltungswert sein“, mutmaßt Schülervertreter Kloth. „Niemand weiß genau, was als nächstes dort geschrieben wird.“
Administrator kennt Klarnamen
Vielen Schulleitern sind die heimlichen Beichten bisher verborgen geblieben. Andere berichten, dass es sehr schwierig sei, die Verantwortlichen ausfindig zu machen. „An den Administrator kommt man leider kaum ran“, heißt es.
Das ist allerdings ganz besonders problematisch, weil der Administrator ja die Klarnamen kennt, also genau weiß, wer angibt, auf der Schultoilette sexuelle Kontakte mit einer bestimmten Mitschülerin gehabt zu haben. Theoretisch könnte dieser Schüler sogar Mitschüler erpressen, auf jeden Fall aber üble Gerüchte streuen und damit andere Jugendliche unter Druck setzen, befürchten Pädagogen. Das wäre dann schon Mobbing.
Auch die Berliner Schulpsychologie nimmt sich erst jetzt des Problems an. „Die jungen Leute sind uns ja immer eine Nasenlänge voraus“, sagt Jan Wolter, Leiter des Schulpsychologischen Beratungszentrums in Tempelhof-Schöneberg. Sie würden die Möglichkeiten des Internets einfach schneller erfassen.
Pubertierende Schüler nutzten verstärkt die sozialen Netzwerke nutzen, um sich als interessante oder schillernde Persönlichkeit darzustellen.„Es sollte aber nicht so sein, dass Schüler unter den Veröffentlichungen leiden und sich verunglimpft fühlen“, sagte Wolter. Damit müsse man sich nun stärker befassen.
Die neue Entwicklung erinnert an die Mobbing-Website „Isharegossip“, die vor gut sechs Jahren für Aufsehen sorgte. Die deutsche Übersetzung bedeutete „Ich teile Klatsch und Tratsch“, und die Schüler wurden förmlich aufgefordert, über ihre Mitschüler herzuziehen. Es kam auf dieser Website zu üblen Beschimpfungen und auch zu Amokdrohungen, die kurzfristig zu Schulschließungen führte. In Wedding wurde aufgrund von Einträgen ein 17-jähriger Streitschlichter brutal zusammengeschlagen.
Das Wort „Cybermobbing“ kam auf. Da der Server in Lettland registriert war, konnten die deutschen Behörden lange nichts machen, schließlich kam die Seite auf den Index. Nach einer dubiosen Hacker-Attacke wurde die Seite schließlich 2011 abgeschaltet.
Die neuen Beichtseiten zielen hingegen nicht nur darauf, andere schlecht zu machen. Doch durch die kühnen, anonymisierten Behauptungen kann es zu Missverständnissen und Verunglimpfungen kommen. In sozialen Netzwerken kein Einzelfall: Schon ältere Grundschüler, die oft bereits über ein Smartphone verfügen, geraten über den Whatsapp-Klassen-Chat schnell mal aneinander. Ein falsches Wort kann einen Sturm der Entrüstung provozieren.
Eltern oft ahnungslos
Schon länger gibt es das Online-Format „Dein Beichtstuhl“, dem in Deutschland Hunderttausende über die sozialen Netzwerke folgen. Mit Blick auf die Beichtseiten merkt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung, an, dass hier natürlich auch das Elternhaus gefordert sei. Denn viele Einträge würden ja am Nachmittag zu Hause verfasst, oft seien die Eltern ahnungslos.
„In den neuen Rahmenlehrplänen spielt Medienbildung zudem eine zentrale Rolle“, betont Stoffers. Berlins oberster Elternvertreter Norman Heise spricht sich für eine enge Zusammenarbeit von Schule und Eltern aus, um besser über die Gefahren im Internet zu informieren.
Auszüge aus den Beichtseiten
An vielen Berliner Gymnasien und Sekundarschulen haben meist ältere Schüler als Administratoren sogenannte Beichtseiten eingerichtet. Schüler schicken diesen Administratoren ungewöhnliche und krasse Erlebnisse oder Vorkommnisse. Dabei geht es um seltsame Unterrichtserlebnisse, um Mitschüler, aber auch um Alkohol- oder Drogenkonsum oder um Liebe und Sexualität.
Diese „Beichten“ werden anonymisiert aus der Ich-Perspektive veröffentlicht. M15 steht dabei für einen 15-jährigen Schüler, W14 für eine 14-jährige Schülerin.
Hier einige Auszüge von verschiedenen Schulen:
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Besonders perfide erscheint, dass man den Wahrheitsgehalt dieser Einlassungen nicht prüfen kann, so dass Falschbehauptungen und Verunglimpfungen möglich sind. Das ist bereits oft Anlass für Streit unter Schülern gewesen. Auf verschiedenen Seiten wird Lehrern auch unterstellt, mit Schülerinnen liiert zu sein.
Weitere Einträge:
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