Misshandelt, missbraucht: Zigtausende Kinder und Jugendliche erleiden hierzulande in ihren Familien ein Martyrium. Oft über viele Jahre hinweg. Wie kann das unbemerkt bleiben? Darüber sprachen wir mit Karl-Günther Theobald, Psychologe beim Opfer-Verein Weißer Ring.Karl-Günther Theobald: Es ist meist gar nicht so, dass keiner was mitbekommt, vor allem in dörflicheren Strukturen nicht. Es gibt Gerüchte, man tuschelt darüber, was da in der Nachbarschaft wohl vor sich gehen mag. Aber gerade Kindesmissbrauch ist so stark tabuisiert, dass die meisten Menschen nicht weiter daran rühren wollen. Und man mag es schlicht nicht wahrhaben, dass im eigenen Umfeld tatsächlich solche Ungeheuerlichkeiten geschehen.Im aktuellen Fall haben die Opfer Misshandlungen und Missbrauch jahrelang ertragen. Warum haben sie sich nicht gewehrt, sich gegen den Peiniger verbündet, ihn angezeigt?Sie fragen das aus der Erwachsenenperspektive. Wir reden hier aber von Kindern, die in diesem System aufgewachsen sind. Wenn Kinder schon frühzeitig Missbrauch erleben, ist das für sie "normal". Erst später, im Umgang mit anderen Kindern, merken sie, dass bei ihnen etwas falsch läuft. Dann suchen sie oft die Schuld bei sich. Ein Kind nimmt seine Familie ja auch als lebensnotwendig wahr, diese Beziehung kann es nicht aufs Spiel setzen. Dazu kommt, dass die Täter ihre Opfer meist sowohl körperlich als auch psychisch massiv unter Druck setzen.Warum ist die Mutter nicht eingeschritten?Da kann ich nur spekulieren. Oftmals haben Mütter, die den Missbrauch an ihren Kindern hinnehmen, selbst als Kind sexualisierte Gewalt erfahren. Viele Mütter schweigen auch aus Angst vor der Schande.Man hat den Eindruck, dass Jugendämter häufig die Tragweite eines Falls falsch einschätzen. Warum?Das Unterdrückungs-System der Täter funktioniert oftmals so gut, dass die Opfer sich nach außen hin nichts anmerken lassen, dem Amt gegenüber dichtmachen. Da müssten die Ämter mehr dranbleiben, mehr auf Anzeichen von Misshandlung und Missbrauch achten. Leider gibt es aber auch immer wieder Fälle, in denen Opfern nicht geglaubt wird, Aussagen als Kinderfantasien abgetan werden.Was soll man selbst tun, wenn man einen Verdacht hat?Bei einem begründeten Verdacht zur Polizei gehen. Ist man sich nicht sicher, Rat bei Fachleuten holen, etwa beim Jugendamt oder bei Lehrern in der Schule der Kinder.------------------------------
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