Die vierte Ferienwoche ist angebrochen – Halbzeit! Wer noch nichts erlebt hat, sollte sich sputen, der Ernst des Alltags steht schon vor der Tür. Auch diese Woche entführt Sie der KURIER zu Brandenburgs schönsten Ausflugszielen. Heute: Der Baumkronen-Pfad über den Beelitz-Ruinen.
Eigentlich dachten wir, die Freiheit kann nur über den Wolken grenzenlos sein. So hat es schon Liedermacher Reinhard Mey besungen. Wer sie aber spüren möchte, der muss nicht erst das Fliegen lernen – es genügt ein Ausflug ins Berliner Umland.
Im Süden der Hauptstadt liegt Beelitz, bei vielen Leuten bekannt als größtes brandenburgisches Spargelanbaugebiet. Doch die 12.000-Einwohner-Stadt kann nicht nur Gemüse. Mitten im Wald verstecken sich hier auch die sagenumwobenen Ruinen der Heilstätten – und neuerdings auch eine der wohl luftigsten Attraktionen.
Willkommen auf dem Baumkronenpfad! Investor Georg Hoffmann hat die Flaniermeile in der Höhe geschaffen. Er entdeckte vor ein paar Jahren das riesige Gelände, wollte daraus etwas machen. Nach fünf Monaten Bauzeit öffnete im September 2015 das Projekt „Baum & Zeit“ seine Pforten. „Für den ersten Abschnitt wurden acht Millionen Euro investiert, 135.000 Besucher haben die Aussicht genossen“, sagt Andreas Rudolph, der technische Leiter. Er führt die KURIER-Reporter über den Pfad.
An einem Ende steht ein Aussichtsturm, der 40 Meter hoch in den Himmel ragt. Die oberste Plattform in 36 Metern Höhe ist per Treppe oder Fahrstuhl zu erreichen. Von hier können die Besucher auch den beeindruckenden Blick auf die Ruinen der Heilstätten genießen.
Hier trifft der KURIER Sandra Schwericke (36) und Sohnemann Konstantin (6), der per Fernrohr den Blick über das riesige Gelände schweifen lässt. „Ich habe schon eine Führung durch die Ruinen mitgemacht“, erzählt Sandra. „Für Leute, die sich für die Geschichte solcher Gelände interessieren, ist das empfehlenswert. Ich wollte mir das Ganze nun von oben anschauen.“ Während Konstantin die Höhe genießt, ist sie aber nicht schwindelfrei. „Ganz an den Rand gehen kann ich nicht“, sagt sie und lacht.
Vom Aussichtsturm aus startet der Weg durch die Baumkronen. 320 Meter lang ist der Pfad. Zartbesaitete dürften hier kurz nachdenklich werden. Denn: Der Pfad wackelt! „Keine Sorge“, beruhigt Rudolph, „wir haben hier eine stabile Stahlkonstruktion. Wenn sie etwas schwingt, ist alles im grünen Bereich. Gefährlich wird es, wenn der ganze Bau so unter Spannung steht, dass sich nichts mehr bewegen kann.“
Auf der nächsten Seite lesen Sie, was aus den Heilstätten geworden ist, die hier früher standen.
Spuren vergangener Jahre
Der bisher eröffnete Teil des Pfades schlängelt sich auf zwischen 19 und 22 Metern Höhe durch die Baumkronen von immerhin 40 Baumarten, überquert Teile des Gartens und ermöglicht einen Blick auf die Ruine des sogenannten „Alpenhauses“. Wie der Bau zu seinem Namen kam? Unter den Heilstätten liegt ein Netz unterirdischer Gänge, durch die alle Gebäude mit Wasser, Luft und Wärme versorgt wurden. „Als diese Tunnel geschaffen wurden, schüttete man den Aushub zu einem Mini-Gebirge auf.“ Die kleine Berglandschaft befand sich neben dem Gebäude, das deshalb zum Namen kam.
Früher konnten sich die Patienten hier bei Liegekuren erholen – vom Pfad aus kann man einen Blick in die Behandlungszimmer werfen, das Gebäude überqueren, sieht den alten Wasserspeicher, der früher 270 Kubikmeter fasste. Heute nagt der Verfall an dem einst prächtigen Haus, das Dach ist von Bäumen eingenommen.
Der Beelitzer Baumkronenpfad
Wo? Straße nach Fichtenwalde 13, 14547 Beelitz
Wann? Geöffnet tgl. 9 bis 19 Uhr
Preis: Erwachsene 9,50 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, Kinder bis 6 in Begleitung eines Erwachsenen frei
Anfahrt: Mit dem Pkw über die A9 Berlin – Nürnberg, Abfahrt „Beelitz-Heilstätten“, oder über die Landesstraße 88. Mit der Bahn: Regio Linie 7 Berlin-Dessau, aussteigen am Bahnhof Beelitz-Heilstätten, dann den Hinweisschildern folgen.
Infos: Weiteres und Termine für Führungen: www.baumundzeit.de oder Tel. 033204 634723
Auch drinnen sind die Spuren vergangener Jahre zu erkennen. Rudolph führte uns durch das Alpenhaus. Lange, verfallene Gänge, am Ende eine große Halle. „Hier befand sich früher der Speisesaal für 400 Patienten“, sagt er. Die Wände sind mit schwarzer Farbe beschmiert – kein Vandalismus, sondern Kulisse. Hier wurden unter anderem Szenen für den Film „Hotel Adlon“ gedreht. Nur eines erstrahlt hier beinahe im alten Glanz: Die lackierten Deckenziegel in den Badesälen.
„Ab 2000 waren die Gebäude herrenlos, innerhalb kurzer Zeit waren sie runtergerockt“, sagt Rudolph. Viele Plünderer, Schatzsucher und Geisterjäger machten die Hallen unsicher, der Wachschutz konnte nur wenig dagegen tun. „Metalldiebe deckten sogar die Kupferdächer ab. Der Verfall ging sehr rasant – das tat weh, denn man konnte nichts machen.“ Auch heute müssen die Wächter immer wieder ungebetene Gäste vom Gelände entfernen – ihnen drohen Anzeigen.
Wer das Gelände legal erkunden möchte, kann das bei einer Führung mit Profi-Guides tun. Die Touren starten an Wochenenden jeweils um 11.30 Uhr, 13.30 Uhr und 15.30 Uhr, führen entweder durch Alpenhaus, Küche und Laboratorium – oder durch die alte Chirurgie. Als eines der nächsten großen Projekte ist der Ausbau des Baumkronenpfades in die andere Richtung geplant – dann soll auch die Chirurgie wieder fit gemacht werden, damit der Fahrstuhlschacht als Aufstieg zum Pfad genutzt werden kann. Auf 600 Metern soll sich der Pfad dann vom Aussichtsturm zur Chirurgie schlängeln.
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