Es ist ein Kaleidoskop bunter Federn, abenteuerlicher Flugmanöver und zwitschernd aufgerissener Schnäbel. „Unsere einzigartige Vogelwelt“ heißt ein neuer Bildband, in dem der Ornithologe Peter Berthold und der Naturfotograf Konrad Wothe eine große Palette von Deutschlands gefiederten Bewohnern vorstellen.
Kohlmeisen, Buchfinken und Rotkehlchen sind ebenso dabei wie eher unbekannte Arten von Wendehals bis Wachtelkönig. Mal verleihen die Fotos verschwundenen Arten wie dem Schlangenadler oder dem Papageitaucher ein Gesicht, mal porträtieren sie Neuankömmlinge wie den Halsbandsittich und den Nandu. Zwar will das Buch vor allem für einen besseren Vogelschutz werben. Doch es enthält keineswegs nur Hiobsbotschaften über sterbende Arten und einen stummen Frühling. „Gottlob sind nicht alle unsere Vögel gleichermaßen vom Rückgang betroffen“, schreibt Peter Berthold. „Es gibt nicht nur in ihrer Abnahme große Unterschiede, sondern sogar auch positive Entwicklungen.“
Tatsächlich können Deutschlands Naturschützer eine ganze Reihe von Erfolgsgeschichten aus der Welt der Vögel erzählen. „Eine davon handelt von den Weißstörchen in Bayern“, sagt Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) im bayerischen Hilpoltstein. Gerade noch 60 Paare dieser Vögel konnte der Freistaat in den 80er-Jahren vorweisen.
Also starteten das Bayerische Umweltministerium, das Landesamt für Umwelt und der LBV im Jahre 1984 ein Hilfsprogramm für die Art, die in Mitteleuropa fast nur auf Gebäuden brütet und auf feuchten Wiesen ihre Nahrung sucht. Dreißig Jahre lang bemühten sich die Experten, den Störchen ein besseres Angebot an Nahrung und Kinderstuben zu bieten. „Das war so erfolgreich, dass wir das Hilfsprogramm inzwischen beendet haben“, berichtet von Lindeiner. Die etwa 500 Brutpaare in Bayern kommen mittlerweile alleine klar.
Zur EU-Vogelschutzrichtlinie
Eine ähnlich positive Entwicklung sieht der Naturschützer beim Seeadler. Jäger, Eiersammler und das Insektenvernichtungsmittel DDT hatten Deutschlands größten Greifvogel bis in die 70er-Jahre so dezimiert, dass er kurz vor dem Aussterben stand. Doch intensive Schutzbemühungen und das Verbot von DDT haben gewirkt. Bundesweit soll es wieder 700 bis 800 Brutpaare geben, die meisten davon leben in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein. „Solche Erfolge sehen wir allerdings vor allem bei seltenen Arten“, sagt Andreas von Lindeiner. „Dafür schrumpfen nun die Bestände sehr häufiger Vögel, die eigentlich überall in der normalen Landschaft vorkommen sollten.“ Weit verbreitete Singvögel wie Baumpieper und Stieglitz gehören plötzlich zu den Arten, um die man sich sorgt. Dieser Trend lässt sich aus den umfangreichen Daten herauslesen, die der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) erhebt. Diese Organisation, in der sich etwa 10000 Feldornithologen und Vogelbeobachter zusammengeschlossen haben, koordiniert mehrere Programme zur Erfassung der bundesweiten Vogelwelt.
Auf ihren Beobachtungen basiert etwa ein Bericht zur Umsetzung der EU-Vogelschutzrichtlinie, den Deutschland alle sechs Jahre bei der EU-Kommission einreichen muss. Die jüngste Fassung aus dem Jahr 2013 enthält für jede der 248 heimischen Brutvogelarten eine Bestandsschätzung für das Jahr 2009 und Informationen zur Entwicklung in den 25 und 12 Jahren davor.
Diese Zahlen zeichnen auf den ersten Blick kein extrem alarmierendes Bild. Zwar registrieren die Ornithologen bei gut einem Viertel der deutschen Brutvögel schrumpfende Bestände. Etwa genauso viele Arten nehmen allerdings zu, und der große Rest zeigt keinen klaren Trend. Trotzdem warnen Experten vor besorgniserregenden Entwicklungen.
Vom Aussterben bedroht: Großtrappe (Otis tarda).
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„Da vor allem die häufigsten Arten zurückgehen, leben in Deutschland heute viel weniger Vögel als früher“, erklärt Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Berlin. Allein zwischen 1998 und 2009 hat Deutschland insgesamt 12,7 Millionen Brutpaare und damit 15 Prozent aller Vögel verloren. „Man kann also durchaus von einem Vogelsterben sprechen“, resümiert Lachmann. „Nur vollzieht es sich nicht auf der Ebene der Arten, sondern der Individuen.“ Wer nur auf die Roten Listen schaue, könne diesen massiven Verlust der Allerweltsvögel daher leicht übersehen. Um den Ursachen dieses Rückgangs auf die Spur zu kommen, hat der DDA analysiert, was die Verlierer der letzten Jahre gemeinsam haben. Besonders schlecht sieht es demnach für die Bewohner von Wiesen und Feldern aus. So haben die Bestände der Feldlerche zwischen 1998 und 2009 um 34 Prozent abgenommen, die des Kiebitzes um 75 Prozent und die des Rebhuhns um 94 Prozent.
Auffällig ist auch, dass auf der Liste der Verlierer besonders viele Singvögel stehen und dass Insekten- und Samenfresser häufiger betroffen sind als die Anhänger anderer Ernährungsformen.
Aus diesem Muster schließen die Ornithologen, dass hinter dem massiven Vogelschwund vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft steckt. Denn die dezimiert das Angebot an nahrhaften Insekten. Und zwar nicht nur durch den Einsatz von Pestiziden, sondern auch durch eine starke Düngung. Diese lässt die Vegetation schneller wachsen und schafft damit dunklere, feuchtere und kühlere Bedingungen, für die viele Insekten und andere Wirbellose wenig übrig haben. Mit diesen nahrhaften Snacks aber füttern die meisten Vogelarten ihre Küken – selbst wenn sie als Erwachsene Vegetarier sind.
Naturverträgliches Wirtschaften wird belohnt
Auch andere Aspekte der modernen Landwirtschaft machen den gefiederten Bewohnern der Agrarlandschaft zu schaffen. So werden Wiesen heutzutage viel häufiger gemäht als früher, sodass die Gelege und geschlüpften Jungvögel von Bodenbrütern schlechtere Überlebenschancen haben.
Wenig ertragreiches Grünland geben Landwirte dagegen oft ganz auf. Aber auch das ist nicht gut, weil sich einige Arten wie Braunkehlchen und Wiesenpieper an genau diese Lebensräume und an die dazwischen liegenden Säume, Weg- und Grabenränder angepasst haben.
Auf den Äckern sieht es nicht besser aus. So herrscht bei den Feldfrüchten wenig Vielfalt, es dominieren Winterweizen, Mais und Raps. Zudem wird kaum noch ein Feld brach liegen gelassen. Denn 2007 hat die EU die Vorschrift gestrichen, dass sieben Prozent der Flächen jedes landwirtschaftlichen Betriebes ungenutzt bleiben müssen. Schon ein Jahr später betrug der Anteil der Brachen an der Landwirtschaftsfläche in Deutschland nur noch 2,6 Prozent. Anfang der 90er-Jahre hatte er im Westen noch bei bis zu zehn, im Osten bei bis zu 20 Prozent gelegen. Viele Vögel verloren so ihre wichtigsten Rückzugsräume und sahen sich stattdessen mit wenig attraktiven Maisfeldern konfrontiert.
Nabu und LBV fordern daher eine neue Agrarpolitik, die ein naturverträgliches Wirtschaften belohnt. „Wir brauchen in der EU dringend attraktivere Förderbedingungen, damit Landwirte beispielsweise weniger Dünger einsetzen und naturnahe Feld- und Wegränder erhalten“, sagt Andreas von Lindeiner. Davon könnten Feldlerche, Grauammer, Hänfling, Stieglitz und viele andere Arten profitieren. Gerade den Körnerfressern könne es aber auch nutzen, wenn Gemeinden und Gartenbesitzer Disteln und Kletten, samentragende Gräser und Stauden als Vogelbüfett für den Winter stehenlassen. Viele Problemkandidaten verbringen die kalte Jahreszeit allerdings lieber im Süden. Und das macht ihre Lage gleich noch etwas kritischer. Einen besonders starken Rückgang sehen die Beobachter des DDA bei Arten wie dem Braunkehlchen, die südlich der Sahara überwintern.
Landwirtschaft südlich der Sahara nimmt zu
Das hat mehrere Ursachen. So werden laut einer Studie der Vogelschutzorganisation Birdlife International jedes Jahr bis zu 36 Millionen Zugvögel auf ihrem Weg nach Afrika illegal abgeschossen. Die Hochburgen der Jäger liegen dabei im zentralen und östlichen Mittelmeerraum. Schätzungsweise je fünf Millionen Tiere kommen in Italien und Ägypten ums Leben, je eine Million auf Zypern und im Libanon.
Allerdings brechen auch die Bestände von Arten ein, die gar nicht über diese Regionen fliegen. Für Franz Bairlein, der das Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven leitet, muss es deshalb noch andere Ursachen geben. Entscheidend sei wohl eine Änderung der Landnutzung in den Überwinterungsgebieten und an den Rastplätzen unterwegs. So hat die landwirtschaftlich genutzte Fläche südlich der Sahara zwischen 1975 und 2000 um 57 Prozent zugenommen, jedes Jahr verschwinden fast fünf Millionen Hektar Wald und andere natürliche Vegetation. Baumlose Landschaften aber können viele Zugvögel nicht nutzen.
Franz Bairlein sieht durchaus Möglichkeiten, die Situation zu verbessern – und zwar im Interesse von Vögeln und Menschen gleichermaßen. Wer zum Beispiel die in den Trockengebieten Afrikas weit verbreiteten Ana-Bäume (Faidherbia albida) pflanzt, schafft in den ausladenden Kronen nicht nur ein gutes Vogel-Habitat. Gleichzeitig fixieren die Schmetterlingsblütler Stickstoff, liefern eiweißreiches Viehfutter und düngen mit ihren herabfallenden Blättern darunter wachsende Nutzpflanzen, sodass die Ernte bis zu dreimal höher ausfällt. Und vielleicht sorgen sie ja auch dafür, dass mehr Zugvögel am Ende ihrer anstrengenden Reise wieder wohlbehalten in Deutschland ankommen. Kerstin Viering
Peter Berthold: Unsere einzigartige Vogelwelt. Die Vielfalt der Arten und warum sie in Gefahr ist. Frederking & Thaler Verlag, München 2018, 224 S.; 29,99 Euro
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