Mit diesem Gerät gelang am 16. September 1979 eine der spektakulärsten Fluchten aus der DDR in den Westen. Vier Erwachsene und vier Kinder saßen in der Gondel. Plötzlich bricht Doris Strelzyk ihr Schweigen. „Es war dieser Ballon, der uns vor 40 Jahren in die Freiheit brachte.“
„Unsere Kinder sollen in Freiheit aufwachsen“
Die Frau beginnt zu erzählen. Von ihrem Mann Peter, der vor zwei Jahren im Alter von 74 Jahren starb, und der damals die Idee zu der Ballonflucht hatte. „Es gab viele Gründe, die DDR zu verlassen“, sagt Doris Strelzyk. „Etwa, was mit meinem Bruder passiert war. Die DDR hatte ihn wegen versuchter Republikflucht mit 16 Jahren für 18 Monate in einem Jugendknast gesteckt.“
Doch der Hauptgrund für die geplante, waghalsige Flucht galt ihren den Kindern. „Unsere Söhne sollen in Freiheit aufwachsen, hatte mein Mann damals gesagt.“
Die Strelzyks lebten in der DDR in der thüringischen Stadt Pößneck. Ihre Flucht planen sie ab Mitte 1977 nicht nur für sich. Das befreundete Ehepaar Günter und Petra Wetzel und deren zwei Söhne wollen ebenfalls die DDR verlassen und sich den Strelzyks anschließen.
Eine Flucht von insgesamt acht Personen: „Mit einem Boot über die Ostsee zu fliehen, oder zu Fuß die Grenze auf dem Landweg zu überwinden, wäre nicht gegangen“, sagt Doris Strelzyk. „Für uns stand fest: Es bleibt nur der Luftweg ins nahe Bayern, wenn wir alle zusammen sicher im Westen ankommen wollen. Und das mit einem Ballon.“
Ballon-Bau nach West-Plänen
Diesen bauen Peter Strelzyk und Günter Wetzel nach Plänen aus Luftfahrt-Magazinen, die Verwandte aus dem Westen mitbringen. Denn Unterlagen zum Ballon-Bau gab es natürlich in der DDR nicht.
„Ich wurde früh in die Pläne eingeweiht“, sagt Strelzyk-Sohn Frank, der nach seiner Heirat nun Riedmann heißt. „Ich war sogar bei den heimlichen Ballon-Tests im Wald dabei.“ Sein jüngerer Bruder wird nicht eingeweiht. „In meiner Klasse ging der Nachbarssohn, dessen Vater bei der Stasi war. Die Gefahr war zu groß, dass ich ihm erzählt hätte, dass wir einen Ballon bauen“, sagt Andreas Strelzyk.
Die Gondel-Konstruktion, die acht Menschen befördern konnte, ist schnell fertig. Nur für die Ballonhülle brauchte es drei Anläufe. Der erste besteht aus einem Futterstoff für Lederwaren. Doch der Ballon ist nicht dicht genug, das Gas entwicht. Ein neuer wird genäht, aus Seide. Mit dem wagen die Familien im Juli 1979 den Aufstieg gen Westen. Doch er scheitert.
Die Ballonflucht, so wie sie im Film „Ballon“ (2018) zu sehen ist.
© Studiocanal
Der Ballon kommt in eine Wolke, der Stoff nimmt Feuchtigkeit auf, wird zu schwer. Der Flug muss abgebrochen werden. Die Familien fliehen, lassen aber den Ballon im Grenzgebiet zurück.
Nach diesem Ereignis werden die Wetzels unsicher, wollen aussteigen. Doch schnell raufen sich die Familien wieder zusammen, wagen einen dritten Anlauf. „Freiheit oder Gefängnis“, lautet ihre Devise.
Um nicht aufzufallen, reisen die Familien quer durch die DDR, um in mehreren Kaufhäusern geringe Mengen Seidenstoff für einen neuen Ballon zu kaufen. „Denn uns war klar, dass die Stasi durch den Fund des alten Ballons gewarnt sein musste, die Geschäfte überwacht wurden“, sagt Riedmann.
Erst der dritte Versuch klappt
In fünf Wochen ist der neue Ballon fertigt. Am 16. September 1979 besteigen ihn die Familien im Grenzgebiet bei Oberlemnitz (Thüringen). Obwohl der Stoff kurz Feuer fängt, bringt er die Familien nach 28 Minuten Flug in die Freiheit. Der Ballon landet im bayerischen Naila.
„Auch wenn es ein großes Risiko war, vor allem mit Kindern so eine Flucht durchzuführen, würde ich es immer wieder machen, wenn es die Situation verlangt“, sagt Doris Strelzyk. Sie kehrt nach der Wende mit ihrem Mann nach Pößneck zurück. Das Paar will wieder in ihrem alten Haus wohnen.
Aus den Stasi-Akten zu ihrer Flucht erfahren sie, dass Mielkes Spitzel ihnen schon auf den Fersen war. „Sechs Tage später hätten sie uns geschnappt“, sagt die Frau.
September 1979: Wenige Tage nach der Flucht wird dieses Foto mit der Familie Strelzyk am Ballon gemacht.
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Die Ballonflucht wird zweimal verfilmt: Erst Hollywood mit dem Streifen „Mit dem Wind nach Westen“ (1982), vor einem Jahr bringt Michael „Bully“ Herbig seine Version „Ballon“ in die Kinos. Was die beiden Filme nicht zeigen: Im Westen werden die Familien von der Stasi verfolgt.
„Etwa 18 IMs wurden auf uns angesetzt, darunter ein Freund meines Vaters. Ihm gelingt es im Stasi-Auftrag, Papas Elektrogeschäft zu ruinieren“, sagt Sohn Frank.
Riedman glaubt, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall Deutschland noch nicht eins ist. „Die Mauer in den Köpfen wird erst mit den jüngeren Generationen verschwinden“, sagt er. Riedmann arbeitet in einer großen Elektrofirma, ist in Bayern geblieben. Sein Bruder Andreas ist Maler, wohnt jetzt in der Schweiz.
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