Hier also besorgt’s der olle Hindenburg der schnuckeligen Mata Hari, oder umgekehrt, in einer Mietskaserne an der Hermannstraße in Neukölln, zweiter Hinterhof, vierte Etage. Und der König macht vom Generalfeldmarschall und von der Spionin Lichtbild auf Lichtbild. Dreh deinen Hintern noch etwas mehr zu mir, Schätzchen, stillhalten – und jawoll!
Das sind die neuen Schauspieler in Staffel III von Babylon Berlin!
Kopulierende, die zurecht gemacht sind wie Prominenz aus der Gegenwart und der Geschichte: Das ist ein Fall für die Berliner Polizei. Die Sitte nimmt das Photoatelier Johann König hoch und macht Hindenburg und Mata Hari und auch noch Bismarck und den Alten Fritz dingfest.
Der Kaiser zieht eine Pistole
Wilhelm zwo macht sein eigenes Ding: Der Kaiser klettert über einen Zaun, auf den jemand „Nehmt eure Rechte wahr! Demonstriert am 1. Mai!“ gepinselt hat, läuft über die Baustelle, wo der Rohbau des neuen Karstadt-Warenhauses steht, hangelt sich auf ein Gerüst – und steht plötzlich einem Kommissar gegenüber, der ihn verfolgt hat.
Mensch, Junge, sagt Kommissar Rath, sieh doch ein, dass es zwecklos ist. Du hättest uns beiden schon die Kletterei sparen können, erspar uns wenigstens weiteren Ärger.
Dir erspar ick überhaupt keen Ärja, sagt der falsche Kaiser. Und zieht eine Pistole …
Ein Roman, 16 Fernsehfolgen
So beginnt Gereon Raths erster Fall. Anfangs glaubt der Kommissar an eine schlappe Erpressung im Pornomilieu, doch schon bald befindet er sich in einem dichten Dschungel aus Prostitution und Korruption, Drogen- und Waffenhandel.
Volker Kutscher ist der Erfinder von Gereon Rath, eines Kölners, den es, nachdem er einen Mann getötet hat, nach Berlin verschlägt, wo er 1929 im Polizeipräsidium am Alexanderplatz seinen Dienst antritt. Sechs Rath-Romane sind seit 2007 erschienen; sie spielen in der Endphase der Weimarer Republik und zu Beginn der NS-Diktatur.
Raths erster Fall, „Der nasse Fisch“, der 1929 spielt, bildet die Grundlage für die (vorerst) 16-teilige Fernsehserie „Babylon Berlin“. Die Serie, schon vorab von Kritikern schwer gelobt, ist auf 16 Folgen von jeweils 45 Minuten in zwei Staffeln angelegt und ab 30. September wöchentlich in der ARD zu sehen.
Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), Szene aus "Babylon Berlin"
© Frédéric Batier / X Filme 2017
Volker Kutscher ist als Interviewpartner derzeit sehr gefragt. Man bekommt den Eindruck, dass der 54-Jährige immer noch nicht so recht fassen kann, dass sein Kommissar Filmkarriere macht.
„Das war sehr faszinierend zu sehen, dass das, was ich irgendwann mal geschrieben hatte, wo ich sozusagen meinen eigenen inneren Film in Worte gefasst habe, dass das bei so kreativen Leuten wieder was ausgelöst hat, dass das Inspiration war für die Drehbücher, die sie geschrieben haben“, sagt Kutscher in einem Video von X Filme Creative Pool, der Firma, die mit Sky, Beta Film und ARD Degeto „Babylon Berlin“ produziert hat. Mitzubekommen, „wie das alles ein eigenes Leben entwickelt, das wirft mich tatsächlich um“.
"Brodelndes Lebensgefühl"
Erich Kästner weckte Kutschers Faszination für das Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre. Als Kind las er „Emil und die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“. Es begeisterte ihn, dass da „sehr viel echtes Leben“ drinsteckt. Später fand er dieses Leben auch in Kästners „Fabian“ und in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“.
Als Kutscher Berlin erstmals besuchte, machte er sich auf Spurensuche. Es erstaunte ihn, wie viel von Kästners und Döblins Berlin noch zu finden ist, spürte „dieses brodelnde Lebensgefühl einer Zeit, die von unserer Gegenwart gar nicht so weit entfernt ist“.
Amüsemang im Berlin der zwanziger Jahre (Szene aus "Babylon Berlin"). Je mehr Po und Brust die Girls auf der Bühne zeigen, desto praller sind die Zuschauersäle gefüllt.
© Frédéric Batier / X Filme 2017
Die zwanziger Jahre in Deutschland: Gern verklären wir sie als golden, doch nur für wenige waren sie es – und selbst für die nur ein gutes halbes Jahrzehnt, zwischen Ende der Inflation 1923 und Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929.
Die US-Amerikaner nennen jene Jahre „The Roaring Twenties“, die wilden, stürmischen, unberechenbaren Zwanziger, was ihr Wesen besser beschreibt. Bei den Franzosen heißen sie so, wie sie wirklich waren: „Les Années Folles“ – Die verrückten Jahre.
Die zwanziger Jahre in Berlin waren eine verwirrende Zeit, befreiend und beängstigend, geistreich und gespenstisch, glanz- und unheilvoll zugleich, eine Zeit, in der die einen sich auf die Tage und Nächte stürzten, lebenslustig, -hungrig, -gierig, und die anderen sich durch die Alltage schleppten, vom Leben gebeutelt, am Leben verzweifelnd, des Lebens müde.
"Spree-Chicago wächst heran"
Sefton Delmer, geboren 1904 in Berlin, ab 1929 Korrespondent beim „Daily Express“, verstand „den irrsinnigen Wirbel“ in der Stadt „als eine Art pompejanisches Gelage am Vorabend des Vesuvausbruchs“. Niemand konnte sich dem Tanz am – und nicht selten auf dem – Vulkan entziehen.
Die Vulkanasche war auch ein Nährboden für das organisierte Verbrechen. „Ich wollte“, sagt Volker Kutscher, „den Berlin-Mythos der zwanziger und frühen dreißiger Jahre mit dem amerikanischen Gangster-Mythos derselben Zeit verbinden.“
Seinem ersten Roman hat Kutscher ein Zitat des Industriellen, Schriftstellers und Politikers Walther Rathenau vorangestellt: „Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran.“ Rathenau wurde 1922 als Reichsaußenminister Opfer eines Attentats der nationalistisch und antisemitisch gesinnten „Organisation Consul“.
Zeitreise in die 20er-Jahre
Der Erfolg der Rath-Romane gründet sich auf die Art und Weise, wie Kutscher das damalige Leben darstellt: echt. Täglich schreibt er fünf Seiten, am liebsten nachts, umgeben von alten Berliner Stadt- und Straßenbahnfahrplänen sowie Adressbüchern. Seine Romane wollen keine Geschichtsbücher sein, doch wer sie liest, glaubt sich auf Zeitreise: Der Leser (aber, soweit wir wissen dürfen, nicht unbedingt der "Babylon-Berlin"-Zuschauer) ...
... geht ein und aus im Polizeipräsidium am Alex. Die Berliner nannten das Gebäude wegen seines roten Backsteins und seiner einschüchternden Klotzigkeit „Rote Burg“.
Charlotte "Charly" Ritter (Liv Lisa Fries in einer Szene aus "Babylon Berlin") arbeitet als Stenotypistin im Berliner Polizeipräsidium.
© Frédéric Batier / X Filme 2017
... macht Bekanntschaft mit dem schon zu Lebzeiten legendären Kriminalisten Ernst Gennat. Er gründete die „Zentrale Mordinspektion“, die weltweit Nachahmung fand. Hinter vorgehaltener Hand hieß er wegen seiner Leibesfülle – er war kuchensüchtig – „Buddha“ oder „Der volle Ernst“.
... stolpert durch den „Blutmai“. Die Unruhen vom 1. bis 3. Mai 1929 forderten 33 Menschenleben. Polizeipräsident Karl Zörgiebel hatte Ende 1928 alle Demonstrationen unter freiem Himmel untersagt. Er begründete das Verbot mit den zunehmenden Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten und setzte es durch „mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln“.
Berliner "Blutmai": Trotz Verbots demonstrieren vom 1. bis 3. Mai 1929 Hunderte von Arbeitern (Szene mit Volker Bruch als Kommissar Rath in "Babylon Berlin"). Die Polizei geht mit ganzer Härte gegen sie vor.
© Frédéric Batier / X Filme 2017
... löffelt Erbsensuppe bei „Aschinger“ am Alex. Eine Zeit lang war Aschinger – Motto: „Beste Qualität bei billigstem Preis“ – die größte Gastronomiekette Europas. Der Betrieb hatte in ganz Berlin „Bierquellen“ (Stehbierhallen) und Restaurants, auch Konditoreien.
... genießt einen Kaffee auf der Dachterrasse von Karstadt am Hermannplatz. Das Warenhaus, das im Juni 1929 eröffnete, war das modernste in Europa. Es beeindruckte mit 72.000 Quadratmeter Nutzfläche auf neun Geschossen, zwei Türmen mit Lichtsäulen und Direktzugang zum U-Bahnhof Hermannplatz.
... amüsiert sich im „Plaza“ am Küstriner Platz (am Sonntag: Franz-Mehring-Platz). Das im Februar 1929 eröffnete Volksvarieté hatte die Arbeiterschaft als Zielgruppe.
Varieté und Kabarett, teure Klubs und billige Kaschemmen: Für jede Vorliebe und fast jeden Geldbeutel bietet das Berliner Nachtleben der zwanziger Jahre etwas (Szene aus "Babylon Berlin").
© Frédéric Batier / X Filme 2017
... vergnügt sich im „Kakadu“. Die einst größte Bar Berlins an der Ecke Kurfürstendamm, Joachimstaler Straße und Augsburger Straße war Treff von Stars und Künstlern, Wirtschafts- und Halbweltbossen.
... taucht ein in die Geschäfte der „Ringvereine“. Ende 1929 gab es in Berlin 60 Ringvereine mit 1600 Ringbrüdern: Taschenkrebse (Diebe) und Öler (Wechselgeldbetrüger), Wettbetrüger, Schutzgeldeintreiber und Zuhälter sowie Schränker (Safeknacker wie die Brüder Sass, die im Januar 1929 die Diskontobank am Wittenbergplatz um bis zu 2,5 Millionen Reichsmark erleichterten). Die Polizei duldete diese Mafia, weil sie für Ordnung und Sicherheit in den Kiezen sorgten.
Das Alexanderhaus stand erst 1932
Berlin Alexanderplatz, Blick aufs Alexanderhaus und, dahinter, aufs Polizeipräsidium. Eine Frauenstimme aus dem Off: „Das Berliner Pflaster ist rauer als sonst wo im Reich.“ Es folgt eine blitzschnelle Aneinanderreihung von Szenen: Passanten; ein Polizist mit Gewehr auf dem Rücken, der einem Paar in dessen Wohnung die Decke vom Abendbrottisch reißt; eine Animierdame mit entblößten Brüsten; eine Mutter, die auf einem Bett, in dem ein Mann liegt und ein Kind sitzt, ihr Baby stillt; ein Muskelprotz, der Fleisch hackt und in Eimer wirft; ein Bärtiger in Abendgarderobe, der mit einer Pistole bedroht wird; ein Dickwanst, der sich nackt auf einem Sofa fläzt; eine Frau, die einen Schnaps kippt; Kommissar Rath, der in einem schmalen Tunnel wie ein Wahnsinniger schreit …
Zwanzig Sekunden lang ist dieser Trailer zu „Babylon Berlin“. Der Kurzfilm macht Lust auf mehr, lässt aber Kenner der Berliner Geschichte kurz zucken: Das Alexanderhaus stand 1929 noch nicht – Baubeginn war 1930, Fertigstellung 1932.
Filmemacher nennen das künstlerische Freiheit.
16 Drehbücher, 5000 Komparsen
Drei Regisseure verantworten die Verfilmung von Raths erstem Fall: Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten. Ihr Ziel sei es gewesen, sagt Tykwer, eine Serie zu machen, die sich so anfühlt, „als würde man in eine Zeitmaschine geschmissen“.
Für Tykwer ist „Babylon Berlin“ nach der Netflix-Serie „Sense 8“ die zweite Fernsehproduktion. Er sieht sie in der Tradition von so erfolgreichen US-Serien wie „The Sopranos“, „Breaking Bad“ oder „Boardwalk Empire“. Bei der Arbeit zu „Babylon“ hatte er das Gefühl, acht Spielfilme gleichzeitig zu drehen.
Das Gefühl in Zahlen: Es gab 16 Drehbücher, 300 Drehorte, 185 Drehtage, 230 Sprecherrollen, 5000 Komparsen, 2200 Stunden Drehmaterial.
Der Film, "ein gigantisches Monster"
Es wundert nicht, dass „Babylon Berlin“ die teuerste deutsche Serienproduktion sein soll: Mindestens 40 Millionen Euro hat sie verschlungen.
Volker Kutscher hatte mehrere Anfragen von Filmemachern, die ein Grundinteresse an seinem Romanstoff bekundeten. Aber Tom Tykwer habe als einziger genau gewusst, was er damit machen will, sagt er. „Der sprühte vor Ideen.“ Kutscher hatte nur eine Bedingung: seine Figuren nicht zu verraten.
„Ich habe mich noch nie einem Roman so verpflichtet gefühlt und ihn gleichzeitig so hinter mir gelassen“, sagt Tykwer. Das Team habe „Der nasse Fisch“ als „Basis-Matrix sehr ernst genommen“, aber bei der Eigenrecherche so viel Material entdeckt, dass der Film „ein gigantisches, immer weiter wachsendes Monster geworden ist“.
Der harte Mann, die "Neue Frau"
Tykwer & Co. haben Kutschers Figuren diesem Monster nicht zum Fraß vorgeworfen, sie haben einige Charaktere anders angelegt. Für den Krimiautor ist das alles „sehr plausibel, weil dadurch die Welt weiter wird: Man schaut in viel mehr Milieus rein“.
Charlotte „Charly“ Ritter zum Beispiel; sie arbeitet als Stenotypistin im Polizeipräsidium und will Polizistin werden. Im Roman kommt sie aus kleinbürgerlichen Beamtenverhältnissen, in der Serie aus einer Arbeiterfamilie.
Was ist mit ihm? Ist er überfallen worden? Ist er volltrunken? Szene aus "Babylon Berlin" mit Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter und Volker Bruch als Kommissar Gereon Rath.
© Frédéric Batier / X Filme 2017
Ja, klar, Gereon Rath und Charly Ritter vergucken sich ineinander. Beide sind herausfordernde Charaktere.
Rath ist ehrgeizig, dickköpfig, eigensinnig, er überschreitet gerne Grenzen, widersetzt sich Vorgesetzten, er qualmt wie das Kraftwerk Klingenberg in Rummelsburg, trinkt gerne einen über den Durst, vor allem wenn er und Charly sich mal wieder gestritten haben, und nimmt auch schon mal Kokain.
Volker Bruch („Unsere Mütter, unsere Väter“) spielt Rath.
„Ich mag Gereon Rath, gerade weil er auch seine schlimmen Seiten hat, weil er kein perfekter, politisch korrekter Gutmensch ist“, sagt Volker Kutscher. „Er nimmt es nicht immer ganz genau, hat aber andererseits ein starkes Gerechtigkeitsempfinden.“
Auch Charly ist ehrgeizig, dazu zielstrebig, selbstbewusst, eine typische „Neue Frau“ der zwanziger Jahre, sie will unabhängig sein, will etwas machen aus ihrem Leben.
Liv Lisa Fries („Und morgen Mittag bin ich tot“) spielt Charly Ritter. Und Kutscher ist begeistert: „Das ist meine Charly, das ist toll, das passt perfekt!“
Das sollte Rath lieber nicht zu Ohren kommen. Er ist höllisch eifersüchtig.
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