Autodieb gesteht

Polizist 70 Meter mitgeschleift und beinahe getötet

Der Beamte hatte sich am gestohlenen Wagen festgehalten.

Katrin Bischoff
Lesezeit 3 Min

© imago/Roland Mühlanger (Symbolbild)

Michael S. setzt sich vorsichtig auf den Stuhl, auf dem die Zeugen Platz nehmen. Er legt sich ein Kissen in den Rücken, damit die Schmerzen erträglich werden. Michael S. ist 54 Jahre alt, er war 33 Jahre Polizeibeamter, nun ist er dienstunfähig. Weil ihn Szymon R., ein Autodieb, beinahe zu Tode gefahren hat. Seit diesem Montag muss sich Szymon R. dafür vor dem Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie es ihm gehe, schüttelt Michael S. verzweifelt den Kopf, er holt eine Plastiktüte aus seiner Tasche. Sie enthält Metallteile, die seine Wirbelsäule zusammengehalten haben. Die Schmerzen seien zu groß gewesen, deswegen habe er die Teile wieder herausoperieren lassen, erklärt der Polizist. „Mein Körper ist verdreht“, sagt Michael S. Der Angeklagte habe ihn benutzt wie einen Fender. So nennt man die Puffer an der Außenwand eines Schiffes, die diese vor Beschädigungen schützen sollen. Er sei, sagt der Polizist, dabei kaputtgegangen.

Anwohner beobachteten Autodiebe auf Parkplatz

Michael S. war am Morgen des 7. August 2015 mit zwei jungen Kollegen zu einem Parkplatz an der Ruschestraße in Lichtenberg gefahren, weil Anwohner dort Autodiebe beobachtet hatten. Die Täter machten sich gerade an einem zweiten Audi A 5 zu schaffen, als die Polizisten eintrafen. Die Autodiebe flohen zu Fuß, nur Szymon R. sprang in den zuvor aufgebrochen Audi. Als er die Tür des Wagens zuschlug, soll er die linke Hand von Michael S. eingeklemmt haben und mit hoher Geschwindigkeit davongefahren sein. Weil sich der Polizist nicht befreien konnte, soll der Angeklagte nach 70 Metern mit der Fahrerseite absichtlich gegen geparkte Autos gefahren sein, um den Beamten abzuschütteln. Michael S. wurde losgerissen, er blieb mit lebensgefährlichen Verletzungen liegen.

36 Stunden später wachte er auf der Intensivstation des Unfallkrankenhauses wieder auf. „Sitzen, liegen, schlafen, Tabletten nehmen“, so beschreibt er sein Leben, dass er seitdem führt. Er sei eigentlich nur damit beschäftigt, irgendwie über den Tag zu kommen. Und er kümmere sich um seine Frau, die nach der „Sache“ richtig zusammengebrochen sei. Michael S. erklärt, dass er damals eine Schutzweste getragen habe, ohne die wäre er vermutlich „ganz weg gewesen.“

Handydaten überführen Autodieb

Szymon R. hört dem Polizisten aufmerksam zu. Der 30-Jährige hatte gleich zu Prozessbeginn die Tat eingeräumt. „Es tut mir sehr leid und ich wünschte, ich könnte sie rückgängig machen“, lässt er über seinen Anwalt erklären. Szymon R. erzählt, wie er sich 2011/2012 einer polnischen Diebesband angeschlossen habe. Er habe Drogen genommen. Er sagt, er habe bei dem Autodiebstahl in Lichtenberg gemerkt, dass sich jemand an dem Auto festgehalten habe. „Ich wollte diese Person nur loswerden“, erklärt er. Eine Kollision will er nicht bemerkt haben. 

Im Februar 2016 waren Szymon R. und weitere Bandenmitglieder beim Versuch festgenommen worden, in Berlin erneut Audis zu stehlen. Szymon R. wurde im November 2016 zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Bei den Ermittlungen zu diesem Verfahren kam heraus, dass der Mann auch für Tat in Lichtenberg verantwortlich ist. „Die Verbindungsdaten der Handys wurden ausgewertet. Dadurch geriet der Angeklagte in Tatverdacht“, sagt der Staatsanwalt Martin Glage.

Der Prozess wird fortgesetzt.  

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