Ausgrabungen am Molkenmarkt

Auf den Spuren des Ur-Berliners

Archäologen legen in Mitte Hinterlassenschaften der Vergangenheit frei.

Maritta Tkalec
Lesezeit 3 Min
Beste Lage neben dem Roten Rathaus: Reste der freigelegten Maschinenhalle des 1888 errichteten Elektrizitätswerks an der Spandauer Straße. 

Beste Lage neben dem Roten Rathaus: Reste der freigelegten Maschinenhalle des 1888 errichteten Elektrizitätswerks an der Spandauer Straße. 

© Michael Malliaris

Besonders ist auch, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen die Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit bei der Planung der Zukunft berücksichtigen will. „Das gab es in Berlin so frühzeitig noch nie“, freut sich der Grabungsleiter Michael Malliaris, Archäologe im Landesdenkmalamt.

Vergangenheit soll in Planung der Zukunft einfließen

Über Jahrhunderte verfuhr Berlin eher nach dem Motto: Weg mit dem alten Krempel und was Neues hingebaut. Für dieses Vorgehen finden sich auch auf diesem Grabungsfeld Beweise: Unmittelbar an die rückwärtige Seite des Roten Rathauses setzten die Berliner Elektrizitätswerke (Bewag) im großen Aufbau- und Modernisierungsrausch das dritte Kraftwerk der Metropole Berlin – auf dass im Rathaus elektrische Glühbirnen erstrahlen konnten. Gewaltige Dampfmaschinen trieben mächtige Generatoren an.

Um das Fortschrittswerk Elektropolis voranzutreiben, riss man 1888 alles ab, was im Wege stand, auch das Palais Blankenfelde an der Spandauer Straße, Stammhaus einer der ältesten Berliner Familien, über Jahrhunderte zur städtischen Führungsschicht gehörend.

Was vom ältesten Steinhaus der Stadt übrig blieb, steht nun auf einer Liste von besonderen Gebäuden, die Michael Malliaris als Kandidaten für archäologische Fenster identifiziert hat. Darauf stehen auch der Große Jüdenhof, die Zorn’sche Apotheke, in der Johann Friedrich Böttcher – der Erfinder des europäischen Porzellans – als 14-jähriger Lehrling das Goldmachen versuchte.

Einrichtung archäologischer Fenster

Von der Senatsbauverwaltung hat Michael Malliaris die Botschaft: „Grabt mal, dann sehen wir weiter.“ Das bedeutet mindestens die Einrichtung der archäologischen Fenster. Solche Blicke in die Vergangenheit wird es auch im Humboldt-Forum und am Petriplatz geben. Doch dort gingen die Zeitzeugen erst nachträglich in die Bauplanungen ein. Nun sind sie gleich dabei.

Wozu die eisernen Funde dienten, bleibt zu erforschen.   

Wozu die eisernen Funde dienten, bleibt zu erforschen.   

© Michael Malliaris

In den beiden abgezäunten Arealen rechts und links des Verkehrsgetöses auf der Grunerstraße heben derzeit Bagger Erdschichten ab oder räumen Schutt aus alten Kellern. Und es gibt Kunde aus den wirklich alten Zeiten: zwei runde, ziegelgefasste Brunnen – ein kleinerer aus dem 18. Jahrhundert, ein später gemauerter größerer.

Daneben befinden sich zwei Kopfsteinpflaster-Flächen, die wahrscheinlich bis zum Bau der Brunnen zusammenhingen. Die Bewohner des Viertels legten den gepflasterten Hof im 15. Jahrhundert an. In den Jahrhunderten danach entstand ein bürgerliches Viertel mit soliden Bauten. Weder Armenquartier noch Reichen-zone.

Aus jener Zeit stammt auch der bisher bedeutendste Fund. Ein Holzstück macht die Archäologen glücklich. Sie fanden es in einer 50 Zentimeter hohen schwarz-roten Schicht etwa einen Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Das Band kündet von der Existenz eines Fachwerkhauses – genauer: von dem Feuer, das es vernichtete.

Keramik liefert Altersbeweis

Das Rot stammt vom verziegelten Lehm, das Schwarz vom verbrannten Holz. Dessen Alter konnte bestimmt werden: Der Baum wurde im Jahr 1469 gefällt. Das muss nicht unbedingt dem Jahr des Hausbaus entsprechen; so ein Balken kann zuvor auch anderweitig genutzt worden sein. Doch in der Zusammenschau von Lage und Funden in der Nachbarschaft erscheint das genannte Alter wahrscheinlich. „Eine Delikatesse“, sagt Michael Malliaris.

Doch es geht noch weiter in die Tiefe: Unter jenem Fachwerkhaus stand ein noch älteres, eines mit hölzernen Wänden. Das Baumaterial ist vergangen und nur noch als graubraune Schicht zu erkennen. Und doch liegen da gut sichtbar die Reste eines etwa sechs Meter langen und 2,50 Meter breiten Hauses aus dem 13. Jahrhundert – der Zeit, in der Berlin von der Fernhändlersiedlung zur Stadt wuchs.

Den Altersbeweis lieferte die Keramik der Bewohner. Unter dieser ältesten Bauschicht liegt nur noch der eiszeitliche Sand. 

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