Aufregung um doppelte Staatsbürgerschaft

Wir sind zwei Volk

Aktuelle Umfrage: 55 Prozent der Berliner lehnen den Doppelpass ab.

Frederik Bombosch
Lesezeit 3 Min
Viele Berliner haben eine doppelte Staatsbürgerschaft - jetzt macht sich Skepsis breit.

Viele Berliner haben eine doppelte Staatsbürgerschaft - jetzt macht sich Skepsis breit.

© privat

60 Prozent der Umfrageteilnehmer sagten, der Ausgang des Referendums zeige, dass viele Deutschtürken nicht wirklich in das demokratische System integriert seien.

Bei dem Referendum in der Türkei am 16. April sprach sich laut offiziellem Ergebnis eine knappe Mehrheit der Teilnehmer dafür aus, die Verfassung nach den Vorstellungen von Präsident Recep Tayyip Erdogan zu ändern.

63 Prozent für Erdogan - nach offiziellen Angaben 

Er wird mit der Reform, die 2019 wirksam werden soll, deutlich erweiterte Befugnisse erhalten, per Dekret zu regieren. Er kann unter anderem dann auch das Parlament auflösen.

Während der Vorsprung der „Evet“ (Ja)-Sager in der Türkei hauchdünn war, hatte Erdogan für sein Vorhaben unter Deutschtürken deutliche Unterstützung. 63 Prozent stimmten nach offiziellen Angaben dafür.

Sila Sahin (31), Schauspielerin und Ex-Playboy-Model, kam in Berlin zur Welt. Sie ist Deutsche und Türkin.

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© dpa

In der Hauptstadt allerdings waren es nur knapp 50 Prozent. Die Wahlbeteiligung im Berliner Konsulat, das auch für Teile Ostdeutschlands zuständig ist, betrug 43,4 Prozent. In der Region gab es rund 140 000 stimmberechtigte Türken.

Rund die Hälfte der Befragten sieht keine Probleme beim Zusammenleben

Fast die Hälfte der Forsa-Umfrageteilnehmer ist nach dem Referendum der Ansicht, dass sich das Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken verschlechtert hat. 48 Prozent vertreten diese Meinung, nur eine kleine Minderheit von elf Prozent sieht eine Verbesserung.

Wiederum findet zwar rund die Hälfte der Befragten, dass es keine größeren Probleme im Zusammenleben gibt. Ein relativ großer Anteil von 37 Prozent sieht jedoch große oder sehr große Probleme.

Dieser Wert ist deutlich höher, als bei einer ähnlichen Befragung, die Forsa im März in ganz Deutschland durchgeführt hat. Bundesweit sehen demnach nur 23 Prozent große oder sehr große Probleme zwischen Deutschen und Türken. Obwohl Berlin auf eine mehr als 40-jährige Geschichte von Einwanderung aus der Türkei zurückblickt, ist die Integration also nach Wahrnehmung vieler Menschen noch immer von Schwierigkeiten begleitet.

Fahri Yardim (37) ist ein Hamburger Nordlicht, spielt mit Til Schweiger im Hamburger „Tatort“.

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© dpa

Die Jüngeren wollen mehrheitliche beide Pässe

Auffällig ist, dass ältere Teilnehmer der Umfrage deutlich skeptischer sind als jüngere Generationen. So finden 26 Prozent der unter 30-Jährigen, dass sich das Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken verbessert hat.

Eine Mehrheit der Jüngeren befürwortet auch den Doppelpass. Aus Sicht von 60 Prozent der unter 30-Jährigen sollten Zuwanderer ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft nach der Einbürgerung behalten dürfen. Auch bei den 30- bis 44-Jährigen gibt es eine leichte Mehrheit.

Rund 4,3 Millionen Menschen mit zwei Staatsbürgerschaften in Deutschland

Umso kompakter ist die Ablehnung bei den Älteren: 70 Prozent der über 60-Jährigen finden, dass der deutsche Staat keinen Pass neben seinem eigenen dulden sollte. Neben den Anhängern von CDU, FDP und AfD ist auch eine Mehrheit der SPD-Sympathisanten dieser Meinung: Nur 38 Prozent von ihnen befürworten die doppelte Staatsbürgerschaft.

Nach Zensus-Angaben lebten in Deutschland im Jahr 2011 rund 4,3 Millionen Menschen mit zwei Staatsbürgerschaften. Rund 690.000 von ihnen hatten neben dem deutschen den polnischen Pass, 570.000 den russischen, 530.000 den türkischen.

Forsa führte die Frage vom 19. bis zum 27. April durch, also unmittelbar nach dem Referendum. 1002 Berliner nahmen daran teil.

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