Dort, ebenfalls an der Hauptstraße: bunte Holzhäuser, dazu, neu eröffnet, eine Buchhandlung, ein Schokoladen und eine Eisdiele, ein Bioladen, ein Restaurant, eine Seifenmanufaktur und in einem grün gestrichenen Gebäude: ein Pub.
John Norman hat direkt neben dem Pub sein Büro. „Bonavista Living“ steht in blauer Schnörkelschrift auf einem Schild. Norman ist Gründer der Firma, die sich zum Ziel gesetzt hat, die kleine Hafenstadt Bonavista auf Neufundland (Kanada) wieder mit Leben zu füllen.
Wer konnte, der zog weg, als vor 25 Jahren die Kabeljaufischerei zusammenbrach. Was folgte, waren geschlossene Fabriken, verblassende und verfallende Wohnhäuser mit verrammelten Türen und vernagelten Fenstern, dazu gähnende Schaufenster und ein verrottendes Wasser- und Abwassersystem. Schließlich stand die Hälfte aller Häuser an der Hauptstraße leer.
Der Seefahrer rief „Bon a vista!“
Eine aktuelle Studie des „Harris Center für regionale Entwicklung“ der Universität St. Johns prognostiziert, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten 41.000 Einwohner Neufundland verlassen werden. Derzeit leben dort rund 530.000 Menschen. Einige Gemeinden könnten ganz verschwinden. Es ist eine Entwicklung, die auch hierzulande bekannt ist: Wo es keine Arbeit gibt und an Perspektiven fehlt, sind manche Landstriche wie leer gefegt.
Bonavista ist eine kleine Hafenstadt auf Neufundland.
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Bonavista verlassen kam für John Norman nicht infrage. Doch was hat der kleine Ort zu bieten? Für Norman keine schwere Frage: historische Häuser! „Die älteste urbane Struktur stammt von Anfang des 17. Jahrhunderts“, erklärt der 33-Jährige in neufundländischem Englisch mit typisch irischem Einschlag. Schon als Kind interessierte er sich für alte Häuser. „In Bonavista gab es keinen großen Brand, viele alte Gebäude stehen deshalb noch.“
Die Kleinstadt, die auf eine englische Kolonie zurückgeht, gehört zu den ältesten Siedlungen Neufundlands; sie wurde 1610 gegründet. Giovanni Caboto (John Cabot), venezianischer Seefahrer in Diensten des englischen Königs, hatte 1497 als erster Europäer nach den Wikingern den Ort entdeckt. „Bon a vista!“, soll er bei seiner Ankunft gerufen haben. Er war es auch, der die Kunde vom Kabeljau nach Europa brachte, die Fischer anlockte.
Der Zufall half
Wenn John Norman von seiner Heimatstadt erzählt, leuchten seine Augen. Im Ort steht nicht nur die größte noch existierende Holzkirche Nordamerikas, erbaut 1730, sondern auch Speicherhäuser von 1857 und viktorianische Villen, errichtet zwischen 1880 und 1910.
Vor acht Jahren kaufte Norman eines der heruntergekommenen Häuser. „Es sah katastrophal aus“, erinnert er sich. Zwei Jahre Arbeit steckte er mit seiner Frau in das einst prächtige, 1886 erbaute Haus. „Als wir fertig waren, wusste ich, dass es nicht das letzte gewesen ist.“
Seit 2010 sind mehr als 20 Gebäude restauriert worden, in den nächsten Jahren sollen weitere 60 folgen. Viele von ihnen stammen aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
© katrin groth
Ein Jungspund, der Häuser sanieren will? Eine Schnapsidee!, dachten nicht wenige der verbliebenen Einwohner. Was er brauchte, war Geld, Instandsetzungen sind teuer. Aus den klammen Kassen der öffentlichen Hand gab es keine Unterstützung.
Der Zufall half. Im Sommer 2013 verschlug es Mark und Chantal Dickson nach Bonavista. Norman zeigte ihnen den Ort. Seit er 18 Jahre alt ist, macht er Stadtführungen. Dickson, Chef eines US-Pharmakonzerns, ließ sich von Normans Begeisterung anstecken und kaufte eins der alten Häuser.
Über 60 neue Bewohner
Ausländische Investoren, die Immobilien in Bonavista kaufen? Die Ablehnung der Einheimischen war groß. Doch Norman überzeugte: Es gehe nicht um Wertsteigerung, sondern darum, Bonavista wieder zu einem Zuhause zu machen. Und der Erfolg gibt ihm recht. „Zu verkaufen“ und „Geschlossen“ prangt zwar noch immer auf Schildern in der Stadt. Aber: „Wir haben in den letzten acht Jahren mehr als 20 Gebäude restauriert“, sagt Norman, „60 warten noch.“
Neun Häuser sind inzwischen verkauft, 17 vermietet, eines zum Hotel umgebaut, allesamt Holzhäuser, restauriert von örtlichen Handwerkern, die die alten Bautechniken noch beherrschen. Ausgewählt werden die Gebäude nach Bedeutung, Lage und Ausmaß des Verfalls – die schlimmen Fälle zuerst. Norman hat mit seiner Firma inzwischen acht Millionen Dollar investiert. In den vergangenen zwei Jahren zogen über 60 neue Bewohner nach Bonavista, im Schnitt 33 Jahre alt. Die Hälfte davon sind Familien mit Kindern. Was sie herführte, waren aber nicht nur die schicken Häuser.
Echtes Leben und keine Filmkulisse
Karen Dewling kam 2016 aus dem 120 Kilometer entfernten Clarenville nach Bonavista. „Es war eine echt schwere Entscheidung“, erzählt die 39-jährige Jungunternehmerin in ihrem Labor für vegane Cremes und Seifen, das sich in einem strahlend weißen Gebäude mit rot-grünen Fenstern befindet. „Wir haben zwei kleine Kinder, die gerade fünf und drei Jahre alt waren, als wir beschlossen, den Sprung zu wagen.“ Verwandte, Freunde, Bekannte: Alle hielten sie und ihren Mann für verrückt. John Norman hatte dem Paar von seiner Vision erzählt und es überzeugt, „dass unser kleines Geschäft perfekt dazu passen würde“. Es passt.
Karen Dewling stellt in einem Labor vegane Cremes und Seifen her.
© katrin groth
Mehr als 50 Unternehmen haben sich seit Ende 2015 im Ort angesiedelt, allein 16 gehen zurück auf die Initiative von John Norman. „Das ist echtes Leben hier, keine Filmkulisse, wo Leute ihre Ferien verbringen“, sagt er beim Gang durch die Hauptstraße. „Junge Menschen von New York bis Vancouver kommen jetzt nach Bonavista, vor allem Kreative und Millennials.“ Bis zu drei Arbeitsplätzen entstünden mit jeder Geschäftseröffnung.
Und wie geht‘s weiter? John Norman, jüngst zum Bürgermeister gewählt, kratzt sich am Dreitagebart. Eine bessere Gesundheitsversorgung, mehr Bildungsmöglichkeiten und ein Schwimmbad wünscht er sich. Er könnte es schaffen, Bonavista könnte es schaffen – und wieder eine durch und durch lebenswerte Stadt werden.
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