Können Sie sagen, wie oft Sie am Tag online nach Informationen suchen? Nein? Google schon.3,5 Milliarden Anfragen gehen bei der Suchmaschine des gleichnamigen US-Unternehmens täglich ein.
Auch bei Gesundheits-Fragen wird Doktor Google gern befragt. „Viele Menschen suchen, wenn sie sich krank fühlen, online nach ihren Symptomen, finden passende Diagnosen und starten mit Tipps aus Foren eine Selbsttherapie“, sagt Medienexperte Thomas Schmidt in seinem Buch „Neuland“. Die Therapie ist dann aber häufig wirkungslos, schlimmstenfalls sogar gefährlich. Schmidt: „Solche Suchanfragen führen nicht selten zu Möchtegern-Medizinern, die Unsinn erzählen.“
Wer etwa nach Behandlungsmöglichkeiten von Menstruationsbeschwerden sucht, findet fast so viele Lösungsvorschläge wie tägliche Google-Suchanfragen: Wärme, Entspannungsübungen, Naturheilverfahren, Mönchspfeffer oder Nachtkerzenöl, homöopathische Mittel, chinesische Kräuter, rote Säfte, Suppen oder oder ...
Google spuckt nicht nur die seltsamsten Ergebnisse aus, sondern speichert die Daten der Suchenden auch. Um sie zu nutzen – etwa um Gesundheitstrends vorherzusagen. So steckt hinter dem Projekt „Flu Trends“ eine einfache Idee: Werden in einer Region verstärkt bestimmte Stichworte wie „Husten“ oder „Schnupfen“ gesucht, sagt Google eine nahende Grippewelle voraus. Noch vor Behörden und Medizinern.
Die bekommen zunehmend Konkurrenz von diesem digitalen Kollegen. Etwa wenn Patienten mit fertiger Diagnose zum Arzt kommen – und nun nur noch das Rezept für ein verschreibungspflichtiges Medikament wollen. „Manche werden ja geradezu ärgerlich, wenn der Arzt seine eigene Diagnose stellen will und womöglich gar zu einem anderen Ergebnis kommt als die eigene Internetrecherche“, sagt Schmidt. Und fügt lachend hinzu: „Das Phänomen hat sogar einen Namen: Morbus Google.“
Das Wort entspringt zwar dem „Neuland“, das Phänomen aber ist ein analoges. Schmidt: „Eine Frau mit Menstruationsbeschwerden könnte genauso gut all ihre Freundinnen befragen und würde vielleicht ähnlich merkwürdige Ratschläge hören.“
Auch dann stünde sie vor der gleichen Aufgabe wie im Internet: Richtig zu beurteilen, was sinnvoll, wer vertrauenswürdig und welcher Tipp eher mit Vorsicht zu genießen ist.
Schmidt meint deshalb: „Ob vor 100 Jahren oder heute – Informationen zu beurteilen, ist eine uralte Fähigkeit des Menschen.“ Neben eigenem Wissen und Erfahrungen geht es dabei auch ums Hinterfragen der Quelle.
Wer ist für die Information verantwortlich? Ist die Person oder Institution vertrauenswürdig, unabhängig und qualifiziert? Und bei ernsthaften Beschwerden: Fragen Sie doch Google – nach der Adresse eines Arztes!
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com