Endlose Trauer

Die Einsamkeit der Opfer

KURIER-Reporter traf Angehörige, die eine Menschen gewaltsam verloren

Rolf Kremming
Lesezeit 5 Min
Die Berlinerin Marion Waade, Gründerin von ANUAS e.V., mit dem Foto ihrer toten Tochter 

Die Berlinerin Marion Waade, Gründerin von ANUAS e.V., mit dem Foto ihrer toten Tochter 

© Rolf Kemming

Thoralf: „Jeden Geburtstag besuche ich um Mitternacht Inges Grab und gratuliere ihr auf meine Weise. Wir sind uns sehr nah und ich war der Letzte in der Familie, der sie lebend gesehen hat. Ihr Exfreund holte sie unverhofft ab und wie er vor Gericht aussagte, fuhren sie auf einen Waldweg und hatten Sex. Danach hat er Inge von hinten erstochen und neben dem Auto liegen lassen. An diesem Tag ist eine Hälfte von mir gestorben.“

Familie Mahrt empfindet dem Täter gegenüber keinen Hass. Das wäre zu viel Aufmerksamkeit für ihn, sagen sie. Wut spüren sie manchmal, zu viele Fragen sind im Prozess offen geblieben. Vor allem die nach dem Warum. Der Täter schweigt.

Doch die Mahrts wollen zeigen, dass man sich nach einer solchen Tat verändert, aber damit auch fertig werden kann. „Wir vermissen ihre unbeschwerte Art und ihr Lachen. Aber wir freuen uns auch über die fast 20 Jahre, die wir miteinander verbracht haben. Wir fahren oft an Inges Grab.“ Dort reden und lachen sie mit ihr. Der Bruder fügt hinzu: „Ich habe die Hoffnung nicht verloren, sondern Inge in mein Leben mit eingebunden. Dazu gehört, wenn ich abends auf der Terrasse stehe, ihren Stern zu suchen und Inge Hallo zu sagen.“

Dennoch: Die Einsamkeit der Opfer, die einen Angehörigen nach einer Gewalttat verloren haben, bleibt. 

Marion Waade am Grab ihrer Tochter Susan in Athen. Die Behörden sperrten sich, die Leiche der jungen Frau nach Deutschland zu überführen.  

Marion Waade am Grab ihrer Tochter Susan in Athen. Die Behörden sperrten sich, die Leiche der jungen Frau nach Deutschland zu überführen.  

© privat

Marion Waade von dem Verein „ANUAS e.V.“ kennt das. Sie hat selbst ihre Tochter verloren. 

Es war der 3. Juli 2007. Am Abend stand ein Polizist vor ihrer Tür, sagte: „Ihre Tochter ist tot.“ Marion Waade: „Dann rauschte es in meinen Ohren und die nächsten Sätze zogen wie ein Tsunami durch meinen Kopf. Tot aufgefunden in Athen. Die nächsten Stunden verbrachte ich wie in Trance.“ Es sei ein Selbstmord gewesen, sagte die Athener Polizei. Marion Waade: „Die Tatortfotos beweisen allerdings das Gegenteil. Tiefe Schnittverletzungen am Hals, Schädelverletzung, überall Blut und hinter dem Leichnam ein blutverschmiertes Messer. Meine Familie glaubte keine Sekunde daran. Sie wollte von ihrem Exfreund ihre restlichen Sachen holen. Erst zwei Tage nach der Bestattung, wurden wir informiert.“ Die Athener Staatsanwaltschaft schloss die Akte, die deutsche Botschaft war keine Hilfe, das Bundeskriminalamt kam nicht weiter und ein Rechtshilfeersuchen wurde nie beantwortet. Akten verschwanden und die Überführung von Susan nach Berlin wurde verweigert. 

Aussagen, die auf einen Mord hinwiesen, wurden ignoriert. „Die Behörden ließen uns allein. Deshalb gründeten mein Mann, ich sowie acht weitere Betroffene den ANUAS e.V. Wir wollen Gerechtigkeit, unterstützen im Behördendschungel, wollen die Politik sensibilisieren und koordinieren die Hilfe zur Selbsthilfe. Inzwischen haben wir 18 000 Mitglieder.“ 

Die Diplomatengattin Karin Rapp wurde 2012 in ihrem Haus in Kenia tot aufgefunden. Sie wurde laut Obduktion von hinten erschlagen. Trotzdem unternahmen die Behörden nichts.  

Die Diplomatengattin Karin Rapp wurde 2012 in ihrem Haus in Kenia tot aufgefunden. Sie wurde laut Obduktion von hinten erschlagen. Trotzdem unternahmen die Behörden nichts.  

© Rolf Kremming

Der Tod ihrer Tochter – kein Einzelfall. Auch der Tod der Diplomatengattin Karin Rapp (73) ist mysteriös. Am 26. August 2012 wurde sie in ihrem Haus in Kenia aufgefunden. Die Deutsche Botschaft schickte ein Fax an die Familie nach Freudenstadt: Keine äußerlichen Merkmale erkennbar. Die Obduktion ergab jedoch: sie wurde von hinten erschlagen. 

Tochter Kerstin Kolvenbach (45): „Meine Mutter hatte in Kenia die Kinderhilfsorganisation YSP für Kinder aufgebaut. Mein Vater flog nach Afrika und kam mit ihrer Urne, Laptop und Handtasche zurück. Meine Mutter muss ihren Tod befürchtet haben, denn ihr Testament beginnt mit dem Satz ,Sollte mir etwas zustoßen’. Kurz vorher hatte sie mir noch wichtige Bankunterlagen anvertraut und einen ängstlichen Eindruck gemacht.“

Sie glaubt, dass der Mord vielleicht etwas mit dem Diplomatenberuf ihres Vaters zu tun hatte. „Wir haben in verschiedenen Ländern Afrikas gelebt und meine Mutter hat politisch sehr viel mitbekommen. Vielleicht zu viel?“ Die Tochter stellte Anzeige gegen unbekannt und flog nach Kenia. „Es war eine gruselige Reise und seit damals begleitet mich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Seitdem suche ich nach Antworten und Hilfe. Nach einigen Vorfällen kommt sogar der Verdacht auf, dass es sich um einen Auftragsmord handelte. Aber von behördlicher Seite habe ich keinerlei Unterstützung erfahren. Es gab weder psychologische oder rechtliche Hilfsangebote.“ 

Karin Rapps Tochter Kerstin Kolvenbach sucht noch heute nach Antworten und Hilfe und fühlt sich oft damit alleingelassen.  

Karin Rapps Tochter Kerstin Kolvenbach sucht noch heute nach Antworten und Hilfe und fühlt sich oft damit alleingelassen.  

© privat

Wieder fühlt man sich alleingelassen.

Berlin ist übrigens das einzige Bundesland, das einen Opferbeauftragten hat. Seit 2002 kümmert sich Rechtsanwalt Roland Weber um die Nöte der Opfer und deren Angehörige. Er sagt: „Selbst mit dem 3. Opferrechtsreformgesetz hat sich für die Betroffenen in der Praxis bisher wenig verändert. Leider sind die Gesetze so gemacht, dass die Opfer für alles Anträge stellen müssen. Das betrachte ich als Fehler im System. Das ist in der Situation der Opfer nämlich kaum möglich. Polizei, Versorgungsamt, Sozialdienste und Krankenkassen müssen zeitnah unterrichtet werden und selbst tätig werden. Ich selbst habe für einen Angehörigen an das Versorgungsamt geschrieben und es dauerte mehr als sechs Wochen, bis ich nur den Eingangsvermerk erhalten habe. Erklärung: Zu wenig Personal.“ 

Aber auch die Familien von Tätern fühlen sich oft alleingelassen. Dagmar E., Mutter eines Mannes, der vier Frauen tötete, leidet bis heute an den Folgen seiner Taten. Sie sagt: „Der Albtraum begann, als mir ein Polizeibeamter telefonisch mitteilte, dass mein Sohn ein Mörder sei. Diese Sekunden waren mein persönlicher Weltuntergang.“

Vier tote Frauen. Zerstückelt, ausgeweidet und entsorgt. Eine Frau hat er sogar nach der Hochzeitsfeier seiner Mutter umgebracht. 

Für Dagmar E. wurde der Gang zum Supermarkt oder das Warten an der Bushaltestelle zum Spießrutenlauf. „Hilfe? Nein, Hilfe gab es keine. Weder von den Behörden noch von halbamtlichen Stellen. Wir hielten es einfach nicht mehr aus und zogen 500 Kilometer weiter weg. Dahin, wo uns keiner kannte.“ 

Weitere Infos unter www.anuas.de 

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