Die Zahl antisemitischer Angriffe ist in der Hauptstadt deutlicher höher, als aus den Statistiken hervorgeht. Zu diesem Ergebnis kommt ein gestern vorgestellter Forschungsbericht der TU Berlin. Die Wissenschaftler haben ein „erhebliches Dunkelfeld“ von nicht angezeigten Taten entdeckt. Als Beispiel dafür nennen sie judenfeindliche Beleidigungen bei Amateur-Fußballspielen.
Die Berliner Polizei hat 2013 knapp 200 antisemitische Taten erfasst – meist Beleidigungen und Schmierereien mit Hakenkreuzen. Seit 2011 (unter 150 Fälle) steigt diese Zahl an. Hochburg ist der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Schlusslichter sind Marzahn-Hellersdorf, Neukölln und Steglitz-Zehlendorf. Interessant ist, dass das Aufkommen in Berlin bis siebenmal höher als in Hamburg ist, das die Hälfte der Bevölkerung besitzt. Gründe dafür sehen die TU-Forscher in der wachsenden Gruppe israelischer Bewohner Berlins (bis 30 000 nach Schätzungen) und dem Spektrum jüdischen Lebens, das „in keiner anderen deutschen Stadt so vielfältig“ sei. Die registrierten Gewalttaten bewegen sich laut Studie im einstelligen Bereich. 2012 waren es sechs und ein Jahr später acht.
Der jüngste Fall war ein Gewaltausbruch in der Neujahrsnacht, als eine Gruppe von sieben jungen Männern in der U-Bahn Parolen wie „Fuck Israel“ und „Fuck Juden“ riefen. Der Israeli Shahak Shapira (26) filmte die Männer mit dem Handy und erntete dafür Schläge und Tritte. Zeugen beschrieben die Täter laut Polizei als „arabisch aussehende Männer“. Ihr Opfer, dessen Großvater Amitzur Shapira (✝ 40) bei Olympia in München 1972 ermordet wurde, forderte in einem „SZ“-Interview: „Der Vorfall darf nicht missbraucht werden, um Hass auf Muslime zu schüren. Die Angreifer hätten genauso gut Neonazis sein können und der Geschlagene ein Araber.“
Das bestätigen die Macher der Studie: Hinter den Angriffen würden oft Rechtsradikale und junge Männer mit arabischer oder türkischer Abstammung stehen. Die Forscher betonen: Bei jungen Muslimen sei weniger Religionszugehörigkeit als vielmehr eine schlechte Schulbildung die Ursache für Antisemitismus.
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