Anschlags-Angst

Der Terror ist mitten unter uns!

Ostbahnhof wegen Bomben-Alarm evakuiert. Polizei untersucht IS-Netzwerk des „Emirs“.

CLAUDIA WILMS MIKE WILMS und ERIC RICHARD
Lesezeit 3 Min
Terror-„Emir“ Ismet D. predigte in einer Hinterhof-Moschee. Er wurde bei einer Razzia verhaftet.

Terror-„Emir“ Ismet D. predigte in einer Hinterhof-Moschee. Er wurde bei einer Razzia verhaftet.

© Richard Lizenz

Die Nerven liegen blank. Es war 14 Uhr, als die Sicherheitsleute im Ostbahnhof den Schock ihres Lebens bekamen. Eine Video-Kamera zeigte eine verdächtige Frau an einem Schließfach. Sie nahm eine Tasche heraus, leerte sie in eine zweite, mitgebrachte Tasche – und stellte die erste wieder ins offene Fach zurück. Die Frau verschwand, reagierte nicht auf Durchsagen. Die Polizei griff zur Höchstmaßnahme: Der Bahnhof wurde evakuiert.

Polizisten in Schutz-Anzügen rückten mit Spezialgerät an. Ein Entschärfungs-Roboter zog die rote Tasche aus dem Fach, machte eine Röntgenaufnahme – und sprengte die Tasche mit einem Wasserstrahl. Ergebnis: Sie war völlig harmlos, enthielt ein Ladekabel und Zettel. Aber in diesen Zeiten ist jede Vorsicht angebracht. Am Vortag war bekanntgeworden, dass ausländische Geheimdienste vor Anschlägen auf Berliner Bahnhöfe und „Pegida“-Demos warnen.

Am Sonnabend hieß es konkret, dass eine Schweizer IS-Zelle den Hauptbahnhof und das Schloss Bellevue ins Visier nahm. Die Terror-Ziele waren auf dem Handy eines Irakers (29) markiert, der in der Schweiz lebt und dort verhaftet wurde. Nicht bekannt ist, ob er Verbindungen zum selbst ernannten „Emir von Berlin“ hatte. Ismet D. und sein Finanzbeschaffer Emin F. (43) sitzen seit den Polizei-Razzien von Freitag in U-Haft. D. war fünf Jahre lang ein Strippenzieher des Islamischen Staates (IS).

Die Hinterhaus-Moschee Hicret Camii an der Perleberger Straße: Dort radikalisierte er junge Manner türkischer und russischer Herkunft. Tarnung war sein Verein „Fussilet 33“, eine angebliche Familienberatung in der Schönwalder Straße.

Ismet D. lebt seit 15 Jahren in Deutschland und ist Bauunternehmer in Wedding. Er hat eine Frau, drei Töchter (4, 7, 13) und einen Sohn (10). Selbst die Firma diente dem Rekrutieren künftiger IS-Kämpfer. Ein Mitarbeiter war der inhaftierte Syrien-Rückkehrer Murat S. (40). Ihm hatte er gleich nach der Heimkehr einen Baustellen-Job besorgt.

Den Tipp auf das Netzwerk von Ismet D. bekam die Polizei offenbar von der Berliner Witwe eines getöteten IS-Kämpfers – aus Rache. Ihr Mann war vom „Emir“ angeworben worden.

Solche Insider-Hinweise sind Gold wert. Denn die Terrorbekämpfung gleicht oft einem Stochern im Nebel. Aber alles, was über die Szene bekannt wird, landet hier: im „Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum“ in Treptow – bei den Experten von 40 Behörden wie LKA und BND.

Als sicher gilt: In Berlin leben rund 570 Salafisten, von denen 290 gewaltbereit sind. Etwa 80 sollen nach Syrien gereist sein, um für den IS zu kämpfen. Zehn Berliner wurden getötet. Am gefährlichsten dürften die Kriegsheimkehrer sein. Ihre Zahl ist unbekannt, aber sie sind brutalisiert – und haben schon getötet.

Im Abwehrzentrum hält man einen großen, exakt geplanten Anschlag für unwahrscheinlich. Aber das macht es nicht besser. IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani rief radikale Einzeltäter auf: „Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, überfahrt sie mit dem Auto.“ Jeder radikalisierte Islamist kann derjenige sein, der am Ende ein Attentat verübt. Verfassungsschutz-Chef Bernd Palenda: „Ich wünschte, es gäbe ein Muster.“

Nach dem Attentat von Paris finden verstärkt Polizei-Razzien statt. Laut Polizeigewerkschafter Rainer Wendt sind das keine Beruhigungs-Maßnahmen: „Wir greifen zu, wenn es nötig ist.“ Experten halten Berlin für besonders gefährdet. Der Psychologe Ahmad Mansour (Zentrum Demokratische Kultur) berät Heimkehrer-Familien. Er warnt: „Bisher hatten wir nur Glück.“ Auch Norbert Cioma, Polizei-Personalrat und Ex-Zielfahnder, nennt Berlin ein „Pulverfass“

Die Bundesregierung sieht bis her von einer öffentliche Terrorwarnung ab. Sie will keine Panik schüren. Aber die Polizeipräsenz an wichtigen Bahnhöfen wurde am Sonnabend deutlich verstärkt.

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