Für die 12.000 Menschen, die bis in die Nacht zum 2. Mai hinein im Anhalter Bunker ausharrten, interessierten sich die Befreier der Stadt nicht. Die meisten Berliner hockten in jenen Tagen unter der Erde, auch in S- und U-Bahn-Tunneln. In den Außenbezirken richtete die sowjetische Besatzungsmacht bereits ihre Verwaltungen ein.
Die im Anhalter Bunker Steckenden, meist Frauen, Kinder und Alte aus Kreuzberg, wussten nicht, was draußen geschah. Sie verstanden ja nicht einmal mehr, was ihnen unmittelbar widerfuhr. Wieland Giebel, Ausstellungskurator im Berlin Story Museum am originalen Schauplatz, rekonstruiert nach Augenzeugenberichten die dramatische Situation am 1. Mai: „Vier bis fünf Menschen pro Quadratmeter standen in den Bunkerräumen.
„Kinder nicht von der Hand lassen!“
Seit sieben Tagen hatte der Generator keinen Diesel mehr – seither gab es keine Frischluft, die Toiletten konnten nicht abgepumpt werden, das Wasser war alle. Die Temperatur in den stockfinsteren Räumen stieg auf 60 Grad, die Ausdünstungen der Menschen kondensierten an den Wänden, es tropfte von der Decke. Knöcheltief standen die Leute in ihren eigenen Fäkalien, in allen vier Etagen.“
Trotzdem drängte niemand nach draußen. De Angst vor dem Ungewissen hielt sie auf, aber auch die Apathie, die Menschen unter dauerhaftem Sauerstoffmangel befällt. So mancher hatte wohl auch das Zeitgefühl verloren.
Den Dämmerzustand im Dunkel beendeten nach Augenzeugenberichten SS-Männer, jedenfalls Militärs, die dem Arzt und Bunkerwart Hans Mellin mitteilten, die Sprengung des S-Bahn-Tunnel unter dem Landwehrkanal stehe bevor. Dieser Tunnel war unmittelbar mit den unteren Etagen des Anhalter Bunkers verbunden, diese würden unweigerlich überflutet. Die Menschen im Bunker mussten umgehend raus.
Der DEFA-Film „Rotation“ von 1949 hat an die Stelle nicht existenter Fotos propagandistisch aufgeladene Szenen gesetzt, manches trifft sich mit den Erinnerungen Betroffener. Von Tausenden Opfern kann, wie darin behauptet, allerdings nicht die Rede sein. Tatsächlich flohen Tausende durch steigendes Wasser aus den bis zu sechs Meter unter der Erde liegenden Tunnels. Am Ende stand das Wasser bis unter die Decke. Zwischen 80 und 130 Leichen wurden später geborgen, die meisten waren vermutlich bereits vor der Evakuierung verstorben.
Die Berlinerin Waltraud Süßmilch, damals 15 Jahre alt, hat in ihrem Buch „Im Bunker“ ihre Zeit „in diesem Betonsarg“ beschrieben, auch die Evakuierung. Ordner und Militärpersonal hätten gerufen: „Packt eure Sachen, räumt die Treppe! Kinder nicht von der Hand lassen! Wir sollten den S-Bahn-Schienen bis zum Stettiner Bahnhof folgen, heute heißt er Nordbahnhof.“
Zwei bis drei Stunden sollte das dauern, aber es gab ein „mühseliges Geschiebe“. Sie fühlte sich inmitten der Massenflucht „wie ein Hering in der Dose“. Einige Fackeln erleuchteten die Finsternis: „Ich erkannte nichts als eine wogende Menschenmenge.“ Sie watete durch das steigende Wasser: „Es war nicht nur eklig, es war auch verdammt kalt.“ Wer stolperte und hinfiel, musste in der eiskalten, nassen Kleidung weiter. Zwischen Unrat schwammen Ratten. Das Mädchen ließ Menschen hinter sich, die nicht weiter konnten, ging an Toten vorbei. Bald trug man die Koffer auf den Schultern – über Wasser.
Über das Schicksal der verwundeten Soldaten, die man in elf Lazarettzügen im Tunnel abgestellt hatte, ist kaum etwas bekannt. „Vielen von ihnen fehlte wohl die Kraft, sich in Sicherheit zu bringen“, sagte Udo Dittfurth, Leiter des S-Bahn-Museums, der Berliner Zeitung.
Letzte Widerstandsnester der SS
Die Sprengung der meterdicken Tunneldecke am Grunde des Landwehrkanals geschah, als die Rote Armee bereits im Stadtzentrum stand und die Kämpfe am Anhalter Bahnhof, von einigen Widerstandsnestern abgesehen, beendet waren. Sie war so sinnlos, dass sie viele Spekulationen auslöste: Ob es wohl einen Befehl gegeben habe und wenn ja, von wem? Etwa vom Führer? Nichts ist bewiesen oder belegt.
Fest steht: Erstens war Ortskenntnis notwendig, zweitens verlangte die Verschaffung von Riesenmengen Dynamit in den Tunnel – er wurde von innen gesprengt – einigen Aufwand. Allein die Ladungen anzubringen, muss nach Einschätzung von Experten Stunden gebraucht haben.
In einer von den Kreuzberger Bezirksverordneten nach 1989 veranlassten Untersuchung wird auch erwogen, ob die Rote Armee letzte Widerstandsnester der SS habe „ausspülen“ wollen. Doch fehlte den fremden Soldaten die Ortskenntnis und wohl auch das Interesse. Dieses richtete sich auf das große symbolische Ziel, das Zentrum der deutschen Macht. Was sollten sie in den überfüllten finsteren Tunneln, da sie doch ihr Ziel oberirdisch vor Augen hatten?
Augenzeugenberichte, die in den ersten Wochen nach dem Krieg, teils auch über Zeitungen, eingesammelt worden waren, widersprechen einander erheblich hinsichtlich der Zeitangaben und Abläufe. In einem internen Bericht für die Reichsbahndirektion heißt es: „Am 2. Mai morgens 7.55 Uhr erschütterte eine gewaltige Detonation die Gegend der Kreuzung des Landwehrkanals mit dem Tunnel der Nordsüd-S-Bahn; sekundenlang bebte die Erde, dann wurden im Kanal die Wassermassen und auf den nördlichen und südlichen Uferstraßen das Straßenpflaster, Erde, eiserne Rohre usw. in die Höhe geschleudert.
Augenzeugen beobachteten, wie das Wasser des Kanals, das erst nach beiden Seiten aufstauend ablief, weiter nach der Kreuzungsstelle zurückflutete und unter Bildung großer Wirbel in die Tiefe gezogen wurde. Bald war das im Kanal befindliche Wasser verschwunden…“. Der Landwehrkanal lag trocken. Doch auch dieser amtlich erscheinende Bericht lässt seine Quellen unerwähnt.
Tat bleibt unaufgeklärt
Wieland Giebel vom Berlin Story Museum kommt in Kenntnis und Abwägung der Fakten und Gerüchte zu dem Schluss: Die Sprengung kann nur von der SS vorbereitet und ausgeführt worden sein. Dass der Führer aus seinem Bunker heraus den Befehl gegeben habe, verweist er ins Reich der Legenden: „Die waren dort von aller Kommunikation abgeschnitten. Zudem hatte sich Hitler bereits am 30. April erschossen.“ Ein Truppentagebuch und ein Zeitungsbericht vom Juni 1945 nennt Pioniere der Wehrmacht als Täter.
Die irre Sprengung blieb bis heute unaufgeklärt. Die realen Folgen beschäftigten die Stadt noch lange Zeit. Knapp ein Meter groß war das Loch in der Tunneldecke, eine Million Kubikmeter Wasser war in die zentralen Verkehrsadern der Stadt eingeströmt. Der gesamte, die Berliner Innenstad unterquerende S-Bahntunnel zwischen Yorckstraße und Humboldthain stand unter Wasser. Über diverse Verbindungstunnel an Umsteigestationen strömte das Wasser auch in U-Bahnschächte. Selbst am Alexanderplatz waren die U-Bahnsteige überschwemmt.
Am 12. August 1945 berichtete die Berliner Zeitung: „Inzwischen ist die Errichtung von Fangdämmen an der Weidendammbrücke und am Landwehrkanal so weit fortgeschritten, daß in etwa vier Wochen mit dem Leerpumpen des Tunnels begonnen werden kann.
Instandsetzung bis Juni 1947
Der Wasserspiegel soll aber zunächst nur bis zu einer gewissen Höhe gesenkt werden, die es ermöglicht, den Tunnel mit Pontons zu befahren, um notwendige Aufräumungsarbeiten durchführen zu können. Erst nach Abschluß dieser Arbeiten kann der Tunnel völlig leer gepumpt und der sonst noch entstandene Schaden beseitigt werden.“
Voller Schauder unternahm Gerhard Slupski, Reporter der Berliner Zeitung, Anfang September eine Pontonfahrt durch die „Unterwelttiefen“ am Anhalter Bahnhof: „Das Licht einer Lampe tastet unsere nähere Umgebung ab.
Ja. Doch hier ist etwas bekannt: Die mit grünen Kacheln versehenen Pfeiler auf dem Bahnhof ragen unversehrt aus dem Wasser empor, ein Schild meint ‚Nicht einsteigen‘, und hier wird ein Zeitungskiosk von den trüben Fluten bis zum Verkaufstisch umspült. Planken treiben vorüber, ein mit verkrustetem Schlamm überzogener S-Bahn-Zug, bis über Fußbodenhöhe im Wasser stehend, wartet auf seine Wiedererweckung. Ein niedergebrochener Laufsteg sperrt plötzlich die Weiterfahrt; mit etlichen Mühen manövrieren wir uns hindurch.“
Gewaltige Schäden an Spreeunterfahrung
Die Instandsetzungsarbeiten begannen sofort nach Kriegsende. Um an die zerstörte Tunneldecke zu gelangen, wurden Stahlspundwände gesetzt und ein Umlaufkanal eingerichtet, der das Wasser des Landwehrkanals an der Schadenstelle vorbei leitete. Nach der Reparatur der Tunneldecke begann das Abpumpen. Im September war dann die erwähnte Journalistenfahrt möglich. Zeitungen druckten Bilder von den versunkenen S-Bahn-Wagen, die nun vom Schlamm gereinigt wurden.
Die Wannseebahnzüge fuhren zunächst oberirdisch über den Potsdamer Ringbahnhof. Ab dem 2. Juni 1946 gab es einen Pendelverkehr zwischen Anhalter Bahnhof und Friedrichstraße, ab 27. Juli 1946 fuhren die Wannseebahnzüge wieder in den Tunnel, ab 15. August folgten die S-Bahn-Züge von Lichterfelde Süd. Die gewaltigen Schäden an der Spreeunterfahrung wurden trotz unzureichender Hilfsmittel und Baustoffe soweit behoben, dass der Tunnel am 15. November 1947 wieder durchgehend befahren werden konnte.
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