Angst im Milieuschutzgebiet

Ein Haus zittert vor dem Teuersanierer

Mieter hoffen, dass der Bezirk sein Vorkaufsrecht nutzt und sie in Sicherheit bringt.

Ulrich Paul
Lesezeit 3 Min
Protest an der Fassade: Mieter weisen auf Transparenten auf ihre Situation hin.

Protest an der Fassade: Mieter weisen auf Transparenten auf ihre Situation hin.

© Berliner Kurier

„Wir sind durch ein Schreiben des Bezirksamts darüber informiert worden, dass unser Haus verkauft wird“, sagt Paule Harzer, 33. „Das war ein Schock.“ 

Das Haus in der Holteistraße liegt im Milieuschutzgebiet. Das heißt, hier besteht aus Sicht des Bezirks die Gefahr, dass Mieter verdrängt werden. Der Bezirk hat deswegen bei Verkäufen ein gesetzliches Vorkaufsrecht. „Wir sind dann ins Rathaus geladen worden, wo wir erfahren haben, dass es eine Frist von zwei Monaten für die Ausübung des Vorkaufsrechts gibt“, sagt Harzer.

Unter der Kastanie im idyllischen Hof: Paule Harzer, Nadja Müller, und Maik Lischke (v.l.).

Unter der Kastanie im idyllischen Hof: Paule Harzer, Nadja Müller, und Maik Lischke (v.l.).

© Christian Schulz

„Zu dem Zeitpunkt waren es leider nur noch fünf Wochen.“ Das sei der nächste große Schock gewesen. „Wir haben dann sofort begonnen, uns zu organisieren, haben einen E-Mail-Verteiler aufgebaut und Kontakt zu allen Mietern aufgenommen“, sagt Harzer. „Keiner konnte uns zunächst sagen, wer der Käufer ist. Das haben wir erst später herausgefunden.“

„Schlimmer kann es nicht kommen“

Erwerben will das Haus mit mehr als 20 Wohnungen ein Unternehmen, das zur Fortis Group gehört. „Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen“, sagt Nadja Müller, 32. Der Grund: Die Fortis wurde bekannt durch Fälle wie in der Lenbachstraße 7 oder Samariterstraße 8/Ecke Rigaer Straße 35 in Friedrichshain, wo die Mieter kurz vor dem Jahreswechsel eine Modernisierungsankündigung erhielten, nach der sich die Miete verdoppeln bis verdreifachen könnte. „Wir zahlen für unsere rund 65 Quadratmeter große Wohnung eine Kaltmiete von 460 Euro, warm sind es 628“, sagt Paule Harzer. „Wenn wir hier raus müssten, würden wir zu dem Preis keine neue Wohnung mehr finden.“ Anderen gehe es genauso. 

Sie setzen auf Hilfe durch die Politik: Die Bewohner des Hauses Holteistraße 19/19a.

Sie setzen auf Hilfe durch die Politik: Die Bewohner des Hauses Holteistraße 19/19a.

© Berliner Kurier

Die Mieter haben in den letzten Tagen überlegt, welche Kosten auf sie zukämen, wenn eine Genossenschaft ihr Haus erwirbt. Bei der Diese eG, einer neugegründeten Genossenschaft genau für diese Zwecke, kämen immense Kosten auf sie zu. „Für unsere Wohnung müssten wir rund 33.000 Euro aufbringen“, sagt Harzer. Es gebe zwar auch Zuschüsse, doch könnte das kaum jemand aus dem Haus innerhalb von vier Wochen aufbringen. „Wir hoffen deswegen, dass eine landeseigene Gesellschaft unser Haus über das Vorkaufsrecht erwirbt“, sagt Harzer.

Bezirk prüft die Ausübung des gesetzlichen Vorkaufsrechts

Das Haus war einst im Besitz einer Tochter der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). Doch diese winkt ab. Der Erwerb des Hauses in der Holteistraße sei leider nicht möglich, sagt WBM-Sprecher Christoph Lang. Der Kaufpreis sei „nicht wirtschaftlich darstellbar“. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg prüft die Ausübung des gesetzlichen Vorkaufsrechts, sagt Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne). Nach der WBM ist jetzt eine andere landeseigene Gesellschaft als möglicher Erwerber im Gespräch. „Der Staat ist mit seinen Gesetzen verantwortlich für die hohen Preise“, sagt Schmidt. „Wenn er die nicht zahlt, gibt er die Stadt und die Menschen auf.“

Die Linken-Abgeordnete Gaby Gottwald kritisiert die Geschäftspraktiken von Fortis seit langem – und setzt sich dafür ein, den Mietern zu helfen. Sie sagt: „Wenn jetzt nicht das Vorkaufsrecht ausgeübt wird, um solchen Geschäftemachern das Handwerk zu legen, dann weiß ich nicht, worauf man wartet, um wirkungsvoll Mieterschutz zu praktizieren.“ 

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