Einen Vegetarier, der ganz auf Fleisch und Fisch verzichtet, hat heute wohl jeder im Bekanntenkreis. Aber Veganer sind ’nen Zacken schärfer: Sie lehnen alle tierischen Produkte ab, also auch Milch, Käse und Eier.
Sie bewerten Nutztierhaltung generell als Quälerei – und wollen, dass öffentliche Kantinen das ernst nehmen. Jede müsse mindestens ein tägliches, rein pflanzliches Menü ins Angebot aufnehmen.
Lila Sawinko isst seit ihrer Kindheit kein Fleisch, trinkt lieber Obst-Smoothies.
© Volkmar Otto
Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, auf den sich das Bürgerbegehren fürs Erste beschränkt, ist veganes Essen längst zur Mode geworden. In der Marheinekehalle an der Bergmannstraße wirbt fast jeder Stand mit Tofu-Burgern und Veggie-Burritos, veganer Currywurst und Kokosmilch.
So soll es, wenn das Bürgerbegehren „Zusätzliches veganes Menü in bezirklichen Einrichtungen“ durchkommt, auch in den knapp 60 Schulen des Bezirks und in der Rathauskantine werden. Tamika (29), Barista in der veganen Cafeteria „Goodies“ findet das klasse. Sie hat ihr Ernährungsprogramm zum Job gemacht, sagt: „Wenn die Schulkinder weniger Pampe und öfter vegan essen, sind sie auch fitter und aufmerksamer im Unterricht.“
Tamika bietet uns, den KURIER-Reportern, testweise Sobanudel-Salat (aus Buchweizen) mit Erdnusssoße an, dazu Smoothies aus Spinat und Ingwer. Es schmeckt, gar keine Frage. Aber brauchen wir deshalb eine behördliche Vegan-Pflicht? Welcher weltanschauliche Kampf kommt als nächstes: Nur noch Obst, das freiwillig vom Baum gefallen ist?
Der Bezirk rechnet mit Mehrkosten von 300.000 Euro, wenn täglich ein Essen ohne tierische Produkte zusätzlich angeboten wird. Der Koch Jürgen Palla, der seit 30 Jahren die Kantine im Rathaus Kreuzberg betreibt, nennt das Bürgerbegehren einen der Gründe, seinen Pachtvertrag zu kündigen. Er rechnet damit, dass die Vegan-Vorschrift kommt.
Denn: Das Bürgerbegehren hat statt der nötigen 6000 bereits 9500 Unterschriften gesammelt, die Montag im Rathaus übergeben werden. Damit ist die erste offizielle Hürde gepackt: Man darf davon ausgehen, dass BVV und Bezirksamt im grün-alternativen Bezirk den Veganern entgegenkommen.
Handwerker Hagen Löffler hat zwar nichts gegen Veganer, aber auf Fleisch mag er nicht verzichten.
© Volkmar Otto
Falls doch nicht, kommt es zum Bürgerentscheid, bei dem alle Wahlberechtigten im Bezirk an der Urne entscheiden. Für den Erfolg wären nur rund 20.000 Ja-Stimmen nötig. Ganz locker zu packen. Vegane Aussichten also im Alternativ-Kiez? Wir fragen Handwerker Hagen Löffler (48), der bei „Flierenbaum – Berliner Spezialitäten“ gerade eine dicke Currywurst genießt.
Er sagt: „Ich esse sehr gerne Fleisch, vor allem Rouladen. Aber warum sollte ich gegen veganes Essen in Schulen und Kantinen sein?“ Es sei ja nur ein Zusatzangebot, das die Menü-Palette vergrößert – aber kein Fleischverbot. Die Gruppe Sentience Politics, die hinter der Vegan-Initiative steht, will dann am liebsten ganz Berlin erobern.
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com