Allein gegen die Mafia

Kronzeugin Maria fürchtet um ihr Leben

Mit ihrer Familie versteckt Maria sich vor der ’Ndrangheta in Deutschland.

Andrea Kahlmeier
Lesezeit 4 Min

© Fotolia/Symbolbild

Maria war 16, als sie sich mit einer Strandbekanntschaft heimlich zum Essen verabredete. Questo vergogna! Was für eine Schande! Ihre Eltern zwangen sie, mit diesem Mann, den sie nicht liebte, vor den Altar zu treten. Was sie nicht ahnte: Sie heiratete in die Mafia ein.
Und fürchtet jetzt um ihr Leben.

Maria Giordano ist heute 35 Jahre alt, sie wirkt älter. Ihre Augen blicken müde und trotzdem unruhig, ja gehetzt; Sorgenfalten haben sich in ihre Stirn gegraben. Die Angst vor dem Tod hat ihre Spuren hinterlassen.

Eine Katze hat sieben Leben, sagt man. Maria hat mehr. Sie hat ungezählte Male den heißen Atem der ’Ndrangheta im Nacken gespürt, der Vereinigung der kalabrischen Mafia, die in Europa, Nord- und Südamerika sowie Russland und Australien agiert; sie hat mehrere Anschläge überlebt. Aber sie ist eine starke Frau, sie will sich nicht mehr ducken, nicht mehr kleinkriegen lassen, so wie früher...

Deutschland Anfang der 80er-Jahre, ein kleines Kaff in Schwaben. Hier ist der Mann noch Herr im Hause. Marias Vater ist Gastarbeiter. Auf dem Gehaltsstreifen Deutscher, im Herzen Süditaliener mit einem ultrakonservativen Frauenbild. Sie kennt keine Spielplätze, keine Freunde. Sie muss, nachdem ihre Eltern sie im Alter von 12 Jahren von der Schule genommen haben, Fließbandarbeit leisten.
Jahrein, jahraus gehorchte sie. Bis auf dieses eine Mal, im Urlaub in Rossano (Kalabrien), als sie dieser junge Mann am Strand anspricht. Sie schleicht sich abends mit der Schwester aus dem Haus. Mein Gott, sie ist 16, sie will doch nichts von diesem Typen, sie will nur ein bisschen Abwechslung! Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn die Nachbarin sie nicht verpetzt hätte? Wenn ihre Eltern sie nicht zur Heirat gezwungen hätten?

Schnell merkt Maria, dass es bei ihrem Mann Pasquale nicht mit rechten Dingen zugeht. Er hat das Geld nicht auf dem Konto, sondern gebündelt in der Hosentasche. Wenn sie fragt, hagelt es Schläge. Selbst in der Schwangerschaft. Immer wieder. Zwei ihrer Kinder kommen schwerstbehindert auf die Welt.

An wen kann sie sich wenden, in einer Welt, in der bei Verbrechen selbst Polizisten, Staatsanwälte, Richter wegschauen? Maria nennt ein Beispiel: „Nach einem Streit wartete Pasquale vor dem Kindergarten auf ein Paar. Sie saßen im Auto. Er kam mit einem Benzinkanister, stieg über die Motorhaube auf das Dach und goss das Benzin durch das offene Dachfenster auf sie. Dann zog er ein Feuerzeug. Es funktionierte nicht. Die Polizei nahm ihn mit. Aber abends war er wieder frei.“

Anfangs versucht Maria, sich zu widersetzen. Anfangs. Weigert sich, Geld von den Mafiosi zu nehmen, wenn ihr Mann im Knast sitzt. Kooperiert sogar einmal mit der Polizei. Ein Fehler, für den sie mit vielen blauen Flecken bezahlen muss.

Das System verschlingt schließlich auch sie. Nicht mit Haut und Haaren wie ihren Mann. Aber als Mitläuferin. Sie schmuggelt Drogen, Waffen, fährt Prostituierte zu ihren Freiern. Dann verliebt sie sich in einen anderen. Ihr Mann bekommt Wind davon, versucht, ihr Gesicht mit Kloreiniger zu verätzen. Sie entschließt sich, auszusteigen. Und auszupacken.

Szenen wie in einem Film: Sie wird in einem gepanzerten Polizeiwagen auf Umwegen zum Gerichtsgebäude gebracht. „Ein Kopfschuss, wenn ich aussteige, und ich bin tot!“, denkt sie. Acht Stunden lang redet sie vor Gericht. Erzählt von dem Mord an einem ’Ndrangheta-Buchhalter, von all den üblen Machenschaften. Mit ihren Kindern kommt Maria ins Zeugenschutzprogramm. Immer wieder muss sie umziehen. Mickrige Zimmer, keine geeigneten Schulen, kein Geld. Das hat sie sich anders vorgestellt. Soll das ihr Leben sein? Ständig auf der Flucht?

Mit ihrem neuen Mann wagt Maria einen anderen Weg. Sie zieht zurück nach Deutschland. „In Italien haben meine Kinder keine Zukunft. Da bleiben sie nur Kinder einer Kronzeugin, denen der Staat nicht wirklich hilft“, sagt die fünffache Mutter. Deshalb riskiert sie auch einen weiteren, noch mutigeren Schritt. Sie packt nicht nur vor Gericht aus, sie sucht die Öffentlichkeit, vertraut ihre Geschichte den Reportern des Recherchezentrums Correctiv an.

Warum? Weil sie hofft, dass die Aufmerksamkeit, ihr Foto in den Zeitungen, sie davor schützt, so zu enden wie Lea Garafalo. Die Frau eines Mafiosi lebte sieben Jahre im Zeugenschutzprogramm und wurde schließlich von ihrem Ex-Mann ermordet. Man fand sie in ihrer Wohnung, mit dem Gesicht nach unten gedreht. Ein Symbol dafür, dass dieser Mensch nie wieder reden wird.

Marias gewaltsamer Tod mitten in Deutschland würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Hofft sie zumindest, wenn wieder mal das Telefon klingelt und eine dunkle Stimme raunt: „Du wirst in einem Sarg nach Kalabrien zurückfahren.“

David Schraven, Maik Meuser: Die Mafia in Deutschland – Kronzeugin Maria G. packt aus, Econ; 18 Euro

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