Akte E-Scooter

Sechs Anbieter lassen 15.000 Roller durch Berlin sausen

Und die Verleiher wollen ihre Flotten in der Hauptstadt noch vergrößern.

Jochen Knoblach
Lesezeit 3 Min
Der US-Anbieter Lime ist Marktführer in Berlin.

Der US-Anbieter Lime ist Marktführer in Berlin.

© imago images/PEMAX

Seit im Juni vergangenen Jahres die elektrifizierten Stehroller per Elektrokleinstfahrzeug-Verordnung legitimiert wurden, polarisieren die Stromscooter wie kein anderes Verkehrsmittel. Zwar werden die Roller der inzwischen sechs Verleiher Bird, Circ, Jump, Lime, Tier und Voi im Schnitt immerhin mehr als 100.000 Mal am Tag genutzt, doch gelten sie oft als risikobehaftete Touristen-Bespaßung. Das erklärte Interesse an der Verkehrswende nehmen den Verleihern viele nicht ab. In jedem Fall aber hat das Spaßgeschwader auf Zehn-Zoll-Rädern in der Stadt vor allem einen Revierkampf um den knappen Verkehrsraum ausgelöst.

Kritisch sieht man die E-Scooter auch bei dem Strategieentwickler Civity, der sich auf den Mobilitätssektor spezialisiert hat. Verkehrsanalyst Benno Bock fällt es jedenfalls schwer, in den Leihrollern, die eigenen Angaben zufolge 18 bis 24 Monate halten sollen, einen Wert für die Verkehrswende zu erkennen. „Außer Werbesprüchen haben die Anbieter dafür bislang nicht viel Futter geliefert“, sagt Bock. Wenn man Autoverkehr wirklich ersetzen wolle, müsse man die Alternativen dort anbieten, wo das Auto viel genutzt wird, also außerhalb des S-Bahnrings. Bock: „Das Verkehrswende-Potenzial des E-Scooters liegt nicht am Hackeschen Markt, sondern in der Einfamilienhaussiedlung in Buch.“

Touristen eigentliche Kernklientel der E-Scooter-Verleiher?

Ist also doch der Tourist die eigentliche Kernklientel der E-Scooter-Verleiher? Die Anbieter widersprechen unisono. Bei Circ, ebenfalls ein erst 2018 gegründetes Berliner Unternehmen, wird der Anteil der Fahrten von ausländischen Touristen „im niedrigen zweistelligen Bereich“ angesiedelt. Tier-Sprecher Bodo von Braunmühl bezieht sich auf die Kostenabrechnungen der Roller-Fahrer. Demnach hätten etwa 80 Prozent der Tier-Nutzer in Berlin ein Konto in Deutschland, nur jeder fünfte rechne über ein Konto im Ausland ab.

Für von Braunmühl ist das aber nebensächlich. „Wenn dafür auf eine Taxi- oder Uber-Fahrt verzichtet wird, ist das okay“, sagt er und verweist auf eine in Auftrag gegebene Umfrage unter den Nutzern. Jeder dritte gab dabei an, den Roller statt eines Autos genutzt zu haben. „Das ist nicht wenig.“

Problem oder Lösung? In Berlin gibt es mehr als 15.000 E-Scooter. Trotzdem wurden in der Stadt auch mehr Autos verkauft. 

Problem oder Lösung? In Berlin gibt es mehr als 15.000 E-Scooter. Trotzdem wurden in der Stadt auch mehr Autos verkauft. 

© imago images/Stefan Zeitz

Mit genauen Daten lässt sich die erklärte Verdrängung des Automobils von den Verleihern allerdings nicht belegen. Tatsache ist doch, dass in Berlin im vergangenen Jahr nicht weniger Neuwagen verkauft wurden, sondern mehr – trotz des. Laut Auskunft des Kraftfahrt-Bundesamts kamen im gesamten Jahr 2019 in Berlin fast 87.500 Autos neu auf die Straßen. Im Jahr davor waren es immerhin etwa 6400 Neuwagen weniger. „Die Verkehrswende ist ein Marathon, kein Sprint“, sagt Fabian Lebersorger von der Deutschland-Dependance des US-Unternehmens Bird. Nachhaltige Veränder

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