Ärzte warnen vor Medizin

33 OPs und Behandlungen, die viel kosten, aber nichts bringen

Es geht nicht ums Sparen, sondern um einen sorgsameren Umgang mit den Patienten.

BK
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Weniger Medizin, mehr Gesundheit: Fachärzte warnen vor Operationen und unnützen Medikamenten.

Weniger Medizin, mehr Gesundheit: Fachärzte warnen vor Operationen und unnützen Medikamenten.

© Getty Images/iStockphoto

Unnötige Operationen, unnütze Medikamente: Normalerweise ist solche Kritik nur von Krankenkassen zu hören, was immer den bitteren Beigeschmack hat, es ginge ums Geldsparen. Jetzt warnen erstmals Facharztgruppen, ein Dutzend an der Zahl, von einer „Überversorgung“ – weniger Routinemaßnahmen, mehr Gesundheit. „Klug entscheiden“ heißt die nicht unumstrittene Initiative, angestoßen von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

Auffällig ist, dass ausgerechnet die „schneidenden Fächer“ fehlen, Orthopädie und Chirurgie, mit Verweis auf Leitlinien und der Begründung, sie stellten „einen gewissen Schutz“ dar. Hier sind 33 Maßnahmen aufgeführt, die Kassen zahlen und von denen Ärzte sagen, man sollte sie im Interesse der Patienten deutlich seltener anbieten.

Infektionen

Patienten mit unkomplizierten akuten oberen Atemwegsinfektionen (inklusive Bronchitis) sollten nicht mit Antibiotika behandelt werden. Das gilt auch für Nachweis von Bakterien im Urin ohne Beschwerden. Ausnahmen: Schwangerschaften, urologische Eingriffe mit Schleimhautverletzungen.

Nachweis von Candida-Pilzen in Bronchialschleim oder Stuhlproben ist kein Grund für eine medikamentöse Anti-Pilz-Therapie.
Eine über 24 Stunden hinaus verlängerte nochmalige Gabe von Antibiotika zur Verhinderung von Wundinfektionen nach OPs sollte unterlassen werden.

Der Nachweis erhöhter Entzündungswerte wie C-reaktives Protein (CRP) oder Procalcitonin (PCT) ist kein Grund, Antibiotika zu geben.

Gefäße

Um das Vorhandensein einer arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) abzuklären, sind CT oder MRT überflüssig. Die prophylaktische Gefäß-OP ist abzulehnen.

Krampfadern sollen nicht invasiv (Stripping/OP) behandelt werden. Grundsätzlich ist in jedem Stadium eine konservative Therapie möglich (Kompressionsstrümpfe/-verbände, Entstauung, Gefäßsport).

Magen & Darm 

ASS und Cox-2-Hemmer taugen nicht zur Prävention von Darmkrebs; sie führen gehäuft zu Magenblutungen, Herzproblemen.
Gallensteine, die keine Probleme bereiten, sollten nicht operiert werden.

Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) sollten zur Vorbeugung Cortison nicht langfristig einnehmen müssen.

Nieren

Nieren „durchzuspülen“ macht keinen Sinn. Das Limit sind zwei Liter Flüssigkeit pro Tag. 

Lungenerkrankung

Bei niedriger Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie und negativen Vortests sollte man auf Angio-CT verzichten (erspart Patienten die Strahlendosis).

Patienten mit Asthma oder COPD sollen eine Inhalator-Therapie nicht beginnen ohne wiederholte Schulung.
Gegen das Geschäft mit Langzeit-Sauerstoff: Der sollte alle drei Monate auf Notwendigkeit überprüft werden.

Kein CT-Screening für Lungenkrebs. Die Rate falsch-positiver Befunde liegt in der größten Studie dazu bei 96,4 Prozent.  

Krebserkrankungen 

Keine Routine-CTs oder PETs bei aggressivem Lymphom oder bei symptomfreien Varianten.

Eine gezielte („Targeted“) Tumortherapie soll nur gegeben werden, wenn der Biomarker die Zielzellen klar bestätigt.

Palliativmedizin

Alle Maßnahmen, die nicht dem Therapieziel bestmöglicher Lebensqualität dienen, sollen in der Sterbephase nicht eingeleitet oder dann beendet werden. 

Intensivmedizin

Beatmete Intensivpatienten sollten nicht routinemäßig betäubt („sediert“) werden.

Bei stabilen Intensivpatienten sollten Antibiotika nach maximal 7 bis 10 Tagen abgesetzt werden.  

Chronische Erkrankung 

Ohne Symptome, zum Beispiel einem Wanderekzem, sollte kein Borreliose-Test gemacht werden. Die Wahrscheinlichkeit falsch-positiver Befunde ist hoch.

Eine Behandlung mit hoch dosiertem Cortison (entspricht Dosis von 5 mg pro Tag und mehr) sollte nicht länger als sechs Monate dauern.

Im Labor gefundene Auto-Antikörper (RF positiv, ANA positiv) sind mit dem Alter vermehrt nachweisbar, häufig auch bei gesunden Menschen. Sie sind daher kein Grund für eine Behandlung.  

Herzerkrankungen 

Bei Patienten mit Vorhofflimmern und dennoch geringem Schlaganfall-Risiko sollte keine Blutverdünnung stattfinden.

(60 Prozent dieser Gruppe erhalten Verdünner wie „Marcumar“.) Bei niedriger Wahrscheinlichkeit einer koronaren Herzkrankheit sollte weder „Vorsorge“-CT noch Katheter-Koronar-CTA erfolgen.

Innerhalb der ersten 40 Tage nach Herzinfarkt sollte keine präventive ICD-Implantation durchgeführt werden.  

Altersmedizin

Es sollte kein neues Medikament ohne Prüfung der bestehenden Medikation eingenommen werden.
Patienten mit fortgeschrittener Demenz sollten nicht über eine Sonde ernährt werden. Normale, von Hand gereichte Nahrung wird von Patienten bevorzugt.

Neuroleptika gegen Verhaltensauffälligkeit bei Demenz stellen ein erhebliches Risiko für Eigen- und Fremdgefährdung dar.
Checks auf Brust-, Darm, Prostata- oder Lungenkrebs bei Hochbetagten sollten ohne Berücksichtigung der Lebenserwartung nicht erfolgen.

Bei Schlafstörungen, Unruhe oder Delir sollten Schlafmittel auch bei älteren Patienten nicht erste Wahl sein.  

Hormone & Co.

Kein Testosteronersatz aufgrund eines einzelnen erniedrigten Testosteronwertes. Zur Abklärung einer hormonellen Störung nicht gleich „in die Röhre“ gehen.

Kein Ultraschall-Screening auf Schilddrüsenveränderungen bei älteren Menschen. Fast alle haben diese, ohne krank zu sein.  

Und bitte mehr davon:

Messung der Lungenfunktion für jeden Raucher.

Männer über 62 sollten Screening auf Bauchaorten-aneurysma mit Ultraschall bekommen. Bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK), Stadium II („Schaufensterkrankheit“) sollte ein Gehtraining erfolgen.

Unbefristete Blutverdünnung für Patienten mit Vorhofflimmern und erhöhtem Schlaganfall-Risiko-Score.
Molekulare Tumordiagnostik bei Patienten, bei
denen dies eine relevante therapeutische Konsequenz hat, weil es passende Mittel gibt.

Versorgungsplanung für unheilbar an Krebs erkrankte Patienten.  

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