99 Menschen leben in dem Haus im Norden von Haifa. „Die meisten Bewohner haben einen europäischen Hintergrund“, sagt Marc auf dem Weg in sein Büro. Sie alle haben eine gemeinsame Geschichte – sie sind Überlebende des Holocaust.
Auf Marcs Schreibtisch liegt ein Plakat. Es erzählt die Geschichte von Miss Zimmermann. „Miss. Oder Mister. So nennen wir unsere Bewohner, die anonym bleiben wollen. Wir sind höflich. Typisch europäisch eben.“ Marc beendet diesen Satz mit einem Lachen. Beim Blick auf das A3-Papier vor ihm verstummt er.
In der oberen linken Ecke lächelt eine junge hübsche Frau. Unter dem Porträtfoto steht ihr Geburtsjahr: 1917. Am unteren Rand sind weitere Bilder: vor dem Krieg, nach dem Krieg, dazwischen nichts. Zwischen den Bildern ist Text, 16 Zeilen, hebräisch. Sie erzählen aus dem Leben von Miss Zimmermann. Was dort nicht steht: Es endete im Beth Joles, vor einem Jahr.
„Bevor sie starb, konnte sie sich nicht mehr allein anziehen, nicht mehr sprechen. Aber sie war jemand“, sagt Marc. Er faltet seine Hände, bevor er weiterspricht. „Miss Zimmermann fühlte sich hier zu Hause. Das ist das größte Kompliment. Wenn Bewohnern dieser Ort ein Zuhause ist, wissen wir, dass wir unseren Job gut machen.“
Wenn Marc durch das Haus geht, wird schnell klar, dass er genau das tut: einen guten Job. Vielleicht mehr als das. „Mein Freund“, sagt ein Bewohner, als er an ihm vorbeihuscht. Der kleine Mann kommt gerade aus dem Speiseraum. „Wir mussten heut’ früher essen“, sagt er hastig. „Meine Frau muss zum Arzt. Die Beine wieder“, fügt er noch hinzu, bevor er verschwindet.
Marc blickt ihm nach mit einem Lächeln. Erst auf dem Weg zum Fahrstuhl verschwindet es. „Es gibt in unserem Haus ein verbotenes Thema“, sagt Marc. „Ich möchte nicht, dass unsere Bewohner auf den Holocaust angesprochen werden. Wenn sie darüber reden möchten, tun sie es von allein.“
Im Aufzug drückt Marc den Knopf der zweiten Etage, acht gibt es insgesamt. Als sich die Fahrstuhltür öffnet, riecht es nach Zimt. Oder Gewürznelke? Vielleicht beides. Marc rümpft die Nase, als er den Gang betritt. Er führt vorbei an den Zimmern. 65 Wohnungen gibt es im Haus. Eine davon hat die Nummer 43.
„Familie van Delft“ steht an der Tür, Marc klopft. Eine Frau mit Gehhilfe öffnet, hinter ihr ruft eine Stimme: „Kommen Sie rein. Wir haben nicht viel Zeit. Meine Frau muss zum Arzt.“ Es ist der Mann aus dem Speiseraum. „Die Beine wieder“, sagt er, noch bevor er sich und seine Frau vorstellt: Barend, 87, Elfriede, 82.
Barend und Elfriede haben gebacken. „Spekulatius“, sagt Barend, als er ein Kuchenblech aus dem Ofen holt. Dann setzt er sich aufs Sofa, faltet die Hände, holt tief Luft und beginnt zu erzählen. Von allein.
„Ich war 15“, beginnt Barend und stoppt. Schlagartig ist er mit seinen Gedanken in der Vergangenheit. „Ich war 15“, setzt er erneut an. „Ich war 15, als ich deportiert wurde. Nach Au-schwitz.“ Als er das Wort ausgesprochen hat, muss er nicht lange nachdenken, bevor er weiterspricht. Unzählige Male hat er seine Geschichte erzählt, unzählige Male hat er sie erlebt. Nachts. In seinen Träumen.
Seit Barend 1942 nach Auschwitz deportiert wurde, hat er diesen Ort nie wieder verlassen. Er hat ihn mitgenommen, bis nach Haifa, bis ins Beth Joles. Die 2000 Kilometer Entfernung gibt es nur auf der Landkarte.
In der Wohnung mit der Nummer 47 ist Barend ein weiteres Mal auf dem Weg nach Auschwitz. Im Zug.
„In Dachau hieß es: Alle Männer raus! Alle zwischen 15 und 50!“ Mit seinen 15 Jahren musste er in wenigen Sekunden entscheiden: Bleib’ ich oder steig’ ich aus? „Draußen stand die SS, die Hunde bellten, ein furchtbares Geschrei.“ Er stieg aus. „Und deswegen bin ich heute noch hier, deswegen backe ich heute noch Spekulatius.“
Elfriede lacht. Barend nicht. Er fährt unbeirrt fort. „Mein Vater und mein Bruder sind mit mir. Von Dachau kamen wir zusammen nach Auschwitz. Sie waren immer bei mir. Bis ... – ich muss arbeiten“, unterbricht Barend, steht auf und sammelt die Spekulatius vom Blech. „Koste mal!“, sagt er zu Elfriede, als er sich wieder zu ihr aufs Sofa setzt. Und seinen Satz beendet: „... bis Januar 1945.“
Die drei Jahre dazwischen schluckt Barend mit einem Bissen Spekulatius herunter, erklärt stattdessen: „Als die Russen näher kamen, fing man an mit den Rücktransporten nach Westen. Man sollte ja nichts sehen, nichts wissen.“ Nach einer Woche bei Schnee und Minusgraden erreichte er zu Fuß Katowice.
„Von da wurden wir mit Zügen weiter nach Buchenwald transportiert. In meinem Waggon waren 50 Leute.“ Barend hat ihn als Einziger lebend verlassen. „Der Rest ist erfroren, verhungert.“ Auch sein Vater und sein Bruder. Vor seinen Augen.
Barend wog 28 Kilo, als er zurück in die Heimat kam, zurück nach Groningen, Niederlande. „Vor dem Krieg waren wir sieben Kinder. Dann war keiner mehr da. Keiner. Onkel, Tanten, Nichten, Neffen. Weg. Alle. Ermordet. Ich war allein.“
Barend fand Halt bei Bekannten. „Zwei Männer, ich kannte sie gut, sie waren mit mir im Lager. In Groningen bekamen sie dann oft Besuch von ihrer Nichte. Sie kam aus Essen. Und hieß Elfriede.“
Zwei Jahre später wurde sie seine Frau, 1983 kamen die van Delfts nach Haifa, zogen vor sieben Jahren ins Beth Joles. „Und hier bleiben wir jetzt. Zusammen. Wir sind zu alt, um uns zu trennen“, sagt Elfriede. Sie schaut ihren Mann an. Und lacht versöhnlich.
Barend lacht nicht. Seine Gedanken sind weit weg, in Groningen, bei der Familie. „Das Problem war nicht damals“, sagt er und holt noch einmal tief Luft. „Das Problem ist heute noch da. Sie werden mir fehlen. Immer. Bis zum Schluss.“
In der Wohnung mit der Nummer 47 liegt nichts als Stille. Und der Geruch von Spekulatius.
„Wir müssen jetzt los“, durchbricht Elfriede das Schweigen. „Ja, steh auf, du alte Greisin“, antwortet ihr Mann. Sie lacht. Er auch. Mit dem Aufzug fahren die beiden ins Erdgeschoss. Elfriede rollt ihre Gehhilfe über den Gang. Vorbei an Marcs Büro, vorbei am Speiseraum, vorbei am Empfangstresen, schiebt sie in Richtung Ausgang.
Draußen sind es 18 Grad und Sonnenschein, der europäische Winter ist weit weg. Und in diesem Moment ist es auch Auschwitz. 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers zählt für Barend nur eines: „Elfriede muss zum Arzt!“
Marc ruft ihnen ein herzliches „Shalom!“ zum Abschied hinterher. Dann schließt sich die gläserne Schiebetür hinter den van Delfts.
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