Im Ziel richten sich alle Augen auf den Sieger. Ob es ein Sprint von 100 Metern ist oder ein Flug von 400.000 Kilometern. Als Neil Armstrong am 21.Juli 1969 seinen Fuß in den Mondstaub setzt, ist eine halbe Milliarde Menschen an den Fernsehschirmen live dabei. Papst Paul VI. hatte sich extra eine Farbgerät in den Vatikan liefern lassen.
Das hätte er sich sparen können, denn die verschwommenen Bilder, die die geduldigen Zuschauer zu sehen bekommen, als Armstrong nach stundenlanger Vorbereitung aus der Mondfähre klettert, sehen wie Ultraschallaufnahmen aus dem Bauchraum des Universums aus. Nur schemenhaft sind die Bewegungen eines Raumfahrers zu erkennen. Ihre Farbkamera hatten die Astronauten im Kommandomodul gelassen, da sie mit jedem Gramm Gewicht sparen mussten. Das Fernsehbild ist miserabel, mit nur zehn statt der sonst üblichen 30 Bilder pro Sekunde gesendet. Die Techniker hatten das Datenvolumen absichtlich minimiert, da über die Funkverbindung andere lebenswichtige Informationen übertragen wurden.
Später sagte Armstrong: „Die Bilder waren surreal, nicht weil die Situation an sich surreal war, sondern weil die Fernsehtechnik und die Qualität der Aufnahmen sie aufgesetzt und unwirklich erscheinen ließen.“ Doch die Bilder erfüllten ihren Zweck. Die Welt sollte es sehen: Neil Armstrong, ein 38-jähriger Testpilot aus Ohio, ist der erste Mensch auf dem Mond. Die Amerikaner hatten den Wettlauf des Jahrtausends gewonnen.
Wo ein Sieger ist, ist auch ein Verlierer. Über Moskau geht schon die Sonne auf, als sich an diesem frühen Morgen im Forschungszentrum der Armee in der Straße der Komsomolzen eine illustre Truppe aus Militärs, Technikern und Geheimdienstlern versammelt. Die prominentesten unter ihnen sind die Kosmonauten des sowjetischen Raumfahrtprogramms. Das Gebäude ist mit der neuesten Spionagetechnik ausgerüstet. „Wir alle saßen wie gebannt vor den krächzenden Empfangsgeräten“, erinnert sich Alexej Leonow, der 1965 als erster Mensch im freien Weltraum schwebte und nun dazu bestimmt war, auch als erster den Mond zu betreten. Er hatte den Sowjetstern zum Mond tragen sollen und musste jetzt erleben, wie Neil Armstrong und Buzz Aldrin dort das Sternenbanner in den staubigen Boden rammten.
In seiner Autobiografie zollt Leonow den amerikanischen Kollegen seine Hochachtung. „Ich war neidisch auf die Amerikaner, andererseits war ich voller Bewunderung für sie. Wenn ich selbst es schon nicht sein konnte, dann sollten sie es eben schaffen.“ Selbst die Militärs hätten bei der Landung der Rivalen applaudiert.
Mondlandung: Raketen auf den Schrott
In der Propagandaabteilung des Kreml war sicher keinem zum Klatschen zumute. Die Prawda berichtete am nächsten Tag nur in einem kurzen Beitrag im Innenteil der Zeitung über den Erfolg der gegnerischen Supermacht. Das sowjetische Mondprogramm, das es offiziell nie gegeben hatte, wurde bald darauf eingestellt. Die halbfertigen Raketen kamen auf den Schrott, sämtliche Zeichnungen, Dokumente und Fotos wanderten ins Schließfach. Nichts sollte an die Schmach erinnern. „Ich war frustriert und wütend“, schreibt Alexej Leonow, der erst 1975 noch einmal in den Weltraum fliegen durfte, als sich beim Sojus-Apollo-Testprojekt Kosmonauten und Astronauten im All die Hand reichten.
Als John F. Kennedy im Mai 1961 vor dem Kongress erklärte, die Amerikaner beabsichtigten, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond und sicher wieder zurück auf die Erde zu bringen, löste er eine technische und gesellschaftliche Entwicklung aus, von deren tatsächlichen Dimensionen er womöglich nichts hatte ahnen konnte. Amerikanische Präsidenten flüchten sich gern in visionäre Projekte, wenn es im irdischen Alltag schwierig wird. Und Kennedy steckte wirklich in Schwierigkeiten. Kubakrise, Berlinkrise, Invasion in der Schweinebucht gescheitert, Eskalation in Vietnam, und dann startet auch noch Juri Gagarin als erster Mensch ins All.
Der damals 44-jährige US-Präsident entschied sich für ein Unternehmen, dessen Ertrag weit über ein paar Kilo Mondgestein hinausreichen sollte. Zum Zeitpunkt von Kennedys Ansprache hatten die Vereinigten Staaten es gerade einmal geschafft, einen Astronauten auf einen fünfzehnminütigen Trip in 185 Kilometer Höhe zu schießen. Jetzt ging es um ganz andere Sphären – und das in nicht einmal zehn Jahren. „Wir haben beschlossen, noch in diesem Jahrzehnt auf den Mond zu fliegen“, schwor Kennedy die Nation ein, „nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist.“ Ein Satz, den wohl jeder Motivationstrainer unterschreiben würde.
Der Mond war von nun an nicht nur der helle Begleiter am Himmel der Nacht, er war das erklärte strategische Ziel einer ganzen Nation. Und diesem Ziel wurde alles untergeordnet, was die Nation aufzubieten hatte. Eine halbe Million Menschen arbeitete am Apollo-Projekt, vorwiegend junge Leute. Während der Mondflüge betrug das Durchschnittsalter im Kontrollzentrum in Houston 27 Jahre. Unter all den Experten befand sich, wie auch am Startplatz in Cape Canaveral, nur eine einzige Frau. Es war die Zeit der Raketenmänner.
Mondlandung und Waffenentwicklung
Einige der führenden Ingenieure hatten allerdings eine Geschichte, die in die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreichte. Technisch gesehen war die Weltraumforschung – und damit letztlich auch der Mondflug – ein Nebenprodukt der Waffenentwicklung. Es ging um die Raketen, um Traglast, Reichweite, Sprengköpfe. Führend in der Raketentechnik war seit den 20er-Jahren eine Gruppe um den Ingenieur Wernher von Braun, der schon als Jugendlicher im Berliner Tiergarten mit Feuerwerkskörpern experimentiert hatte.
Im „Dritten Reich“ stellte er seine Expertise den Nationalsozialisten zur Verfügung, die ihm in Peenemünde an der Ostsee ein eigenes Entwicklungs- und Testzentrum einrichteten. Dort stieg am 3. Oktober 1942 das Aggregat 4, besser bekannt als V2 (Vergeltungswaffe), 85 Kilometer hoch und erreichte somit die Grenze des Weltalls.
Das war jedoch nicht ihr eigentliches Ziel. Hunderte Raketen wurden ab 1944 vor allem auf London und Antwerpen abgefeuert, wo sie insgesamt zirka 8000 Menschenleben forderten. Etwa 12.000 Häftlinge und Zwangsarbeiter kamen bei der Produktion der Waffe im Konzentrationslager Mittelwerk in den Stollen des Harzes zu Tode.
Das amerikanische Militär hielt das Know-how der Raketenmänner, wie immer es erworben wurde, für so wichtig, dass es über alle moralischen Skrupel hinwegsah, als es nach Kriegsende die Führungskräfte des deutschen Raketenprogramms aufspürte und der Operation „Paperclip“ in die USA überführte. Zur Beute gehörten auch Dutzende fertige Raketen.
Wettlauf um den Mond
Als die Sowjetunion als Besatzungsmacht die Kontrolle im Raum Nordhausen übernahm, waren die Lager der A4 längst leergeräumt. Die Raketenkundschafter mussten mit Restbeständen vorlieb nehmen, die ihnen aber immerhin ermöglichten, das deutsche Aggregat nachzubauen und so wertvolle Erkenntnisse zu Entwicklung eigener Projektile zu gewinnen. Bis 1947 hatten die Raketentechniker um Sergej Koroljow, der geheimnisumwitterten Eminenz der sowjetischen Raumfahrt, ihre Einflusszone durchkämmt und dabei auch nach Wernher von Braun gefahndet. Sie hätten ihn gern mitgenommen. Koroljow und von Braun, die genialen Konstrukteure und Antagonisten beim Wettlauf zum Mond, sind sich persönlich nie begegnet.
Aber die beiden Männer, die so unterschiedlichen Systemen dienten, schätzten sich sehr. Bei einem Astronautenkongress 1965 in Athen kam Alexej Leonow mit Wernher von Braun zusammen. Man traf sich zum Abendessen und geriet bald ins Fachsimpeln. „Der Respekt, den er Koroljow entgegenbrachte“, sagte Leonow später, „beruhte auf Gegenseitigkeit.“
Gemeinsam mit 120 deutschen Raketentechnikern und 30 Luftfahrtmedizinern hatte von Braun seine Forschungsarbeiten in den USA nahtlos weiterführen können. Zu jenen, denen in der kalten Nachkriegszeit ein Karriereknick erspart blieb, zählte auch der Thüringer Arthur Rudolph, der bei der Produktion der A4 die Sklavenarbeit organisiert hatte.
An seiner neuen Wirkungsstätte wurde er Projektleiter der Mondrakete Saturn V. In seiner Geheimdienstakte stand „100 Prozent Nazi. Gefährlicher Typ“. Ein anderer war Kurt Debus, in Peenemünde Leiter des Prüfstandes, in Cape Canaveral Direktor des Startgeländes. Wie seine Kameraden von Braun und Rudolph war Debus nicht nur Parteigänger der NSDAP, sondern auch Mitglied der SS. Die finsterste Vorgeschichte aber hatte wohl Hubertus Strughold, der als Luftfahrtmediziner im KZ Dachau an Menschenversuchen für die Höhenflugforschung beteiligt war oder zumindest von ihnen wusste.
Vorstudien für den Mondflug
In San Antonio, Texas, leitete er nun ein Institut für Weltraummedizin, das sich mit dem Überleben in Isolation und Schwerelosigkeit beschäftigte. Unverzichtbare Vorstudien für den Mondflug. Der damalige US-Präsident Harry S. Truman hatte die Direktive ausgegeben, keine Nazis und Kriegsverbrecher anzuheuern. Doch darauf wollte man keine Rücksicht nehmen.
So wurde der Aufbruch zum Mond, eine der größten zivilisatorischen Leistungen des Menschen, nicht zuletzt durch einen faustischen Pakt mit den Kräften seiner Vernichtung erreicht.
Doch was vor allem in Erinnerung bleiben soll, ist die Euphorie und die Besessenheit jener vielen tausend junger Leute, die frisch von den Universitäten kamen und das Unmögliche möglich machten. Wie der 26-jährige Steve Bales, der in einem heiklen Moment der Landung, als der Computer wegen eines Programmierfehlers überlastet war, sein „Go“ gab.
Die Sehnsucht des Menschen nach dem Mond ist ein Teil seiner Natur, und das macht die Landung von vor fünfzig Jahren für alle Zeiten zu einem Ereignis von poetischer Schönheit. Der griechische Autor Lukian von Samosta war es, der im 2. Jahrhundert in seiner Satire „Wahre Geschichten“ von einer Reise in den Weltraum fantasiert hatte und dabei auch auf dem Mond gelandet war. Später sind es die Romane Jules Vernes gewesen, die bei ihren Lesern die Begeisterung für den Trabanten geweckt haben. Sonderbarerweise nahmen sie in vielen Details die Apollo-Missionen vorweg. In Vernes Geschichte fliegen drei Amerikaner von Florida aus mit einer Kanonenkapsel ins Weltall und wassern schließlich in den Fluten des Pazifiks. Hundert Jahre, bevor es wirklich so weit war.
Apollo-11-Mission: Ein Trio aus Individualisten
Für Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins beginnt der historische Flug bereits dreieinhalb Stunden vor dem Start, als die Techniker die Helme in den Halsring einrasten ließen. Es ist der 16. Juli 1969, noch vier Tage bis zur Landung auf dem Mond. Dass es ausgerechnet diese drei Männer sind, die die Chance bekommen, war so nicht geplant. Es hätte auch anders kommen können, wenn bei den Flügen zuvor Probleme aufgetreten wären. Dann hätte Apollo11 den Mond womöglich nur umkreist.
Die Besatzung war ein Trio aus Individualisten. Neil Armstrong, der stille Einzelgänger, der einmal von sich gesagt hat, er sei ein besessener Ingenieur, mit weißen Socken und einem Stift in der Brusttasche, und werde es auch immer sein. Buzz Aldrin, Absolvent der Militärakademie West Point, der ehrgeizige Draufgänger mit dem schwierigen Charakter, und Michael Collins, die Frohnatur, ein begeisterter Gärtner, wortgewandt und belesen. Sie seien die einzige Crew, die keine Crew ist, hieß es bei der Nasa. Zum Mittagessen fuhr jeder in seinem eigenen Wagen und auch beim Raumflug hatten sie einander nicht viel zu sagen. Mehrfach musste die Bodenkontrolle rufen und fragen, ob sie noch da seien.
Der Start zum Mond wie auch der Weiterflug verliefen reibungslos, was ein kleines Wunder ist. Die Saturn V bestand aus sechs Millionen Einzelteilen, und sie funktionierte fast völlig analog; der Bordcomputer der Mondfähre hatte nicht mal die Rechenleistung eines Smartphones. Da war viel Handarbeit gefragt, mit Sextant, Stoppuhr und Rechenschieber. In den Pausen gab es Bordkost. Armstrongs Lieblingsessen waren Spaghetti bolognese, Ananas und Traubensaft. Das in den Treibstoffzellen von Apollo synthetisierte Trinkwasser enthielt zu viele Wasserstoffbläschen, wie sich bald herausstellte, sodass die Astronauten die ganze Zeit an kräftigen Blähungen litten. Armstrong beschrieb den Geruch in der Kapsel als eine Mischung aus nassem Hund und faulen Eiern.
Das einzige, was der Nasa Sorgen machte, war die Sonde Luna 15, die kurz vor Apollo 11 in eine Mondbahn eingeschwenkt war. In einem letzten Versuch, den Amerikanern noch irgendwie die Schau zu stehlen, hatten die Sowjets ein kleines unbemanntes Raumschiff ins All geschossen, das auf dem Mond eine Bodenprobe nehmen sollte, um sie zur Erde zurückzubringen. Doch die Mission scheiterte, wie so viele davor. Am 3. Juli 1969, zwei Wochen vor dem Start von Apollo 11, war die gigantische Mondrakete N1 in Baikonur bei einem Test Sekunden nach dem Start explodiert. Von den Misserfolgen der sowjetischen Raumfahrt sollte die Öffentlichkeit erst in den Zeiten der Perestroika erfahren.
Armstrongs Coolness bei der Mondlandung
Beim Landeanflug in der Mondfähre Eagle stehen Armstrong und Aldrin nebeneinander. Jeder hat so viel Platz wie in einer Telefonzelle, die Außenhaut der Kabine ist dünn wie Zeltbahn. Bei jeder Bewegung in ihrer sperrigen Montur müssen sie darauf achten, kein Loch zu reißen. Zum Schluss wird es doch noch dramatisch. Der Autopilot lenkt die Eagle an den Rand eines Kraters, Felsen verstellen die angepeilte Position. In diesem Moment beweist Armstrong seine ganze Coolness. Dafür hat er monatelang im Simulator trainiert. Er übernimmt die Handsteuerung und sucht einen sicheren Landeplatz.
Weniger als eine Minute bleibt ihm noch, bevor der Treibstoff zur Neige geht. Wenige Meter über der Mondoberfläche wirbelt die Schubdüse Staub auf und trübt den Blick auf den Landepunkt im Mare Tranquillitatis, dem Meer der Stille. Noch dreißig Sekunden Sprit. Die Fähre driftet hin und her. Dann setzt der Adler auf, so sanft, dass die Astronauten es kaum merken. Am 20 Juni, um 21.17 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, meldet Neil Armstrong: „Houston, hier Tranquility Base. Der ,Adler‘ ist gelandet.“
Eigentlich war nun eine Ruhephase eingeplant, doch die Astronauten sind viel zu aufgeregt und ändern den Ablauf. Sie bereiten sich auf den Ausstieg vor, was aufgrund des beengten Platzes viel Zeit in Anspruch nimmt. In ihren aufgeblasenen Anzügen brauchen sie allein drei Stunden zum Anlegen ihrer Tornister, Helme und Handschuhe.
In Europa war längst der Morgen des 21. Juli angebrochen, als Neil Armstrong schließlich – die rechte Hand an der Leiter – den linken Fuß vorstreckt und den Mond betritt. „That’s one small step for man, one giant leap for mankind.“ Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit. Der Satz war Armstrong angeblich beim Üben am Boden in den Sinn gekommen. „Was soll man schon sagen, wenn man etwas betritt? Irgendwas über einen Schritt.“
Mondlandung am 20. Juli 1969: Der Jahrtausendschritt
Sechzehn Minuten nach dem Kommandanten folgt ihm Buzz Aldrin. Gemeinsam sammeln sie 21,7 Kilogramm Gestein, machen Fotos, auf denen allerdings nur Aldrin zu sehen ist, und stellen Instrumente auf. Als sie nach zweieinhalb Stunden in die Fähre zurückkehren, zieht Aldrin, schon auf der Leiter stehend, ein kleines Päckchen aus seiner Schultertasche und lässt es auf dem Mond zurück. Darin befinden sich das Emblem der Mission Apollo 1, bei deren Vorbereitung drei Astronauten ihr Leben verloren hatten, und zwei Medaillen für die tödlich verunglückten Kosmonauten Juri Gagarin und Wladimir Komarow.
Und als Armstrong nach der Rückkehr zur Erde später das Sternenstädtchen bei Moskau besucht, trifft er sich mit den Witwen der toten Raumfahrer. Als Gastgeschenk hat er eine sowjetische Fahne dabei, die mit zum Mond geflogen war. Das ist nicht nur eine freundliche Geste. Sieger und Verlierer beim Wettlauf zum Mond trennt weniger als gedacht. Sie wissen, wie kostbar das Leben auf der Erde ist.
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