40 Jahre Spielbank Berlin

Der Tränen-Palast

Die einen weinen vor Glück, die anderen, weil sie verloren haben ...

Rolf Kremming
Lesezeit 5 Min

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Spielbank – das ist wie das wahre Leben. Die einen kommen mit feuchten Augen raus, weil sie sich freuen, und die anderen, weil sie um verzockte Kohle heulen. Seit 40 Jahren kann man diese Beobachtung in Berlin machen – falls die Augen nicht anderwärts hinblicken.

Zum Beispiel zu der Dame mit dem Blick einer Python. Doch kaum einer schaut ihr in die Augen. Ihr Ausschnitt ist zu tief. Was da über den Roulette-Tisch wippt, war unter 10 000 Euro nicht zu haben. Vor dem Werk fähiger Chirurgenhände liegt ein Stapel bunter Jetons aller Größenordnungen. Zu ihrer Linken ein verliebter Jüngling mit Sonnenbrille. Rien ne va plus – nichts geht mehr. Die Kugel rollt, und zwei Minuten später schiebt ihr der Croupier weitere Jetons über den Filz ...

Günther Münstermann (63), seit 16 Jahren Chef des Hauses und Wächter über das Geschehen, macht seine tägliche Runde. Er schüttelt den Angestellten die Hände, begrüßt die Stammgäste, seine Augen sind überall.

So wie die 189 Kameras, die das Kasino überwachen. „Bevor ich 1999 nach Berlin kam, war ich Croupier in der Spielbank Aachen. Das Spiel mit Kugel und Karten hat mich schon immer fasziniert und seit 39 Jahren nicht mehr losgelassen.“

Angefangen hatte alles am 2. Oktober 1975, als zehn Berliner Promis den Startschuss für das Unternehmen Spielbank im Europa Center gaben. Die Schauspielerin Loni Heuser setzte auf die 32 und verlor.

Doch Berlin war um eine Attraktion reicher und das Finanzamt seit 1975 um mehr als zwei Milliarden Euro Steuern. Bezahlt von täglich 2000 Spielern, die an 800 Automaten, 10 Roulette-, 21 Poker- und 8 Black-Jack-Tischen ihr Glück herausfordern. Die Auszahlungsquote an den „einarmigen Banditen“ beträgt immerhin 95 Prozent.

Die einen jubeln über jeden gewonnenen Euro, andere lassen soviel Scheine da, dass sie sich ein Auto dafür hätten kaufen können – und zwar keinen Kleinwagen. Glück und Pech liegen wohl nirgends so dicht beieinander wie am Potsdamer Platz, wo die Spielbank seit 1998 ihren Hauptsitz hat. Es gibt vier weitere Standorte.

„Bei uns sind alle Gesellschaftsschichten vertreten. Hier sitzt die gepuderte Dame mit frischer Dauerwelle neben dem Jeanstyp in Kapuzenjacke. Sie kommen, um Spaß und Unterhaltung zu haben. Es gibt ältere Herrschaften, die sich bei uns seit Jahren zum Kaffeeklatsch treffen, spielen und plaudern“, verrät Münstermann. Einige zocken schon seit vier Jahrzehnten. Man trifft sich zu Ausflügen, Dampferfahrt oder Theaterbesuch. „Hier haben sich Paare kennengelernt, es wurde Hochzeit am Roulettetisch gefeiert.“

Wem vor Spannung der Magen knurrt, der kann sich an Currywurst, Gulaschsuppe oder Steak erfreuen. Dazu vielleicht ein Bier, Wein oder einen Kaffee. Wer die Taschen voller Jetons hat, bestellt sich eine Flasche Moët Dom Perignon-Rosé Vintage für 570 Euro. Mit Pfand.

Für Münstermann hat sich ein Traum erfüllt. Chef von 470 Angestellten an fünf Standorten in Berlin. „Ich habe niemals Langeweile und soviel erlebt, dass ich locker ein Buch schreiben könnte. Zum Beispiel von dem Automatenspieler, der auf den Jackpot hoffte, doch zu früh aufgab.“ Der Nächste kam und ging mit einem 1,2-Millionen-Scheck nach Hause. Berlins dümmster Spieler, schrieb eine Zeitung. Münstermann: „Und da war die Oma aus Köln, die den Jackpot knackte und uns bat, ihren Namen nicht zu verraten, sonst stünde die Verwandtschaft bei ihr Schlange. Ich konnte sie beruhigen. Wer hier gewinnt oder verliert, bleibt anonym.“

Unangenehmer ist die Erinnerungen an den Überfall beim Pokerturnier im Hyatt, das die Spielbank veranstaltet hatte. 370 000 Veröffentlichungen gab es weltweit, die Aufzeichnung der Tat ist noch immer im Netz zu sehen. „Das einzig Gute war, dass noch Monate später Touristen kamen und sich vor dem Tatort fotografieren ließen. Der Werbeeffekt war riesig.“

Spieler sind meist emotional. Da kann es schon vorkommen, dass der eine oder andere wütend gegen den Automaten tritt, er ihn aber umarmt und küsst, wenn die Euros klingeln. „Manche kühlen ihre schwitzigen Hände an einem Glas mit Eisstücken oder reden auf den Automaten ein.“ Dann fallen Sätze wie „Komm, mein Kleener, lass mich nicht im Stich“ oder „Blödes Ding, ich hab die Nase voll!“

Gibt es kleinere Unstimmigkeiten, klärt sie der Saalchef, bei groben Verstößen schreitet Münstermann persönlich ein. Zum Beispiel, als eine Dame behauptete, der Kellner hätte den „Bösen Blick“ und verhindere, dass sie gewinnt. Oder wenn es am Tisch einen Manipulationsverdacht gibt.

Pro Jahr spricht die Spielbank rund 300 Sperren aus. Zwei Angestellte sind geschult, süchtige Spieler zu entdecken. „Mit der Humboldt-Uni haben wir ein Programm entwickelt, Gefährdete zu erkennen und ihnen zu helfen.“ Deshalb muss sich jeder Besucher registrieren lassen.

Besonders stolz ist Münstermann auf das Sportsponsoring seines Unternehmens. 500 000 Euro jedes Jahr. Auch Robert Harting und die Handball-Füchse profitieren davon.

Das schönste Spiel spielt der Kasino-Chef aber zu Hause. „Dann liege ich mit meinem drei Jahre alten Sohn auf dem Boden und wir spielen mit Bauklötzen.“

Spielorte, Öffnungszeiten, Spielregeln und Bekleidungs-Regeln unter: www.spielbank-berlin.de

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