Berlin ist – zumindest in weiten Teilen – eine unstete Stadt, so flüchtig wie unsere Erinnerungen. Spuren von Vergangenem verschwinden, sei es entlang des Mauerstreifens oder an Orten wie der Sowjetischen Kandidatur in Karlshorst, die heute ein höchst bürgerliches Wohnviertel ist.
Neues kommt hinzu wie die Bebauung des Gleisdreiecks, das Waldorf Astoria. Man blinzelt kurz, schon steht ein Baukran auf der Brache, schon umgibt ein Bauzaun das runtergekommene Haus oder den lieb gewonnenen Club, schon ist Berlin wieder einen Schritt weiter. Man blinzelt noch einmal, dann hat man sich an den neuen Anblick gewöhnt, das Alte ist weg.
Aber ist es wirklich weg? Nein, es ist noch da, und zwar an einem Ort, wo man es nie vermuten würde. Google steht nach eigenem Verständnis für den Wandel, die Innovation, für die immer schnellere Verbreitung von Informationen in allen Aggregatzuständen. Ausgerechnet der US-Suchmaschinenkonzern hat aber 2008 die Zeit angehalten. Sie erinnern sich: Damals fuhren Kamerawagen durch deutsche Großstädte und fotografierten mit ihren auf dem Dach montierten Glupschlinsen in alle Himmelsrichtungen.
Auch von Protesten gegen die Verletzung der Privatsphäre und die kommerzielle Aneignung des öffentlichen Raums ließ sich Google nicht abbringen. Mit Street View sollte ein digitales Berlin entstehen, jeder Winkel der letzten Seitenstraße sollte sich per Maus (ja, liebe Kinder, damals hat man sowas noch verwendet) erkunden lassen.
So geschah es auch. Und danach geschah nichts mehr. Die Jahre sind ins Netz gegangen, die Bilder blieben, wie sie sind. Google Street View ist zu einem digitalen Museum der jüngeren Stadtgeschichte geworden und bietet digitalen Flaneuren eine unverhoffte Möglichkeit zur Zeitreise in ein anderes Berlin, das es nicht mehr gibt. Eines, das grau und lückenhaft war. Eines, wo noch so vieles offen schien.
Die folgenden Fotos nehmen Sie mit auf einen virtuellen Spaziergang zu Orten, an denen Berlin sich besonders stark verändert hat: Die zehn Jahre alte Sicht von Google Street View haben wir der aktuellen Realität gegenüber gestellt, fotografiert im Februar 2018 mit unserer 360-Grad-Kamera. Vielleicht sieht diese aber inzwischen auch schon wieder völlig anders aus. So rasant, wie Berlin sich verändert, kann man das nie wissen.
Alte Jakobstraße in Kreuzberg
Die Erkundungstour startet an unserem heutigen Verlagsstandort in der Alten Jakobstraße, Ecke Kommandantenstraße. Nur ein paar Meter vom geografischen Mittelpunkt Berlins entfernt, direkt am ehemaligen Mauerstreifen und an der Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte, steht heute ein Protzbau mit Luxuswohnungen.