Berlin ist heute die Welthauptstadt des zeitgenössischen Tanzes“, sagt Virve Sutinen, 54. „Paris und Brüssel sind auch wichtig, aber nach Berlin kommen Tänzer aus aller Welt, um zu studieren und zu arbeiten“. Und einmal im Jahr steht die Stadt Kopf und ganz im Zeichen des Tanzes: „Tanz im August“ heißt das dreiwöchige Festival, dessen künstlerische Leiterin Sutinen ist.
Es ist ein Festival der Superlative: In 165 Veranstaltungen treten 158 Künstler aus 14 Ländern auf. Es gibt Uraufführungen, Europa- und Deutschlandpremieren, Partys und Begegnungen. Im letzten Jahr kamen 12000 Zuschauer. In diesem Jahr rechnet Sutinen bereits mit mehr als 17000 Besuchern.
Vivre Sutinen (54) ist die künstlerische Leiterin des Festivals.
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Virve Sutinen ist in Finnland geboren und studierte Theater in Helsinki und Performance an der New York University. Sie arbeitete als Tänzerin in den 80er-Jahren, „aber ich brach mir das Knie und musste die Seiten wechseln“. Sutinen wurde Choreographin und Tanzkritikerin. Leitete das Kiasma Theatre und das Performing Arts Program des gleichnamigen Museums für zeitgenössische Kunst in Helsinki. In Stockholm war sie Leiterin des Danses Hus. Seit 2014 macht sie nun „Tanz im August“.
Tanz ist die älteste Ausdrucksform der Menschheit. Bewegung, Gefühl, Rhythmus. Moderner oder Ausdruckstanz ist dabei nicht einfach nur irre Bewegung, sondern bis ins Kleinste einstudierte Choreographie. Ein Fest der Sinne: „Die Kunstform Tanz verfügt ja auch über die seltsame Kraft, eine starke körperliche Erfahrung auszulösen, selbst wenn man nur zuschaut“, sagt Annemie Vanackere, Intendantin des Festival-Tägers Hebbel am Ufer (HAU).
Erstmals in Berlin zu sehen ist das belgische Theaterensemble Peeping Tom mit einem Stück, das „32 rue Vandenbranden“ heißt. Es geht um eine realistische wie gleichzeitig surreale Darstellung einer Gemeinschaft in einem Trailerpark. In dieser Isolation brechen Ängste, Albträume und Begierden auf. „Das ist großes Geschichten erzählen“, sagt Virve Sutinen.
Die beiden Tänzer Valda Setterfield und Gus Solomons sind lebende Legenden „und beide mit über 80 garantiert die ältesten Performance-Künstler des Festivals“, sagt Sutinen. Sie erzählen aus ihrem Leben und tanzen in dem Stück „MONUMENT 0.1“. Geradezu akrobatisch und halsbrecherisch geht es zu Yoann Burgeois „Celui qui tombe“ zu: Eine Miniatur-Menschheit von sechs Tänzern in der Schwebe auf einer spektakulär ausbalancierten Plattform. Ein athletischer Kampf gegen die Fliehkraft. „Das ist Magie! Eine familienfreundliche Mischung aus Tanz und neuem Circus“, sagt Sutinen.
Claire Cunningham erforscht in „Give Me A Reason To Live“ die Darstellung von Bettlern in den dunklen Gemälden des holländischen Malers Hieronymus Bosch. Ein sensationeller Tanz auf Krücken. Eine Auseinandersetzung der behinderten Künstlerin mit „dem Anderen“ und „Anderssein“, die gleichsam Ironie wie Lebenslust ausstrahlt.
„Es gibt eine Menge Freude in diesem Programm. Viele Themen drehen sich um Rasse, Migration oder Gender, aber die Abende sollen vor allem Hoffnung machen in einer verrückt gewordenen Welt.“ In einer Reihe von Begegnungen wie „Meet the artist“ sind die Zuschauer eingeladen, die Künstler zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. „Wer sind wir? Wohin wollen wir uns als Gesellschaft bewegen?“ Im HAU2 steht dazu auch eine offene Bibliothek bereit als ein stilles Zentrum des Festivals. Dort stellen die Tänzer ihre Lieblingstanzbücher vor.
„Wir möchten einen Raum für kritische Reflexion und reine Lebensfreude schaffen. Der Tanz bringt uns hierfür zusammen“, sagt Sutinen. Und wer sich in den lauen Augustnächten dann anstecken lässt, kann auf den Partys mal selbst so richtig loslegen.
Tanz im August, Hebbel am Ufer (HAU 1-3), Akademie der Künste, Haus der Berliner Festspiele, RADIALSYSTEM V, Sophiensäle, Volksbühne, von 10 bis 45 Euro sowie kostenfrei, bis 4. September.
Ausf. Programm: www.tanzimaugust.de
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