„Wir wissen, dass Fluglärm Bluthochdruck, Herzinfarkte und auch Schlaganfälle auslösen kann“, sagt Thomas Münzel, Professor für Kardiologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Der Ärztliche Direktor der dortigen Poliklinik hat eine Studie zu den Auswirkungen nächtlicher Fluglärms geleitet. Dabei ging es um die Mechanismen, die zu diesen Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Die Forscher stellten fest, dass nächtlicher Fluglärm die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin anregt und Blutgefäßfunktionen verschlechtert. Wenn Menschen regelmäßig nachts Krach hören, gewöhnen sie sich nicht etwa daran, stattdessen nimmt das Ausmaß der Gefäßschäden deutlich zu.
Viele Ausnahmen von der Regel
So gesehen tragen die Menschen, die in den verlärmten Gebieten leben, ein hohes Risiko. Bewohner von Reinickendorf, Spandau, Pankow und anderen Gebieten in Berlin bekommen zu spüren, dass es in Tegel kein Nachtflugverbot gibt – sondern lediglich Nachtflugbeschränkungen.
Zwar gilt die Regel, dass es zwischen 23 und 6 Uhr keine Flugbewegungen in TXL geben darf. Doch Ausnahmen sind möglich. Die Luftaufsicht, nach Mitternacht die oberste Luftfahrtbehörde, darf verspätete Linienflüge erlauben – was in der Regel erfolgt. Ambulanzflüge sind generell möglich, auch Militär-, Regierungs- sowie Polizeiflüge.
Während im ersten Halbjahr 2018 unterm Strich 655 Flüge zwischen 23 und 6 Uhr stattfanden, waren es im ersten Halbjahr 2019 bereits 699. Fast genau die Hälfte waren Linienflüge, die sich verspätetet hatten. Easyjet nahm mit 37 Prozent den größten Anteil ein. Auf den nächsten Plätzen folgen Laudamotion und Eurowings mit jeweils sieben Prozent.
Weil sich aber viele Menschen bereits vor 23 Uhr ausruhen oder ins Bett legen wollen, bezieht eine andere Statistik die Stunde davor ein. Auch diese Zahlen weisen für Tegel einen Anstieg aus: Wurden im ersten Halbjahr 2018 insgesamt 4 069 Starts und Landungen zwischen 22 und 6 Uhr registriert, waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres schon 5 179.
2017 waren die Zahlen noch höher, doch das war einem Sondereffekt geschuldet. Denn in jenem Jahr erlebten die Air Berlin und ihre Fluggäste turbulente Tage voller Unregelmäßigkeiten, bevor das insolvente Unternehmen im Herbst den Betrieb einstellte. Lässt man das Jahr 2017 aus der Statistik heraus, ergibt sich für Tegel ein stetiger Anstieg der nächtlichen Lärmbelastung. Gab es 2017 noch 7 930 Flüge zwischen 22 und 6 Uhr, so waren es im vergangenen Jahr wie berichtet 10 123.
Dass Easyjet bei den Flügen zu später Stunde besonders auffällt, sei schon rein rechnerisch wenig verwunderlich, teilte die Fluggesellschaft mit. „Easyjet ist mit mehr als 35 Prozent Marktanteil die größte Fluggesellschaft am Flughafen Tegel und betreibt die größte Anzahl an Flügen“, teilte Sprecherin Mariella Roque mit. Letzter planmäßiger Anflug in Tegel ist um 22.50 Uhr, letzter planmäßiger Abflug um 22.25 Uhr.
„Wie alle Fluggesellschaften können wir in seltenen Fällen eine Verlängerung des Nachtflugverbots erhalten, wenn Umstände eintreten, die außerhalb unserer Kontrolle liegen – wie zum Beispiel Verzögerungen bei der Flugsicherung“, sagte Roque. Die Airline habe sich erfolgreich bemüht, die Lärmbelastung zu senken: „EsyJet betreibt eine der jüngsten und ruhigsten Flotten.“
2 000 Passagiere nachts gestrandet
„Es gab verstärkt das Problem, dass sich außerhalb von Berlin Flugzeuge verspäteten und Maschinen Berlin zu spät erreichten“, so Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Doch die Situation habe sich verbessert, weil Airlines Flugpläne entzerrt haben. Wenn späte Flüge nicht genehmigt werden, könne das schwere Auswirkungen haben. So seien 2017 mehr als 2 000 Fluggäste in Tegel gestrandet, weil ihr Flugzeug nach Mitternacht nicht mehr starten durfte.
Es war eine Entscheidung ganz im Sinne des SPD-Abgeordneten Jörg Stroedter, der seinen Wahlkreis im besonders stark mit Fluglärm belasteten Reinickendorf hat. „Die Behörde sollte solche Fälle streng bewerten und restriktiver entscheiden als heute“, sagte der Fraktionsvize.
Er bekräftigte seine Forderung, auch für den Flughafen BER die Regelungen zu verschärfen. So sollten dort morgens zwischen 5 und 6 Uhr nur Interkontinentalflüge starten und landen dürfen, keine Kurz- oder Mittelstreckenflüge. Stroedter sprach sich zudem dafür aus, wie in Frankreich auf Flugticketpreise eine Ökosteuer aufzuschlagen – mit höheren Beträgen als dort. Die Einnahmen sollten genutzt werden, die Bahn im Vergleich zum „Klimakiller“ Flugzeug attraktiver zu machen.
„Der innerdeutsche Flugverkehr sollte drastisch reduziert werden,“ forderte der Abgeordnete. Die Fraktion setze sich dafür ein, dass Berlin eine Bundesratinitiative startet.
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