Nur ein Befestigungseisen ist geblieben von der Quadriga: der Siegesgöttin, ihrem Streitwagen und ihren vier Pferden. Senkrecht steht das Eisen auf dem Brandenburger Tor, wie ein Stachel. Und dieser Stachel sitzt tief im Selbstbewusstsein der Berliner; Preußen, dem der Alte Fritz zu Größe und Glanz verhalf, ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Dreizehn Jahre lang hat Victoria auf dem Tor gestanden, dann hat Napoleon sie nach Paris entführt.
Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, ist, als er am 27. Oktober 1806 durch das Brandenburger Tor in Berlin einmarschiert, der unangefochtene Vorherrscher Europas. Ende Dezember 1805 hat er bei Austerlitz die russisch-österreichischen Truppen geschlagen, Mitte Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt die preußisch-sächsischen.
Nebenbei hat er mit der – nicht freiwilligen – Abdankung von Franz II. am 6. August 1806 das Heilige Römische Reich aufgelöst. Es bestand frühestens seit der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800, spätestens seit 962 und trug ab Ende des 15. Jahrhunderts den Zusatz „deutscher Nation“.
Ein „Volkskaiser“ zwischen Genie und Größenwahn
Napoleon Bonaparte gehört zu den umstrittensten, weil zwiespältigsten Gestalten der Geschichte: Er gilt als Volkskaiser und Tyrann, als Lichtgestalt und Unheilsbringer, als Modernisierer und Zerstörer Europas. Über sich selbst sagte er einst: „Ich bin ein Stück Fels, das in den Weltraum geschleudert wurde.“ Ein Getriebener zwischen Genie und Größenwahn.
Als Staatsmann, nicht als Schlachtenlenker sah er sich. Und als Politiker machte er sich durchaus verdient um Frankreich – und die deutschen Länder. Allgemein anerkannt ist, was der deutsche Historiker Thomas Nipperdey sagte: Napoleon löste die Modernisierung Deutschlands aus – er befreite die Deutschen von den Fesseln ihres Feudalstaates und schuf damit die Voraussetzungen für die erfolgreiche Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
In Frankreichs Kolonien hingegen machte Napoleon alles andere als moderne Politik: Er führte den Sklavenhandel wieder ein, den die Französische Revolution abgeschafft hatte; er stellte eine Reihe drakonischer Strafmaßnahmen wieder her: Halseisen und Fußkugeln für Sträflinge, Brandmarkung, Handabhauen, Enthauptung.
Die Geschichte Napoleons ist auch eine Geschichte des Blutvergießens. In seinen Schlachten starben Schätzungen zufolge 3,5 Millionen Menschen. Er besetzte Teile Italiens, zu dessen König er sich krönen ließ, Großteile der deutschen Länder, das linke Rheinufer inklusive Köln und Mainz, die deutsche Nordseeküste bis nach Hamburg und Lübeck, Teile Österreichs, die Niederlande. In Spanien, wo er seinen ältesten Bruder zum König machte, verstrickte er sich in einen siebenjährigen Unabhängigkeitskrieg mit beidseitigen Gräueltaten.
Ein Staatsstreich und umfassende Reformen
Als Napoleone Buonaparte wird Napoleon geboren, auf Korsika, am 15. August 1769. Seine Eltern gehören dem Kleinadel an. An der renommiertesten Militärschule des Landes, der École royale militaire in Paris, bekommt er, kaum 16 Jahre alt, sein Offizierspatent. Er schließt sich den revolutionären Jakobinern an, schlägt den royalistischen Aufstand in Paris nieder und erhält den Oberbefehl über die Armee. Mit einem Staatsstreich (18. Brumaire VIII/9. November 1799) macht er sich zum Alleinherrscher.
Der Sieg über Preußen im Jahr 1806 gibt Napoleon weitgehend Kontrolle über den deutschsprachigen Raum. Den nutzt er, um die territoriale (Un-)Ordnung Deutschlands von Grund auf umzugestalten. Die Fürsten und Staaten, die sich zu ihm bekennen, treten dem Rheinbund bei. Dessen Mitglieder verpflichten sich, für Feldzüge Soldaten bereitzustellen; im Gegenzug werden ihre Länder modernisiert. Das geschieht nicht selbstlos – Preußen und Österreich sollen eingehegt werden.
Unter dem Druck und dem Vorbild Frankreichs werden in den Rheinbundstaaten umfassende Reformen eingeleitet, mit dem Ziel, eine egalitäre Gesellschaft zu schaffen, die allerdings politisch rechtlos bleibt. Unter diese Reformen fallen Trennung von Staat und Kirche, Gleichheit vor dem Gesetz, Beseitigung der Privilegien der Feudalherren, Abschaffung der Leibeigenschaft, Förderung der Emanzipation der Juden.
Preußen verliert die Hälfte seines Staatsgebiets
Mit dem Frieden von Tilsit im Juli 1807 teilen Napoleon und Zar Alexander I. Europa in eine französische und eine russische Interessensphäre ein. Preußen wird auf den Status einer Mittelmacht gestutzt, indem es mehr als die Hälfte seines Staatsgebiets verliert – es wäre wohl ohne Fürsprache des Zaren von der Landkarte getilgt worden.
Der preußische Reststaat beginnt, sich selbst zu reformieren. Unter Federführung von Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein und Karl August von Hardenberg soll eine auf Freiheit und Gleichheit gegründete bürgerliche Gesellschaft entstehen. Das Bestreben, Deutschland zu einigen, geht damit einher; die Einigungskriege führen zur Gründung des Deutschen Reiches 1871.
Nach dem Frieden von Tilsit scheint Napoleon nur noch einen ernstzunehmenden Gegner zu haben: England. In zwei Seeschlachten – Abukir 1798 und Trafalgar 1805 – hat die britische Flotte der französischen vernichtende Niederlagen zugefügt und ihre Vorherrschaft zur See begründet. Napoleon glaubt, England durch einen Wirtschaftskrieg bezwingen zu können, mit einer Kontinentalsperre.
Der Anfang vom Ende der napoleonischen Macht
Doch die Blockade schadet auch Frankreich: Das Land rutscht in eine Wirtschaftskrise; die Ausgaben für den Militärbedarf steigen, der Kolonialhandel erlahmt, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Bei seinen Verbündeten muss Napoleon immer mehr Soldaten zwangsrekrutieren. Seine Herrschaft empfinden viele zunehmend als Despotie.
Russland leidet ebenfalls unter der Blockade, es hat hohe Einbußen zu verkraften. Der Zar kann das auf Dauer nicht hinnehmen, er durchbricht die Sperre 1810. Das bedeutet Krieg. Und der entwickelt sich zum Anfang vom Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa: Die Grande Armée, ein Vielvölkerheer, in dem nur ein Drittel Franzosen dienen, wird 1812 fast vollständig vernichtet.
Die Abfolge nicht enden wollender Kriege, die Napoleon führte, sei systembedingt gewesen, erklärte der Historiker Hans-Ulrich Thamer in einem Interview im Deutschlandfunk. „Napoleon verkörpert, was man charismatische Herrschaft nennt. Er legitimiert sich nicht durch seine Herkunft, seine vornehme Geburt und auch nicht demokratisch, sondern er legitimiert sich durch außerordentliche Fähigkeiten und Leistungen.“ Der Kaiser der Franzosen habe in Frankreich keine solide Machtbasis gehabt; er habe sich nur halten können, solange der Glanz seiner Taten nicht verblasste.
Die Siegesgöttin Victoria kehrt zurück nach Berlin
Nach dem für Frankreich desaströsen Russlandfeldzug ist Napoleons Glanz erloschen. Und seine Gegner wittern ihre Chance. In der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 schlagen die verbündeten Preußen und Österreicher, Russen, Briten und Schweden die Franzosen. Napoleon muss abdanken und sich auf Elba begeben. Im Jahr darauf kehrt er an der Spitze einer Armee zurück. Er wird bei Waterloo (knapp) geschlagen – und nach St. Helena verbannt.
Eine weitreichende Folge der napoleonischen Herrschaft ist die Geburt der Nationalismen in Europa, welche nicht zuletzt den Ersten und den Zweiten Weltkrieg mitverursachten. Die wichtigste Lehre daraus: Europäische Politik muss auf Gleichgewicht und Gleichberechtigung beruhen, die Vorherrschaft eines Landes über den Kontinent kann nur zerstörerisch wirken.
Napoleon – hier seine Totenmaske – starb im Exil auf St. Helena im Alter von 51 Jahren.
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Als Napoleon 1821 starb, hatte Victoria mit ihrem Streitwagen und ihren Pferden längst wieder ihren Platz auf dem Brandenburger Tor eingenommen. Sie war für einen neuen Triumphbogen in Paris vorgesehen gewesen. Nach ihrer Entführung war sie an verschiedenen Orten gelagert, nach der Völkerschlacht versteckt, nach der Besetzung von Paris 1814 von preußischen Soldaten entdeckt und nach Berlin zurückgebracht worden.
Der Berliner Volksmund nannte die Quadriga fortan „Retourkutsche“.
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