25 Jahre Berliner KURIER

DDR: Alles muss raus!

25 Geschichten, die uns bewegen. Heute: Wie die Treuhand den Osten abgewickelt hat.

Michael Brettin
Lesezeit 6 Min
Trotz aller Proteste gegen Treuhand und Helmut Kohl: Von 1991 bis Ende 1994 verloren 2,5 Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit ...

Trotz aller Proteste gegen Treuhand und Helmut Kohl: Von 1991 bis Ende 1994 verloren 2,5 Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit ...

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... und im Oktober 1994 gewannen CDU und CSU die Bundestagswahl, was Kohl erneut zum Kanzler machte.

... und im Oktober 1994 gewannen CDU und CSU die Bundestagswahl, was Kohl erneut zum Kanzler machte.

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Norbert Kitschun war bei der Interflug als Ingenieur tätig – er musste gehen.

Norbert Kitschun war bei der Interflug als Ingenieur tätig – er musste gehen.

© Thomas Lebie Lizenz

Hinter einer Glastür im ersten Stock des Berliner Verlagsgebäudes an der Karl-Liebknecht-Straße steht eine Zeitmaschine. Nicht gemacht aus Computerchips, sondern aus Papier, gebunden, gereiht oder gestapelt zu Zeitungen und Zeitschriften, geordnet nach Titeln und Jahrgängen. Wer auf Zeitreise gehen will, greift einfach in eines der Regale, die sich an die Wände lehnen oder die im Raum stehen und sich mit einer Kurbel verschieben lassen, nimmt aus einen bestimmten Band, Ordner oder Schuber eine bestimmte Ausgabe und taucht ein in die Geschichte. Archiviert ist hier auch der Berliner KURIER mit all seinen Ausgaben seit seines Bestehens, um 8500 Exemplare. In diesem Jahr wird „Der von hier“ 25 Jahre alt. Anlass, auf Zeitreisen zu gehen: Aus 25 Jahren haben wir 25 Geschichten gewählt, die uns noch heute bewegen.

Dass er als Ingenieur arbeitslos werden würde, hatte Norbert Kitschun nie befürchtet. Auch nach dem Mauerfall nicht. Jetzt werde Berlin attraktiv, dachte er, und der Flugverkehr werde zunehmen.

Doch er ist arbeitslos geworden.

„,Aus betriebsbedingten Gründen’, hieß es“, sagt Norbert Kitschun, heute 75. Habe er schriftlich bekommen. Und dann gab’s eine Abfindung und eine Beurteilung. Beides „mager“.

Damals, das war im Frühjahr 1991, nachdem die Fluggesellschaft „Interflug“, gegründet 1958, zum Pleitegeier geworden war. Der Berliner KURIER titelte am 9. Februar 1991: „Interflug am Ende. 2900 werden entlassen. Tränen in Schönefeld“.

Aus aufgeklartem Himmel war der Absturz gekommen. Anfang Januar 1991 hatte die Interflug den Betrieb nach Israel aufgenommen. Und kurz vor dem Ende hatte sich ein Sprecher der Treuhand über die Zukunft der Fluggesellschaft zuversichtlich geäußert: „Die Verhandlungen mit anderen Gesellschaften über eine Übernahme stehen kurz vor dem Abschluss.“ Nach deren Scheitern beteuerte er: „Wir haben unser Bestes versucht.“

Dass die „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ – kurz: Treuhand – bei der Privatisierung der DDR-Wirtschaft ihr Bestes versuchte, bezweifeln nicht erst seit heute Politiker, Wirtschaftsexperten und allen voran Bürger.

Der Treuhandanstalt, auf Beschluss des Ministerrats der DDR am 1. März 1990 gegründet, im Einigungsprozess dem Bundesfinanzministerium zum 1. Juli 1990 untergeordnet, fiel es zu, 8500 Volkseigene Betriebe (VEB) mit vier Millionen Beschäftigten in die Marktwirtschaft zu überführen. Präsident Detlev Karsten Rohwedder gab die Richtlinie vor, nach der auch seine Nachfolgerin Birgit Breuel handelte: Privatisieren, wo möglich, sanieren, wo möglich, stilllegen und liquidieren, wo unabweisbar. Den Wert des „ganzen Salats“ schätzte er auf 600 Milliarden D-Mark.

Als Birgit Breuel am 31. Dezember 1994 das Schild von der Fassade des Treuhandgebäudes an der Leipziger Straße/Ecke Wilhelmstraße in Berlin abschraubte, waren über 8000 VEB verkauft oder geschlossen, hatten 2,5 Millionen ehemalige DDR-Bürger ihren Arbeitsplatz verloren und die Treuhand einen Schuldenberg von 250 Milliarden D-Mark angehäuft.

„Prinzipiell richtig“ hält Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt die Privatisierung der DDR-Wirtschaft, „falsch waren die Methoden und das Tempo“. Der Treuhand fehlte es an Führungsstruktur, Personal, Zeit.

Trotz aller Proteste gegen Treuhand und Helmut Kohl: Von 1991 bis Ende 1994 verloren 2,5 Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit ...

Trotz aller Proteste gegen Treuhand und Helmut Kohl: Von 1991 bis Ende 1994 verloren 2,5 Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit ...

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... und im Oktober 1994 gewannen CDU und CSU die Bundestagswahl, was Kohl erneut zum Kanzler machte.

... und im Oktober 1994 gewannen CDU und CSU die Bundestagswahl, was Kohl erneut zum Kanzler machte.

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Norbert Kitschun war bei der Interflug als Ingenieur tätig – er musste gehen.

Norbert Kitschun war bei der Interflug als Ingenieur tätig – er musste gehen.

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Fakt ist: Ein Großteil der DDR-Betriebe war völlig veraltet. Anfang 1990 galten 60 Prozent als sanierungsbedürftig oder nicht sanierungsfähig. Trotz intensiver Suche konnte die Treuhand Betriebe nur mit erheblichen Zuschüssen veräußern.

Zu den schweren Sanierungsfällen zählte die Interflug. Anfang 1990 gab die Geschäftsleitung bekannt, dass durch die Ticketpreise nur die Hälfte der Kosten gedeckt sei und somit erheblicher Subventionsbedarf bestehe. Allein in den letzten beiden Monaten ihres Bestehens bekam die Gesellschaft Kredite in Höhe von 23 Millionen D-Mark.

Fakt ist auch: Die Privatisierung, die vor Sanierung ging, war völlig überhastet. Um den „ganzen Salat“ so schnell wie nur möglich loszuwerden, wurden Betriebe zerschlagen. Die Käufer – zu 85 Prozent aus Westdeutschland – durften sich aussuchen, welche Teile sie haben wollten. Dabei war es nicht so, dass stets die Meistbietenden den Zuschlag erhielten.

Zudem missbrauchten westdeutsche Betriebe die Treuhand, um potenzielle Konkurrenten auszuschalten. Da war zum Beispiel das Kühlschrankwerk DKK Scharfenstein (Erzgebirge). Obwohl es den ersten FCKW-freien Kühlschrank herstellte, musste es dichtmachen. Vorangegangen war eine Kampagne westdeutscher Konzerne und Verbände gegen die „gefährlichen“ Geräte aus Ostdeutschland. Wenig später produzieren sie solche Kühlschränke selbst.

Auch das war Alltag im DDR-Schlussverkauf: Unternehmenswerte wurden drastisch kleingerechnet und dubiose Käufer – ohne Bonitätsprüfung durch die Treuhand – zugelassen.

Als „Monopoly, bei dem alle über Los gehen und selten einer ins Gefängnis“ beschreibt Buchautor Michael Jürgs die Privatisierung der DDR-Wirtschaft in „Die Treuhändler. Wie Helden und Halunken die DDR verkauften“.

Ein lukratives Spielchen sah so aus: Man kaufte einen Betrieb, sackte die Subventionen ein, verkaufte die Immobilien, ließ die Firma in Konkurs gehen und setzte sich ins Ausland ab.

Übrigens waren die Treuhandchefs per Gesetz „zur gröblichen Außerachtlassung der im Geschäftsverkehr üblichen Sorgfalt“ ermächtigt, wie später im Untersuchungsausschuss „DDR-Vermögen“ festgestellt wurde.

Überhastet war nicht nur die Privatisierung, sondern auch die Währungsunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat. Mit ihr vervielfachten sich die Lohn- und Herstellungskosten für VEB, so dass der Absatz selbst lukrativer Betriebe schlagartig einbrach.

In der Währungsunion, insbesondere im Umtauschkurs 1:1 und 2:1, sieht Edgar Most, ehemals Vizepräsident der DDR-Staatsbank, die Hauptursache für den Untergang der DDR-Industrie. Most warnte Bundeskanzler Helmut Kohl vergeblich vor den Folgen. „Erst mit der D-Mark-Einführung mit diesem falschen Umrechnungskurs waren wir endgültig pleite.“

Entsprechend scharf urteilt der frühere DDR-Bürgerrechtler und jetzige Grünen-Politiker Werner Schulz: „Das gesamte Industriekapital der DDR wurde mit einem Schlag vernichtet. Im Grunde genommen ist es das größte Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands“.

Dass er als Ingenieur arbeitslos bleiben würde, hatte Norbert Kitschun nicht gedacht. Vergeblich bewarb er sich nach Ende der Interflug am Flughafen Tegel, vergeblich machte er zwei Umschulungen, und vergeblich schrieb er hunderte Bewerbungen.

Nach zehn Jahren Arbeitslosigkeit ging er in Frührente.

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