Vor 75 Jahren misslang der Versuch einer Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Hitler in den Tod zu sprengen. Warum die Nachwelt darüber froh sein kann. Eine Analyse von Arno Widmann.
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Wer in der Bundesrepublik aufwuchs, der wuchs auf mit den „Verschwörern des 20. Juli.“ In den frühen Jahren der BRD galten sie als die einzig relevante Widerstandsgruppe gegen Hitler, gegen das Naziregime. Später trat die „Weiße Rose“ hinzu, die Münchener Studenten um die Geschwister Scholl.
Im Zentrum stand dabei immer Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907–1944). Denn er war der Mann, der am 20. Juli 1944 die Aktentasche mit der Bombe, die den „Führer“ töten sollte, neben ihm abstellte. In der „Wolfsschanze“ bei Rastenburg in Ostpreußen. Die Bombe detonierte um 12.42 Uhr in der Baracke, in der die Besprechung stattfand. Hitler und 19 weitere Personen – von 24 – überlebten den Anschlag.
Noch am Abend des 20. Juli wurden Stauffenberg und drei weitere Mitstreiter erschossen.
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Für die Bundesrepublik war Stauffenberg gerade darum eine so wichtige Figur, weil er nicht von Anfang an gegen den Nationalsozialismus gewesen war. Er war einer der Millionen gewesen, die ihn nicht nur begrüßt hatten, sondern ihm auch gefolgt waren. Stauffenberg war Mitglied der „Volksgemeinschaft“ gewesen. Und er hatte sie verraten. In einem Augenblick, da Deutschlands Feinde immer stärker wurden.
Wer in der DDR aufwuchs, der wuchs auf in der Überzeugung, dass es nur eine Kraft gegeben hatte, die von Anfang an den Nationalsozialismus konsequent bekämpft hatte: die Kommunisten. Sie hatten in den Konzentrationslagern gesessen, waren ermordet worden. Wer überlebt hatte, der half jetzt beim Aufbau der DDR, eines neuen Deutschland, in dem die Wurzeln von Faschismus und Tyrannei – Junkertum und Kapitalismus – gerodet worden waren.
Der reale Sozialismus war keine Alternative zum Nationalsozialismus
Dass es einen „bürgerlichen“, gar einen „adligen“ Antifaschismus gab, wurde nicht verschwiegen, aber er war, so sah es die herrschende Lehre, völlig ungeeignet, dem Faschismus ein für alle Mal den Garaus zu machen. Zu sehr waren nicht nur seine Protagonisten verstrickt in nationalistische Ideologien, sondern – wichtiger noch – das Strukturproblem wurde nicht angepackt: „Kapitalismus führt zum Faschismus“ war die Parole.
Dieser Blick auf den Nationalsozialismus und den Widerstand gegen ihn übersah geflissentlich, was nicht zu übersehen war: Der reale Sozialismus der Sowjetunion war keine Alternative zum Nationalsozialismus. Er war das andere Großverbrechen des 20. Jahrhunderts. Zur Tragödie jener Jahre gehörte, dass die vorgebliche Therapie Teil der Krankheit war. Ganz offensichtlich waren ideologische Indoktrination, Lager, Führerkult, Massenaufmärsche und Massenmorde auch ohne Kapitalismus zu haben.
Die Rede von der Junkerverschwörung, was den 20. Juli betrifft, war nie ganz richtig und nie ganz falsch.
Der Nationalsozialismus hatte adlige Opposition, in Befehlsketten denkende Militärs, hohe Verwaltungsbeamte und Sozialdemokraten zusammen gebracht. Jede „Volksgemeinschaft“ kreiert eine Anti-Volksgemeinschaft. Die Männer und Frauen des 20. Juli bildeten eine.
General Ludwig Beck (1880– 1944), Wiesbadener Fabrikantensohn, Spross einer alten Offiziersfamilie, war in Plänen der Putschisten als neues Staatsoberhaupt vorgesehen. Kanzler sollte Carl Friedrich Goerdeler (1884–1945), Ex-Oberbürgermeister von Leipzig, werden, Vizekanzler der sozialdemokratische Gewerkschafter Wilhelm Leuschner (1890– 1944), unehelicher Sohn eines Werkmeisters.
In den ersten Putschplänen war der Sozialdemokrat Julius Leber, unehelicher Sohn eines Maurers, als Innenminister vorgesehen. Eine Junker-Regierung hätte deutlich anders ausgesehen.
Wohl keiner der Verschwörer träumte von einer parlamentarischer Demokratie
Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass man im Kreis um Goerdeler 1941 noch mit einem Deutschland liebäugelte in den Grenzen von 1938 und an die Wiedereinführung der Monarchie dachte. Wohl keiner der Verschwörer des 20. Juli 1944 träumte von der Art von parlamentarischer Demokratie, die wir heute haben. Die Bundesrepublik ist niemandes wahr gewordener Traum. So wenig wie die DDR das war.
Sehr deutlich wird das in der Rede, mit der sich Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben (1881–1944) nach gelungenem Putsch an die Soldaten wenden wollte. Witzleben erklärte, noch müsse gekämpft werden, „um zu verteidigen und zu retten, was uns teuer ist, bis ein ehrenvoller Ausgang des Krieges gesichert ist“. Er hatte ganz offensichtlich nichts begriffen. Dieser Krieg war „ehrlos“ begonnen worden, ein Verbrechen von Anfang an. Ihn zu beenden, wäre die einzige ehrenvolle Handlung gewesen.
Aber das hätte wohl Bürgerkrieg bedeutet. Es gab im Sommer 1944 noch genügend Deutsche, die sich als Herrenrasse verstanden und nur darauf warteten, dass endlich die „Wunderwaffe“ eingesetzt würde. Sie wären nicht bereit gewesen, sich den näher rückenden Russen – „asiatische Untermenschen“ nannten sie sie – zu unterwerfen oder den Amerikanern, die sie für verwöhnte Mammonanbeter hielten.
Viele Deutsche sahen sich als Herrenrasse
Wir reden heute, wenn wir vom deutschen Rassismus sprechen, viel vom Antisemitismus. Zu Recht. Aber man darf darüber nicht vergessen: Viele Deutsche sahen sich als allen anderen überlegene Herrenrasse. Ihre Vorstellung von ihrer Unbesiegbarkeit hatte zwar im Winter 1942/43 in Stalingrad einen erheblichen Knacks bekommen, aber viele hielten noch fest an der Idee, es handele sich um einen Rückschlag und setzten nach wie vor auf den Endsieg. Die Attentäter teilten diese Ansicht nicht. Dass es keinen Endsieg mehr geben würde, war vielmehr das treibende Motiv für ihre Pläne zur Beseitigung Hitlers.
Aber sie rechneten damit, dass wenn sie nicht weiterkämpften, viele Deutsche das als Dolchstoß auffassen würden, mit dem einer so lange siegreichen Armee von deren Führern im entscheidenden Moment der Garaus gemacht wurde.
Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist. Ohne die vernichtende Niederlage Deutschlands, ohne die brennenden Städte wäre denen, die ganz Europa sich unterworfen hatten, der Glaube an die eigene Herrenrassenherrlichkeit nicht auszutreiben gewesen. Dass sie von den von ihnen verachteten Russen und Amerikanern besiegt worden waren, machte ihrem absurden Ehrbegriff den Garaus. Erst das öffnete den Deutschen die Tür für den mühsamen Weg ins Freie.
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