Sieben Menschen starben

Der Tag, der Berlin erschütterte

Vor 20 Jahren kam es in der Lepsiusstraße in Steglitz zu einer Gasexplosion.

Katrin Bischoff
Lesezeit 6 Min
300 Helfer waren immer am Unglücksort. Insgesamt waren es 3000. Sie trugen 2000 Tonnen Schutt mit den Händen ab.

300 Helfer waren immer am Unglücksort. Insgesamt waren es 3000. Sie trugen 2000 Tonnen Schutt mit den Händen ab.

© Friedel

Vor 20 Jahren erschütterte eine der schwersten Gasexplosionen Berlins die Lepsiusstraße in Steglitz. Dabei starben sieben Menschen. Fragt man Michael Kulessa, wie oft er noch an jenen Tag vor genau 20 Jahren denkt, antwortet er: „Gar nicht mehr.“ Mit dem 4. August verbinde er nur eines – den Geburtstag seiner „So-gut-wie-Schwiegermutter“.

Dabei könnte der 53-jährige Justizangestellte diesen Tag feiern. Als einziger Verschütteter konnte er noch Stunden nach der Explosion aus den Trümmern des Hauses gerettet werden. Sieben Bewohner wurden – meist im Schlaf – von den Trümmern erschlagen.

Albrecht Broemme, heute 65, vor dem wieder aufgebauten Haus. 

Albrecht Broemme, heute 65, vor dem wieder aufgebauten Haus. 

© Paulus Ponizak

Es ist der 4. August 1998. Angelika W., 46, kommt morgens nach Hause. Sie hat die Zeitungen ausgetragen, wie jeden Tag. Zwei Stunden dauert ihre Runde. Angelika W. wohnt mit ihrer Mutter und der Schwester in einer Erdgeschosswohnung in der Lepsiusstraße 57. Als die Postangestellte den Lichtschalter betätigt, kommt es zur Katastrophe. Ein Funke entzündet das hochexplosive Gas-Luft-Gemisch, das sich im Haus ausgebreitet hat. Der Viergeschosser stürzt in sich zusammen. Es ist 6.01 Uhr.

Michael Kulessa liegt zu dieser Zeit noch im Bett. Er ist am Aufwachen. Zwischen Musikanmachen und Weckerklingeln, so erzählt er es heute. Er denkt im ersten Moment, er sei wieder eingeschlafen, träume schlecht. Dann wird es um ihn herum schwarz und ruhig.

„Es war, als hätte eine Bombe eingeschlagen“

Auch Albrecht Broemme schläft zu dieser Zeit noch. Berlins Feuerwehrchef wohnt nur wenige Straßen entfernt. Um 6.03 geht ein Notruf bei der Leitstelle der Feuerwehr ein. Kurz darauf klingelt Broemmes Handy. Ein Mitarbeiter des Lagedienstes erzählt von dem Unglück. Nur wenige Minuten später trifft Broemme, damals 45, in der Lepsiusstraße ein.

„Die Luft war voll von trockenem Staub. Es war, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, erinnert sich Broemme zwei Jahrzehnte später. Er sitzt in einem Café in der Lepsiusstraße – gleich neben dem Haus, das zwei Jahre nach der Explosion wieder aufgebaut wurde. Broemme ist mittlerweile Chef des Technischen Hilfswerkes (THW) in Deutschland. „Als ich den Schuttberg in der Lepsiusstraße sah, wusste ich gleich: Das wird ein Riesending.“ Broemme verschafft sich als Einsatzleiter einen Überblick. 21 Menschen sind in dem Unglückshaus gemeldet.

„Er hatte ein Mordsschwein“

In den nächsten Stunden wird klar: Dort lebten Glück und Unglück Tür an Tür. Der 62-jährige Willi B. etwa gehört zu den Glücklichen, den Überlebenden. Er verließ nur wenige Minuten vor dem Knall seine Wohnung, um seinen Dackel auszuführen.

Seine 41-jährige Tochter Eva kommt ebenfalls lebend davon. Sie verkriecht sich in der Küche unter der Spüle, kann sich dann selbst nahezu unverletzt aus den Trümmern des Hauses retten. Einige Mieter sind im Urlaub. Andere auf dem Weg zur Arbeit. Tragisch sind die Schicksale aller Toten. Etwa von Hubertus F. Der 70-Jährige wollte sich in der Lepsiusstraße eine Wohnung kaufen. Ausgerechnet in jener Nacht schlief er dort „zur Probe“ – und starb.

Bis zur Erschöpfung arbeiteten Polizisten, Feuerwehrleute, THW und DRK. 

Bis zur Erschöpfung arbeiteten Polizisten, Feuerwehrleute, THW und DRK. 

© Volkhardt Kühl

Immer mehr Helfer treffen am Unglücksort ein. Broemme verlangt Ruhe. Um Klopfzeichen von Verschütteten zu hören. Er sagt heute, dass viele Verschüttete einfach nicht gehört werden, weil die Helfer zu laut seien. Und wirklich. Wenig später ruft ein Feuerwehrmann über das Trümmerfeld: „Hier ist noch einer.“ Der eine ist Michael Kulessa. „Er hatte ein Mordsschwein“, sagt Broemme heute. Das Fahrrad, das in Kulessas Schlafzimmer stand, verhinderte, dass eine Wand den Mann erschlug.

Zentimeter für Zentimeter

Der Feuerwehrchef spricht mit dem Verschütteten, der nicht schwer verletzt zu sein scheint. Kulessa, daran kann sich Broemme noch genau erinnern, habe ihm die Telefonnummer der Mutter gesagt. Er solle sie informieren, dass er lebe. Broemme wählt die Nummer an. Er erreicht aber nur den Anrufbeantworter, auf dem er eine Nachricht hinterlässt. Kulessas Mutter ist schon längst auf dem Weg zum Unglücksort.

Die Helfer graben sich Zentimeter für Zentimeter an Kulessa heran. Der Mann unter dem Schutt macht sogar Witze, und er verspricht den Rettern Freibier, wenn er rauskommen sollte. Vier Stunden später wird er fast unverletzt gerettet. 

Eine manipulierte Gasleitung

Am Abend werden noch sieben Bewohner vermisst, darunter ein Kind – der 13-jährige Sven. Er war allein zu Hause. Hoffnung macht den Einsatzkräften ein Sonargerät. Es wird extra aus Darmstadt eingeflogen, kann lebende Organismen bis zu einer Tiefe von 30 Metern orten. Das Gerät schlägt an zwei Stellen an.

Doch die Hoffnung schwindet: Die erste Tote wird am nächsten Morgen geborgen. Wenig finden die Helfer eine zweite leblose Person. Um 7.50 Uhr retten sie Bobby, den Mischlingshund von Sven. Das Tier lebt. „Die Enttäuschung, dass das nicht das Kind war, war riesig“, erinnert sich Broemme. Dann wird der tote Junge aus dem Schutt geholt.

Solch ein Stopfen wurde von der Gasleitung gedreht. 

Solch ein Stopfen wurde von der Gasleitung gedreht. 

© Keikus

Drei Tage ist noch Hoffnung da, drei Tage wird nach Überlebenden gesucht. Dann steht die schreckliche Bilanz fest: Alle Vermissten sind tot.

Und auch die Unglücksursache steht schon bald fest. Im Keller des Hauses wurde die Gasleitung manipuliert. Jemand entfernte den Stopfen von einer Leitung. Der Verdacht richtet sich sehr schnell gegen Sven, er konnte aber nie erhärtet werden. „Für die Eltern, die ihren Jungen zu Grabe tragen mussten, war das gut“, sagt Broemme heute.

„Das ist nicht mein Tag zum Sterben“

Michael Kulessa ist nach seiner Rettung nie wieder in die Lepsiusstraße zurückgekehrt. Er hat aber die Party für seine Retter gegeben. „Mir war damals unter den Trümmern schnell klar: Das ist nicht mein Tag zum Sterben“, sagt er. Dank seiner Retter. „Sie haben sich in Lebensgefahr begeben, um mich dort herauszuholen.“ Die Arbeit der Feuerwehr in Berlin werde heutzutage viel zu wenig gewürdigt.

Und Albrecht Broemme? Er hat Kulessa nie wieder getroffen. Dafür aber seine Mutter – durch Zufall. Als er vor zwei oder drei Jahren in einem Flugzeug saß, kam eine Frau zu ihm. „Sie haben meinen Sohn gerettet“, sagte sie. Kulessas Mutter habe ihm dann erzählt, dass sie seine Nachricht auf dem Anrufbeantworter nie gelöscht habe.

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com