125 Jahre Hertha BSC

Geburt der Alten Dame im Jahrhundert der Männer

Wie war der Zeitgeist in Herthas Gründungsjahr 1892? Vor allem männlich.

Paul Linke
Lesezeit 3 Min
Gründungsmannschaft: in der Mitte der 1. Vorsitzende Lothar Winestädt, weitere Spieler: Steffen, Frensch, Lambaiet, Rosenthal, Mörsch, de Welk, Kern, Willy und Lorenz.

Gründungsmannschaft: in der Mitte der 1. Vorsitzende Lothar Winestädt, weitere Spieler: Steffen, Frensch, Lambaiet, Rosenthal, Mörsch, de Welk, Kern, Willy und Lorenz.

© Ullstein

Heinrich Zille ist im Umzugsstress. Der Spaziergänger, Menschenbeobachter, Grafiker, Maler und Stadtfotograf verlässt den proletarischen Osten der Stadt Richtung Bürgertum und Charlottenburg. Ein Fall von sozialem Aufstieg. Sein Thema ist eher der Abstieg: das Arbeiterleben im vierten Hinterhof, die Möbelkarren ziehenden Männer in Schiebermützen, Reisigsammlerinnen – Dreck, Bordell und Karussell. Wie kein anderer zeigt Zille eine wachsende und Schornsteine aus dem Boden spuckende Stadt: Borsig, Agfa, Siemens & Halske, AEG. Berlin ist Industriemetropole, Moloch, das Zentrum pickelhaubiger Militarisierung und marschierender Kaiserhuldigung. Aber lassen wir lieber Zille berichten: „Von’s Vergnügen der reichen Leute ham wir Armen doch noch immer wat: von die Pferde die Wurscht, von die Zigarr'n und die Zigaretten die Stummel, von die Flieger die Notdurft un von die Automobile den Jestank.“ So roch die Jahrhundertwende.

Im November bricht das Chaos aus

Zuvor, im Februar 1892, meldet Rudolf Diesel beim kaiserlichen Patentamt eine „Neue rationelle Wärmekraftmaschine“ an, ein Jahr später läuft der erste Verbrennungsmotor. Im April 1892 und in Anwesenheit von Wilhelm Zwo präsentiert die Stahlfirma Krupp ein Geschütz mit einer Reichweite von zwanzig Kilometern. Im gleichen Monat meldet das Teltower Kreisblatt: „In der Nähe des Potsdamer Bahnhofes wurde am Mittwoch gegen Mittag eine Windhose von ganz riesigen Dimensionen beobachtet.“ Heute würde man wahrscheinlich Tornado sagen. Auf einem Chirurgenkongress wird im Juni 1892 die Methode der Lokalanästhesie vorgestellt. Und im November bricht Chaos aus.

Die mit kräftiger Blasmusik eröffnete Ausstellung des Malers Edvard Munch („Angst“) im Berliner Architektenhaus wird nach einer Woche wieder geschlossen. Der Kaiser ist entsetzt, die Kollegen empört. Überliefertes Zitat: „Das soll Kunst sein? Das ist fremd, abstoßend, hässlich, gemein! Hinaus mit den Bildern!“ Es ist die Wirklichkeit. Die Kunstszene bald danach entzweit.

Der im Herbst gewählte Oberbürgermeister Robert Zelle stammt aus Berlin. Und so einen  echten Berliner gibt es 1892 eher selten. Die meisten der fast zwei Millionen Einwohner sind Zugezogene aus Brandenburg, Ostpreußen oder Schlesien. Die beliebte Doppelung „Berlin! Berlin!“ steht für das Wachstumstempo der Stadt. Die Menschen leben in Mietskasernen mit meist nur einem beheizten Zimmer, sie suchen Antworten auf die soziale Frage. Und im Spätsommer geht die Sorge um, sich mit Cholera anzustecken. Die letzte Epidemie mit Tausenden Toten liegt ja noch keine dreißig Jahre zurück. Die hygienischen Missstände in der preußischen Militär- und Universitätsklinik Charité zu Berlin sorgen erst ein Jahr später für einen stadtweit diskutierten Skandal. An Nikolaus 1892 stirbt der Ingenieur und Industrielle Werner von Siemens in Charlottenburg.

Haltung, die ans Ende des 19. Jahrhundert erinnert

Was noch? Vielleicht eine Neuerscheinung auf dem Berliner Buchmarkt? Bitte: „Die elegante Hausfrau1892: Mitteilungen für junge Hauswesen – Mit besonderen Winken für Offiziersfrauen.“ Die Autorin heißt Isa von der Lütt und verfasst später die Fortsetzung über „Das feine Dienstmädchen“ und „Die gesellige Hausfrau“. Fußball ist natürlich noch reine Männersache.

Ist er übrigens heute noch, zumindest bei Hertha. Im Präsidium sitzt nur eine Frau, und eine Frauenmannschaft will sich die Klubführung seit zwei Jahren nicht mehr leisten. In diesem Verein, der einen Mädchennamen trägt, herrscht hier noch eine Haltung, die ans Ende des 19. Jahrhundert erinnert.

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